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18. April 2016, 06:59 Uhr

LG G5 im Test

Modulares Smartphone ohne Module

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Endlich, ein Smartphone, das sich mit Modulen schnell umbauen lässt - so die Hoffnung, als LG sein G5 vorstellte. Doch der Test bringt Ernüchterung.

Als LG das G5 vorstellte, war es das Gesprächsthema Nummer eins auf der Handymesse Mobile World Congress (MWC) in Barcelona. Zum ersten Mal kündigte ein großer Hersteller ein Smartphone an, das zumindest ein Stück weit modular aufgebaut ist. Über den sogenannten Magic Slot soll es sich um neue Funktionen erweitern lassen, ganz wie man mag. So jedenfalls das Versprechen auf der Messe. Jetzt kommt das G5 in den Handel und ich hatte gut eine Woche Zeit, das Handy im Alltag zu testen.

Zunächst bekam ich allerdings nur eine Sparversion. Die beiden bisher angekündigten Zusatzmodule Cam Plus und Hifi Plus sind noch nicht lieferbar. Sobald sie bei mir eintreffen, liefere ich einen entsprechenden Test nach. Bis dahin beschäftige ich mich mit dem Handy selbst.

Dabei fällt zuerst auf, dass LG auch beim Design manches anders macht als die Konkurrenz. So wird der Rückendeckel von einem Metallstreifen eingerahmt, der sich spürbar scharf anfühlt, wenn man mit dem Finger darüber streicht. Der ansonsten plane Bildschirm ist zur Oberkante hin leicht gebogen und um die beiden Kameras auf der Rückseite - ja, es sind zwei - erhebt sich eine sanfte Wulst aus dem Gehäuse (siehe Fotostrecke).

Das Gehäuse des G5 ist schon von einigen Testern kritisiert worden. Laut dem Hersteller besteht es aus Metall. Doch dann tauchte ein Video auf, in dem YouTuber Jerry Rig Everything mit einem Teppichmesser eine beträchtliche Schicht Farbe und eine graue Masse von einem G5 abkratzt. Die Vermutung lag nahe: Eigentlich hat das Handy eine Kunststoffhülle, unter der nur eine dünne Schicht Metall steckt.

LG reagierte schnell, erklärte, was es mit der grauen Masse auf sich hat. Das Gehäuse sei aus der neuen Aluminiumlegierung LM201 hergestellt, die im Druckgussverfahren geformt wird. Ein Vorteil davon sei, dass die Antennen direkt in das Metallteil eingelassen werden können. In einem späteren Arbeitsschritt werde dann eine Grundierung aufgebracht - die graue Masse. Diese werde schließlich mit einer mit Metallpartikeln vermischten Farbe lackiert.

Ausreichende Ausdauer

Unter seinem Materialgemisch hat LG hochwertige Hardware verbaut. Den Quadcore-Prozessor verwendet Samsung auch in der US-Version des Galaxy S7, 4 GB Arbeitsspeicher sind großzügig bemessen. Das 5,3 Zoll große Display ist sehr scharf, kann sehr hell leuchten, büßt aber von der Seite betrachtet etwas Helligkeit ein.

Apps zur Leistungsmessung attestieren dem G5 eine Performance, die in etwa gleichauf mit Samsungs Galaxy S7 liegt. Das reicht nicht nur für alle aktuellen Apps und Spiele, sondern dürfte auch für die Updates der nächsten paar Jahre genug Spielraum bieten.

Die Akkuleistung wird davon nicht beeinträchtigt. Das G5 ist kein Ausdauertalent, ihm geht aber auch nicht zu früh die Puste aus. Im Test spielte es ein Full-HD-Video fast acht Stunden lang in einer Endlosschleife ab, bevor es sich selbst abschaltete. Das mitgelieferte USB-3.0-Schnelladegerät sorgte dann dafür, dass der Stromspeicher erfreulich flink wieder aufgeladen wurde.

Alternativ lässt sich der Akku auch einfach gegen ein aufgeladenes Exemplar austauschen (siehe Fotostrecke). Laut LG wird ein solcher Austauschakku rund 30 Euro kosten.

Knick in der Optik

Auch das Kamerasystem des G5 ist bemerkenswert. In diesem Fall muss man tatsächlich von einem System sprechen, da neben der 8-Megapixel-Frontkamera zwei weitere Kameras im Rücken des Geräts stecken. Eine davon ist ein 16-Megapixel-Modell mit 78 Grad Blickwinkelbreite, quasi der Standard bei Handys.

Die andere hat nur 8 Megapixel, dafür aber ein Weitwinkelobjektiv, das 135 Grad abdeckt. Der Unterschied ist auf unseren Testbildern deutlich sichtbar: Das Weitwinkelobjektiv deckt natürlich einen viel größeren Bereich ab. In der Kamera-App schaltet man zwischen den beiden Modi um.

Grundsätzlich ist diese Option gut, denn die Weitwinkelkamera erweitert die fotografischen Möglichkeiten drastisch. Landschaften lassen sich in epischer Breite aufnehmen, auf Gruppenfotos passen mehr Menschen. Unser Testfoto zeigt aber auch, wie stark die Linsen solche Bilder an den Rändern verzerren.

Fazit

So richtig begeistern kann mich das G5 nicht. Es hat zwar einen schnellen Prozessor und einen hellen Bildschirm, bietet ansonsten aber eher Mittelmaß. Die zusätzliche Weitwinkelkamera ist ein nettes Gimmick, fotografische Höhenflüge ermöglicht sie nicht. Abzuwarten bleibt noch, ob die "Friends" genannten Zusatzmodule das Versprechen vom modular aufgebauten Smartphone einlösen können.

Anmerkung der Redaktion: Nach Veröffentlichung dieses Artikels hat LG uns den Preis für einen Austauschakku mitgeteilt. Wir haben die entsprechende Angabe im Text nachgetragen

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