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27. Mai 2018, 09:19 Uhr

Neue Fototechnik

So funktionieren Multi-Objektiv-Kameras

Von "Docma"-Autor Michael J. Hußmann

Gute Fotos gelingen nicht nur mit großen Fotoapparaten. Moderne Smartphones und ein neuartiges Kamerasystem kombinieren stattdessen viele kleine Kameramodule, um hochwertige Bilder zu schießen.

Größe und Gewicht gelten traditionell als unverzichtbar, wenn es um eine hochwertige Kameraausrüstung geht. Nur die Pixel eines großen Sensors sammeln genug Licht für eine optimale Aufnahme, und die Objektive brauchen lange Brennweiten und einen großen Linsendurchmesser, damit auch genügend Licht zum Sensor gelangt.

Wenn aber Sensor und Objektiv in einem Smartphone oder einer Kompaktkamera Platz finden sollen, die man in die Jacken- oder Hosentasche stecken kann, ist der Spielraum beschränkt. Eine Gehäusetiefe von wenigen Millimetern bietet nur Platz für kurze Brennweiten und entsprechend kleine Sensoren. Die miniaturisierten Kameramodule können nur wenig Licht sammeln, was die erreichbare Bildqualität beschränkt.

Ein schon seit 15 Jahren beschrittener Ausweg besteht darin, das Objektiv hochkant oder quer in die Kamera einzubauen und den Strahlengang wie beim Periskop eines U-Boots um 90 Grad zu knicken. Solche "gefalteten" (englisch "folded") Optiken ermöglichten kompakte Kameras, die auch eingeschaltet und in der Tele-Stellung ihres Zoom-Objektivs nicht tiefer als 20 Millimeter waren.

Periskop-Objektive eignen sich auch für den Einbau in die noch flacheren Smartphones, doch wird der knappe Platz in deren Gehäusen vor allem für das Display und den Akku benötigt, sodass weiterhin an der Größe der Kameramodule gespart werden muss.

Das zur Umleitung des Strahlengangs nötige Prisma lässt sich zur Bildstabilisierung nutzen, wenn es drehbar gelagert ist und in zwei Richtungen gekippt werden kann. Ein drehbares Prisma benötigt weniger Platz als die sonst verwendete verschiebbare Linsengruppe oder ein beweglicher Sensor.

Ein ungleiches Paar

Wenn ein einziges, miniaturisiertes Kameramodul nicht die gewünschte Bildqualität liefert und für eine größere Kamera kein Platz ist, kann man den Output von zwei oder mehr Modulen zu einem qualitativ besseren Bild verrechnen. Diesen Weg gehen mittlerweile fast alle Hersteller von Smartphones: Von 2015 bis zum Sommer 2017 ist der Anteil verkaufter Smartphones mit dualen Kameramodulen von 0 auf 25 Prozent gestiegen. Dabei werden allerdings ganz unterschiedliche Ansätze verfolgt.

Huawei hat gemeinsam mit Leica Handys entwickelt, deren Kamera einen Farbsensor mit Farbfiltern im Bayer-Muster und einen Schwarz-Weiß-Sensor kombiniert. Durch den Wegfall der Farbfilter ist der Schwarz-Weiß-Sensor etwas mehr als eine Blendenstufe empfindlicher, und da bei diesem Sensor keine Interpolation zwischen benachbarten Pixeln nötig ist, löst er auch besser auf. Die Verrechnung der Bilder beider Sensoren erzeugt daher ein sowohl rauschärmeres als auch detailreicheres Bild.

Andere Hersteller wie beispielsweise Apple haben ein zweites Kameramodul genutzt, um mit zwei verschiedenen Brennweiten arbeiten zu können. Neben dem für Smartphones typischen Weitwinkelmodul gibt es ein Telemodul, dessen Brennweite allerdings eher einer Normalbrennweite entspricht. Damit lässt sich zunächst einmal ein Digitalzoom ohne nennenswerten Auflösungsverlust realisieren.

Bei einem herkömmlichen Digitalzoom wird das vom Sensor gelieferte Bild lediglich hochskaliert, wodurch aber keine feineren Details aufgelöst werden und das Bild mit zunehmendem Zoomfaktor unschärfer erscheint. Bei einer dualen Kamera mit einem zweitem Modul längerer Brennweite liefert das Telemodul ein hochaufgelöstes Bild.

Die dualen Kameramodule von Corephotonics können nicht nur zwischen den beiden Brennweiten umschalten, sondern beide Bilder für eine verbesserte Auflösung kombinieren: Je weiter man zoomt, desto größer wird der Ausschnitt, in dem das Telemodul für eine hohe Auflösung sorgt, bis die Brennweite des Telemoduls erreicht ist und nur noch dieses das Bild liefert.

Da die beiden Module einer dualen Kamera neben- oder untereinander liegen, gibt es zwischen ihnen eine Parallaxe, und die daraus resultierende Verschiebung der Objekte in den Bildern beider Kameras lässt sich nutzen, um die Entfernung einzelner Bildteile zu bestimmen - je stärker die Verschiebung, desto näher befindet sich das Objekt. Die so gewonnene Tiefeninformation erweist sich als nützlich, wenn ein fokussiertes Motiv vor einem unscharfen Hintergrund freigestellt werden soll. Beide Kameramodule liefern auch im Hintergrund noch relativ scharfe Bilder, aber durch eine tiefenabhängige Weichzeichnung entsteht ein realistischer Unschärfeverlauf.

Rechnerei

Die Fotografie mit zwei oder mehr Kameramodulen ist erst praktikabel, seit es Prozessoren gibt, die bei moderatem Stromverbrauch den Anforderungen gewachsen sind, die sich aus der Verrechnung der Bilder ergeben.

Bevor die Bilder von zwei Kameramodulen kombiniert werden können, müssen zunächst deren unterschiedliche Eigenschaften angepasst werden. Die einzelnen Kameramodule zeigen Unterschiede bei der Verzeichnung, dem Abbildungsmaßstab und der Lage der Bilder. Da diese zum Herstellungszeitpunkt bekannt sind, kann man sie in der Kamera speichern und nach der Aufnahme in einem ersten Schritt herausrechnen.

Für die Feinabstimmung ist es nötig, die Parallaxverschiebung für jedes Bilddetail zu bestimmen und auszugleichen. Erst danach können die Bilder beider Kameramodule miteinander verrechnet werden.

Dabei sind verschiedene Probleme zu lösen. Wenn die beiden Module unterschiedliche Brennweiten haben, bilden sie vor und hinter der fokussierten Entfernung unterschiedlich scharf ab, und der Algorithmus muss sich zwischen einer Übernahme des scharfen oder des unscharfen Bildes entscheiden. Aufgrund der Parallaxverschiebung kann ein Kameramodul möglicherweise Teile eines Objekts sehen, die im Bild des anderen Moduls durch ein weiter vorn liegendes Objekt verdeckt werden. Eine Verrechnung von Details kann aber nur erfolgen, wenn beide Bilder dieses Detail zeigen. Die resultierende Bildqualität hängt letztendlich mehr vom Verrechnungsverfahren als von der Abbildungsqualität der einzelnen Kameramodule ab.

16 Kameras

Die US-Firma Light hat das Konzept, eine große und schwere Kamera durch die Kombination mehrerer kleiner Kameramodule zu ersetzen, auf die Spitze getrieben. Die Light L16 enthält 16 Kameramodule mit 13-Megapixel-Sensoren und Objektiven fester Brennweite: Je fünf haben eine kleinbildäquivalente Brennweite von 28 beziehungsweise 70 Millimetern und sechs eine Brennweite von 150 Millimetern - die realen Brennweiten gibt der Hersteller nicht an. Die Telemodule sind so lang, dass sie sich nur in Periskopbauweise realisieren ließen, und selbst damit ist die L16 noch gut 24 mm tief.

Das "optische 28-150 mm Zoom", von dem der Hersteller spricht, ist tatsächlich ein Digitalzoom, das Aufnahmen mit je zwei Brennweiten variabel miteinander verrechnet, um Werte zwischen den drei Festbrennweiten zu simulieren.

Da es von jeder Brennweite fünf beziehungsweise sechs Module gibt, die aufgrund ihrer Ausrichtung und der Parallaxverschiebung unterschiedliche Blickwinkel haben, werden teilweise überlappende 13-Megapixel-Bilder aufgenommen, sodass die Kamera durch eine Fusion von mindestens zehn Aufnahmen ein Bild mit 52 Megapixeln berechnen kann, das im JPEG- und DNG-Format gespeichert wird.

Dem Augenschein zum Trotz ist die L16 kein Smartphone, sondern eine reine Kamera, die nicht das Handy, sondern eine große und schwere Spiegelreflex-Ausrüstung ersetzen soll. Mit der L16 kommt man daher auch nicht direkt ins Internet, um Aufnahmen mit anderen zu teilen, sondern muss sich in einem WLAN anmelden, bevor ein Upload möglich ist.

Instant Brenizer-Effekt

Mit 16 Kameramodulen nutzt die L16 eine Form der von dem Fotografen Ryan Brenizer popularisierten Methode, durch das Stitching überlappender Tele-Aufnahmen einen großen Bildwinkel zu erfassen, dabei aber die geringe Schärfentiefe von Bildern mit langer Brennweite zu erhalten - daher wird das Verfahren auch als Bokehrama bezeichnet.

Die Kamera umgeht so den Nachteil kleiner Sensoren und kurzer Brennweiten, Motive nicht vor einem unscharfen Hintergrund freistellen zu können. Noch mehr Hintergrundunschärfe lässt sich künstlich hinzufügen, und zwar auf die gleiche Weise, wie sie Apple und andere Smartphone-Hersteller nutzen. Auf Basis der Parallaxverschiebung, die sich durch die große Zahl gleichzeitig belichteter Aufnahmen besonders präzise bestimmen lässt, erzeugt der Prozessor der L16 eine Tiefenkarte und kann daraus ablesen, wo welches Ausmaß an Unschärfe hinzugefügt werden sollte. Dies ist auch im Nachhinein mit der vom Hersteller mitgelieferten Software möglich.

Mehr Licht

Mit welcher Methode man auch immer versucht, die Bildqualität zu verbessern - ausschlaggebend ist stets die Menge an Licht, die während einer Belichtung eingefangen wird. Für mehr Licht auf dem Sensor können größere Objektive sorgen, aber auch die Kombination mehrerer Objektive und Sensoren bewirkt, dass am Ende mehr Licht zu einem Bild beiträgt.

Bei der L16 lässt sich der Effekt abschätzen, denn die Fusion von zehn Aufnahmen entspricht ungefähr der Wirkung eines Sensors mit dreifacher Diagonale und ebenso viel längeren Objektiven. Damit könnte annähernd das Niveau einer Micro-Four-Thirds-Kamera erreicht werden.

Inwieweit die L16 ihr Potential verwirklichen kann, wird sich erst beurteilen lassen, wenn die 2050 Euro teure Kamera für Tests zur Verfügung steht.

Während sich duale Kameramodule in Smartphones weiter durchsetzen und zur Standardausstattung entwickeln werden, sind die Aussichten der Light L16 weniger klar. Schließlich kann sie nicht das ohnehin vorhandene Smartphone ersetzen und ist weniger flexibel und ausbaufähig als eine Systemkamera samt Objektiven - nicht einmal ein Blitzanschluss ist vorgesehen.

Die L16 kann bei vergleichbaren Kosten nur mit ihren geringen Maßen (165 × 84,5 × 24,1 Millimeter) und dem Gewicht von lediglich 435 Gramm punkten. Das Konzept der Fotografie mit multiplen Kameramodulen dürfte aber in jedem Fall eine Zukunft haben.


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