LG G3 im Test Das Handy mit dem Über-Bildschirm
Nein, das ist kein Metall. Ich muss das immer wieder sagen, als ich Kollegen und Freunden das neue G3 von LG zeige. Die Illusion ist einfach gelungen, die Rückseite des neuen Oberklasse-Geräts wirkt wie gebürstetes Metall, selbst im direkten Vergleich mit dem One (M8) von HTC, das wirklich aus Metall hergestellt wird (siehe Fotostrecke). Man könnte sagen, die Koreaner lassen sich nicht vom Kunststoff abbringen. Immerhin bietet der ja ein paar Vorteile. Er ist etwa durchlässig für Funkwellen, leichter als Metall und vor allem billiger.
Unter der Plastikhülle des G3 steckt ein knapp 2,5 GHz schneller Quadcore-Prozessor, der genug Leistung bietet. Im Benchmark-Test schneidet er aber schlechter ab als beispielsweise Apples A7 aus dem iPhone 5s. Trotzdem schien der Chip, dem im 16-GB-Gerät 2 GB Arbeitsspeicher zur Seite stehen, im Test nie überfordert, auch nicht, wenn ich grafisch anspruchsvolle Spiele auf ihn losließ.
Das Highlight des G3 ist der Bildschirm, obwohl das auf den ersten Blick kaum auffällt. Man muss schon genau hinsehen, um den Unterschied zu den Full-HD-Displays zu erkennen, die sonst üblicherweise in Mobiltelefonen dieser Größe arbeiten. Im Gegensatz zu deren 1920 x 1080 Pixeln hat LG hier auf 5,5 Zoll 2560 x 1440 Bildpunkte zusammengepresst, das sind fast doppelt so viele. Kein anderer Hersteller ist derzeit in der Lage, ein vergleichbares Gerät mit der Quad HD (QHD) genannten Auflösung anzubieten.
Was bringt Quad HD?
Wirklich profitieren kann man davon aber nur in der Benutzeroberfläche und beim Betrachten selbst aufgenommener Fotos und Videos. Ansonsten sieht es mit entsprechend vorbereiteten Apps und Inhalten mau aus. Oft ist deshalb kein oder kaum ein Unterschied zu Full HD erkennbar.
Das soll jedoch nicht heißen, dass das Display schlecht ist. Im Gegenteil: Das LG G3 hat eines der besten, wenn nicht das beste Handy-Display, dass man derzeit bekommen kann. Kinofilme, auch wenn sie "nur" in Full HD vorliegen, sehen darauf fantastisch aus, Websurfen macht wegen der scharfen Schrift und knackiger Bilder Spaß. Und weil der Bildschirm hell genug hinterleuchtet ist, funktioniert das auch bei strahlendem Sonnenschein gut.
Modifizierbare Benutzeroberfläche
Den mit dem G2 eingeführten, ungewöhnlich in der Mitte des Handyrückens platzierten Einschaltknopf samt Lautstärkewippe findet man auch im G3 an dieser Position wieder. Genau wie beim G2 führt auch hier die Anbringung direkt unter der Kamera dazu, dass man beim Einschalten unabsichtlich mit den Fingern das Objektiv berühren kann.
Allerdings braucht man den Einschaltknopf nur selten. Denn zum Aufwecken aus dem Ruhezustand reicht es - wie beim G2 -, auf den Bildschirm zu tippen. Zusätzlich zu dieser Knock On genannten Funktion lässt sich das G3 auch über einen sogenannten Knock-Code entsperren. Dazu muss man einfach eine selbstdefinierte Abfolge von Fingertipps auf das Display klopfen. Das ist einfach und praktisch, dauert aber mit zwei bis drei Sekunden vergleichsweise lange.
Wie schon beim Vorgänger hat LG auch für das G3 Googles Android aufs Heftigste modifiziert, vor allem, was die Optik angeht. Wer will, kann das Erscheinungsbild des Betriebssystems komplett umkrempeln, andere Schriftarten und -größen einstellen oder die Anordnung der Navigationsknöpfe ändern.
Kamera mit Laser-Unterstützung
Die Kamera-App dagegen wirkt ausgesprochen bescheiden. Nur vier verschiedene Aufnahmemodi stehen zur Verfügung, von denen "Magischer Fokus" der interessanteste ist, weil er ein nachträgliches Scharfstellen auf unterschiedliche Bildbereiche ermöglicht. Ansonsten fotografiert man vor allem im Automatikbetrieb, der allerdings meist gute Resultate hervorbringt. Nur bei Dunkelheit werden helle Bereich oft so stark überbetont, dass sie das Bild überstrahlen.
Foto-Enthusiasten, die gern selbst ein wenig an der Bildentstehung herumschrauben, werden ohnehin enttäuscht sein, dass es keine manuellen Möglichkeiten gibt, auf die Fotos Einfluss zu nehmen. Nicht einmal die Iso-Stufe lässt sich vorwählen. Aber diesen Kritikpunkt kann LG mit einem Software-Update ausbügeln.
Die Grundlagen für sehr gute Handy-Fotos bringt das G3 jedenfalls mit. Vor allem das optische Bildstabilisierungssystem und der Laserfokus helfen hier enorm. Zum einen stellt die Kamera rasend schnell auf das per Fingertipp ausgewählte Motiv scharf, zum anderen gelingen in fast jeder Situation verwackelungsfreie Aufnahmen.
Fazit
Nur wegen des Bildschirms sollte man das G3 nicht kaufen. Als Gesamtpaket aber kann es mit den derzeit besten Android-Handys, dem HTC One (M8) und Samsungs Galaxy S5, problemlos mithalten. In mancherlei Hinsicht übertrifft es sie sogar - auch wenn es nur aus Plastik ist.
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