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Buch für Fans: 150 Jahre Märklin

Foto: Märklin / Europmedia Verlag

Lesetipp Eine Welt aus Blech

Seit Februar kämpft Märklin unter Insolvenzverwaltung ums Überleben. Jetzt feiert ein opulentes Buch die Traditionsmarke und zeigt, was wir mit ihr verlieren würden: Die Geschichte von 150 Jahren Metall- und Elektrospielzeug ist ein Stoff, bei dem Nerds glänzende Augen bekommen.

Ich gehörte nicht dazu, als ich ein Kind war. Aus Platz-, Geld- und anderen Gründen hat es die große Sperrholzplatte, auf der nach und nach in jahrelanger Ergänzung ein Abbild der Welt hätte entstehen können, in meiner Jugend nicht gegeben. Keine modellierten Berge und Wälder, keine Tunnel und Trassen, Schulen, Dörfer und Bahnhöfe. Keine Fracht-, Bummel- oder Fernverkehrszüge, die auf sich kreuzenden Schienenwegen umherzuckelten und koordiniert werden wollten. Kein Mini-Stellwerk, das mir mit wenigen Knöpfen die absolute Kontrolle über die Mobilität der Welt im Kleinen gegeben hätte.

Ich gebe es zu: Ich wollte das alles auch gar nicht, es kam mir langweilig vor. Viel spannender war es, Carrera-Schienen in den vier, fünf Varianten zusammenzustecken, die das vorhandene Material hergab. Den Gasdrücker in der Hand, die Wagen an der Grenze der Straßenhaftung um die Kurven fauchen oder sie mit großem Hallo sich vielfach überschlagend ganz gezielt entgleisen und in Hindernisse rasen zu lassen. Das war Action - und Märklin etwas für diese seltsamen Männer, die mit glänzenden Augen und der Mini-Klebstofftube in der Hand einzelne Bäumchen zu Wäldern montierten. Langweilig.

Aus der Perspektive des Langweilers sieht das heute ganz anders aus.

Sowohl Fans der mobilen Mini-Welten wie Skeptikern, die sich nicht erklären können, was daran toll sein soll, bietet "Die Legende lebt - 150 Jahre Märklin" vertiefte Einblicke. Hier die technischen Daten des Buches vorab:

  • Erschienen: September 2009
  • Seiten: 240
  • Format: 318 x 228 x 26 mm
  • Gewicht: 1380 Gramm
  • Zahl der Fotos: 409
  • Papier: 135g/qm holzfrei matt Bilderdruck
  • Gebundene Ausgabe

Das ist eine richtige, aber natürlich ziemlich dumme Beschreibung für ein Buch, eine deplatzierte Reduktion auf das Technische. Wer sich stattdessen blätternd, lesend und die Bilder bestaunend darauf einlässt, begreift schnell, dass eben das auch für den Inhalt gilt: Es ist genauso unsinnig, das Thema Märklin auf die Technik zu reduzieren. Es ist mehr als nur ein "Bastler-Thema". Spätestens beim Betrachten der Bilder wird klar: Es ging nie nur um die Modelleisenbahn, die im Kreis fährt. Es ging um das, worum sie ihre Kreise zog - eine ganze nachgebildete Welt, die man sich per Modellschiene erschloss. Das ist ein ganz schön emotionales Thema.

So feiert der von Klaus Eckert, einem Veteran unter den Modelleisenbahn-Autoren des Landes herausgegebene Prachtband nicht nur stolz die Geschichte einer Marke, einer Arbeits- oder Produktwelt. Er erzählt auch Kultur- und Sozialgeschichte, führt uns auf nostalgische Reisen in die eigene Kindheit und die unserer Vorfahren bis in die vierte, fünfte Generation zurück. Einigen von uns zeigt er - siehe oben - was wir alles verpasst haben, als wir stattdessen Carrera-Autos um die Kurven heulen ließen.

Puppenküchen, Dampfmaschinen, Eisenbahnen

Natürlich ist der Band in erster Linie eine Firmengeschichte. Dass er im Jahr ihrer Insolvenz erschien, kann man als stolzen Trotz verstehen oder beginnende Trauerarbeit, beides scheint mitzuschwingen in den Essays (die die Krise völlig aussparen) und opulenten Bilderstrecken einer beispiellos detaillierten Spielzeugwelt (siehe oben). Man liest das mit Gewinn, lernt, dass die Gründungsgeschichte der Marke Märklin dominiert wurde durch eine findige Unternehmerin.

Ab 1859 mischte Caroline Märklin in der Manufaktur für Haushaltsgegenstände und Puppenküchen mit. Sieben Jahre später nahm sie - zur Witwe geworden - die Zügel selbst in die Hand und positionierte die Firma um, wie man heute sagen würde: Märklin mauserte sich zum Spezialisten für Blechspielzeug aller Art. Ende des 19. Jahrhunderts waren die Verkaufsschlager Dampfmaschinen, bereits 1891 aber auch eine erste Eisenbahn. Erst ab 1910 standen diese dann im Mittelpunkt des Produktportfolios.

Das sind die Teile des Buches, die wohl jedem Spaß machen. Es gibt andere, in denen es dann weit insiderischer zugeht, in denen die Vorzüge der Spurgröße H0 gegen die der Spur N - bei Märklin erst seit Übernahme der Minitrix-Produkte vertreten - aufgewogen werden. Das ist Hardcore-Info für Modellbahn-Nerds, für technisch interessierte Leser aber immer noch nett, weil es so absurd detailverliebt ist.

Genau daraus beziehen dann selbst trockenere Texte ihren nerdigen Humor. Mit Akribie und großem Ernst wird da geschildert, wie die Technik im Inneren tickt, wie im Zubehörprogramm alles bis hin zum Hochofen angeboten und per Sprühfarbe künstlich beschmutzt wird, um den wahren industriellen Touch zu erhalten. Links daneben steht dann das passende, großformatige Bild, und man kommt nicht umhin, zu staunen: Wenn mir jemand erzählte, dass der gezeigte Hochofen auch nach Koks, Rauch, leicht ölig und nach Rost roch, würde ich wahrscheinlich fragen, ob der Modellbauer auch eine Wärmequelle eingebaut hatte. Und warum riecht nicht auch das Buch nach Hochofen, wenn man sich so etwas ansieht? Schön ist das, weil selbst der matte Fotodruck des Bandes noch das Alter der Bilder oder fotografierten Objekte unterstreicht.

Unter dem Strich ist "Die Legende lebt" natürlich vor allem ein Buch für Fans. Es ist aber auch ein Schmöker, ein Blätter-Buch, das man selektiv und in beliebiger Reihenfolge der Kapitel lesen kann, wenn man will. Eine Firmengeschichte, die gut genug geschrieben ist, auch Lesern Spaß zu machen, die offen für die späte Entdeckung sind, dass sie Fans hätten sein können.


Klaus Eckert (Hrsg.): Die Legende lebt - 150 Jahre Märklin; Klartext-Verlag Essen, 2009. Gebundene Ausgabe, 240 Seiten, 29,95 Euro

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