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Mac OS X 10.7 Lion: Das neue Apple-System

Mac OS X 10.7 Lion Apples Löwe frisst die Maus

Wischen statt Klicken, Touchpad statt Maus: Apples neues Betriebssystem Mac OS X 10.7, Codename Lion, hat sich Gestensteuerung und Bedienkonzept bei iPhone und iPad abgeguckt. Wir haben vorab ausprobiert, ob die Software hält, was Apple verspricht.

Apple verspricht, die achte Auflage seines Betriebssystems Mac OS X würde "das fortschrittlichste Desktop- Betriebssystem der Welt noch weiter vorantreiben": Eine ganz schön forsche Ansage. Laut Apple haben die Entwickler 250 neue Funktionen in die Software mit der Versionsnummer 10.7 und dem Codenamen Lion eingearbeitet. Viele davon werden Normalnutzer allerdings kaum bemerken. Andere dagegen stechen sofort ins Auge oder sind wichtig für Apple, weil sie wachsende Geschäftsfelder pflegen und neuen Kunden den Einstieg in die Mac-Welt erleichtern sollen.

Vor allem Letzteres dürfte sich für Apple lohnen. Rund die Hälfte aller neu verkauften Macs gehen an Umsteiger aus der Windows-Welt. Die zieht sich der Konzern seit Jahren heran, indem er sie mit iPod, iPhone und iPad an seine Marke gewöhnt. Eine Strategie, die offensichtlich gut funktioniert, und die Apple mit seinem neuen Betriebssystem weiter unterfüttert: Mac OS X 10.7 enthält eine Helfer-Software, mit der Umsteiger ihre Daten automatisch vom alten Windows-PC auf den neuen Mac übertragen lassen können. Via Netzwerk kopiert der "Migrationsassistent" Bilder, Videos, Texte, Musik und transferiert ebenso die Einstellungen der E-Mail-Konten auf den Mac. Auch das Datei-Chaos auf dem Desktop und das Hintergrundbild verschiebt das Helferlein in die neue Datenheimat.

Fünf wichtige neue Funktionen in Mac OS X 10.7

Konvertierte PC-User sollen sich dadurch schnell heimisch fühlen. Doch einige Änderungen, die Apple an der grundsätzlichen Bedienung und Optik des Systems durchgeführt hat, lassen selbst langjährige Apple-Anwender erst einmal stutzen. Das fängt damit an, dass Fenster jetzt keine Scrollbalken mehr haben. Apple verabschiedet sich damit von einem Konzept, dass das Unternehmen selbst mit der grafischen Benutzeroberfläche und der Maus in den achtziger Jahren eingeführt hat.

Mehr Gesten

Die Begründung: Scrollbalken brauche heute niemand mehr, weil heute kaum noch jemand eine Maus benutze. Schließlich seien Dreiviertel der neu verkauften Macs Notebooks, und die haben TouchPads, auf denen man mit den Fingern herumwischt. Also wurde Mac OS X 10.7 um Scrollbalken bereinigt und stattdessen um etliche neue Gesten erweitert. Apples Kalkül: Anwender, die mit iPhone und iPad an Touch-Gesten gewöhnt worden sind, werden dieselben Gesten intuitiv auch am Computer verwenden können.

Das stimmt allerdings nur eingeschränkt. Nicht weniger als 14 solcher Gesten lassen sich per "TouchPad"-Kontrollfeld ein- und ausschalten. Einige davon sind logisch und von iOS-Geräten bekannt. So wie das Drehen eines Bildes, indem man zwei Finger auf dem TouchPad in die gewünschte Richtung wendet. Andere dagegen müssen schlicht auswendig gelernt werden. Etwa, dass sich eine Programmauswahl starten lässt, wenn man mit Daumen und drei Fingern eine Verkleinerungsgeste ausführt. Ohne die kurzen Lehrvideos, mit denn die Gesten direkt im Kontrollfeld visualisiert werden, wäre das nur schwer zu erlernen.

Verwirrend ist zunächst, dass die Scrollrichtung umgekehrt wurde. Bisher hat man mit der Maus den Scrollbalken heruntergezogen, um den Inhalt des jeweiligen Fensters nach oben zu bewegen. Mit Lion funktioniert das jetzt genau anders herum: Schiebt man zwei Finger auf den Touchpad nach oben, bewegt sich der Fensterinhalt entsprechend aufwärts. Es dauert allerdings nur ein paar Tage, sich an diese neue und durchaus logische Bewegungsrichtung zu gewöhnen. Außer, man arbeitet zwischendurch an einem anderen Rechner, ohne Mac OS X 10.7. Wer das tut, muss ständig umdenken.

Es steckt viel iPad im neuen Mac OS

Ähnlich wie bei den Touch-Gesten hat Apple sich auch an anderen Stellen bemüht, das neue Mac OS X an iPad-Gewohnheiten anzunähern, ohne dabei echte Touchscreen-Technik einzuführen. So kann man jetzt eine "LaunchPad" genannte Übersicht aller installierten Programme aufrufen, die exakt so aussieht wie die Homescreens eines iPad. In Desktop-Fenstern gibt es die Ansicht "Alle meine Dateien", die Texte, Bilder, Videos, PDF-Dateien und noch vieles mehr auflistet, unabhängig davon, wo auf dem Rechner es gespeichert ist. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass Apple seine Anwender eines Tages komplett vom Dateisystem abkoppeln will. So wie auf i-Geräten, auf denen man keine Ordner und Laufwerke kennt, sondern nur die jeweils zu einer App gehörenden Daten anzeigen und bearbeiten kann.

Das Sichern geschieht automatisch

In dieselbe Richtung weisen auch die Funktionen AutoSave und Resume. Die erste sorgt dafür, dass Programme Dateien selbstständig sichern. Wem schon mal ein Text in Word verloren gegangen ist, weil der Computer oder die Software abstürzte, bevor man auf "Sichern" geklickt hat, weiß, wie wertvoll so etwas sein kann. Einen "Sichern"-Knopf gibt es in Lion nicht mehr. Entsprechend wird man beim Beenden eines Programms auch nicht mehr gefragt, ob man die aktuelle Datei speichern will, das geschieht automatisch. Startet man das Programm später erneut, wird genau der Zustand wiederhergestellt, in dem man es verlassen hat, inklusive aller geöffneten Dokumente.

Ein tolles Sicherheitspaket, keine Frage. Aber eines, dass einen Haken hat. Zwar funktionieren die Wiederherstellungsfunktionen bestens. Um Auto Save nutzen zu können, muss man aber erst entsprechend angepasste Updates seiner Programme installieren - sofern die verfügbar sind.

Abschied von der DVD

Neue Wege beschreitet Apple auch bei der Verteilung der neuen Betriebssystemversion. Das neue Mac OS X gibt es nur online, als kostenpflichtigen Download über den Mac App Store. Physikalische Medien wie die DVD, auf der noch die Vorläuferversion verteilt wurde, gibt es nicht mehr. Eine gute Internetanbindung sollte man dafür allerdings haben. Rund vier Gigabyte ist der Download groß. Kein Problem, meint Apple, weil das ja bloß dem Umfang eines hochauflösenden Film-Videos entspricht. Wer noch ohne DSL oder mit einer langsamen DSL-Verbindung auskommen muss, dürfte das anders sehen.

Als Tipp sei deshalb erwähnt, dass sich die Installationsdatei nach dem Herunterladen speichern, auf einen USB-Stick kopieren oder auf DVD brennen lässt, wenn man den automatisch nach dem Download erscheinenden Installationsdialog mit "Abbrechen" beendet. Die Datei findet man dann im Download-Ordner, kann sie jederzeit wieder verwenden - auch zur Installation auf anderen Rechnern. Apple lässt die Nutzung der einmal erworbenen Software auf allen Macs zu, die man unter seinem Namen online registriert hat.

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Theoretisch würden damit auch Raubkopierern die Schleusen geöffnet, eine Markierung der Datei mit einem digitalen Wasserzeichen oder ähnlichem gibt es nicht. Auf Anfrage erklärt der Konzern, man vertraue seinen Nutzern, wolle die Software deshalb nicht mit Seriennummern oder einen Aktivierungsroutine, wie Windows sie hat, belasten. Allerdings setzt Apple die Hemmschwelle, die Software rechtmäßig zu erwerben, auch niedrig an: 23,99 Euro kostet die Vollversion in Apples Download-Shop.

Als Voraussetzung für den Download verlangt Apple allerdings nicht nur einen Mac, in dem mindestens ein Intel-Core-2-Duo-Chip tickt, der also nicht älter als drei Jahre sein darf, sondern auch Mac OS X 10.6. Wer das noch nicht hat, muss erst diese Version kaufen und installieren, was das Update auf Version 10.7 wiederum umständlich und teuer macht. Wer dagegen seit der offiziellen Vorstellung von Lion einen Mac gekauft hat, kann einen kostenlosen Download-Code beantragen.

Erfüllen die eingesetzte Hard- und Software allerdings Apples Minimalvoraussetzungen, lohnt sich das Update: Zum Einen, weil der Umgang mit den neuen Gesten nach einige Tagen wirklich Spaß macht. Zum anderen, weil Funktionen wie AirDrop selbst unerfahrenen Anwendern Möglichkeiten eröffnen, die bisher Fortgeschrittenen vorbehalten waren. Und schließlich, weil die Kombination aus Auto Save, Resume und integrierten Backup-Funktionen den Umgang mit Dateien langfristig sicherer und einfacher machen dürfte. Für knapp 24 Euro kein übles Angebot.