SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

25. Januar 2012, 08:32 Uhr

Marktforscher

iSuppli prophezeit goldene Zukunft für Windows-Handys

Von

In wenigen Jahren werden Windows-Smartphones populärer sein als Apple-Handys. Das prognostiziert eine US-Marktforschungsfirma und lobt dabei Nokias neues US-Handy über den Klee. Eine rosige Zukunft für Windows-Handys sagten die iSuppli-Analysten schon einmal voraus - im Jahr 2009.

Diese Meldung klingt überraschend: Bis 2015 werde Windows Phone 7 sich auf den zweiten Platz in der Rangliste der populärsten Handy-Betriebssysteme vorgearbeitet haben, prognostizieren die Marktforscher der US-Firma iSuppli. Der entscheidende Faktor bei dieser Entwicklung werde der finnische Handykonzern Nokia sein. Der Statistikdienstleister Statista hat die Daten grafisch aufbereitet.

Wird am Ende also alles gut für die Allianz der bisherigen Verlierer? Bisher konnte Microsoft mit seinem neu entwickelten Windows Phone 7 keine substantiellen Marktanteile gewinnen. Laut iSuppli stand der Windows-Konzern mit seiner Handy-Software 2011 mit 1,9 Prozent Marktanteil weit abgeschlagen da. Marktführer war und ist Google mit 47,4 Prozent Marktanteil für Android-Smartphones. Auf Platz zwei steht Apples iOS mit 18 Prozent.

Nokia zeichnete sich in den vergangenen Jahren dadurch aus, dass Smartphones der Firma kontinuierlich Marktanteile verloren, Nokia sackte auf den dritten Platz ab, hinter Samsung und Apple.

Rosige Aussichten für Nokia-Smartphones?

Dass Microsoft-Handys Aufwind haben, steht außer Frage. Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg befragte am Montag 22 Analysten nach ihrer Einschätzung, wie viele der neuen Lumia-Smartphones mit Windows-Betriebssystem die Finnen seit deren Einführung im November 2011 wohl verkauft haben. Die durchschnittliche Schätzung lag bei 1,3 Millionen Stück, was einem rasanten Marktstart entspräche. Daten, die das Blog WMPoweruser auswertete, legen zudem nahe, dass Nokia mit seinem Lumia 800 im Handstreich die Führerschaft bei Windows-Phone-Handys der zweiten Generation übernommen hat.

Ebenso optimistisch rechneten die Marktforscher von Morgan Stanley Research Anfang Januar vor, Nokia werde 2012 bereits 37 Millionen Windows-Smartphones verkaufen, diese Zahl 2013 gar auf 64 Millionen Geräte fast verdoppeln. Damit würde der einstige Marktführer wieder vorne mitspielen. Und weil die Morgan-Stanley-Analysten gleichzeitig HTC 74 Millionen verkaufte Windows-Phone-Handys für das Jahr 2013 in Aussicht stellten, schien ein kräftiges Wachstum der Windows-Phone-Plattform nur logisch.

"Eines der heißesten Produkte"

Aber von 1,9 Prozent Marktanteil heute auf 16,7 Prozent 2015? Das wäre schon eine bemerkenswerte Steigerung. Dabei ist die Begründung der Experten von iSuppli ausgesprochen dünn. Sie fußt einzig auf der Vorstellung des Nokia Lumia 900 auf der Elektronikmesse CES Anfang Januar. Das sei "eines der heißesten neuen Produkte gewesen, die auf der CES vorgestellt wurden", kommentiert iSuppli-Manager Wayne Lam.

Auf Nokias CES-Pressekonferenz war davon freilich wenig zu spüren. Sie fiel im Vergleich zu den Produktvorstellungen von Firmen wie Samsung oder Microsoft ausgesprochen bescheiden aus und lockte relativ wenige Medienvertreter an. Aber es ging ja auch um ein nur in den Vereinigten Staaten verfügbares Produkt, das Lumia 900 soll vorerst nicht in anderen Ländern verkauft werden. Unterm Strich ist es ein Lumia 800 mit zwei wichtigen Neuerungen: LTE-Datenfunk und einem größeren Display.

Für die Marktforscher von iSuppli ist "dieses heiße Produkt Nokias erster Schritt, sich seinen Marktanteil zurückholen." Die Analysten preisen auch den "glitzernden Funktionsumfang" des Lumia 900. Vor allem aber scheint den Autoren der Prognose zu gefallen, dass Nokia dieses Handy für Nordamerika entwickelt hat. In der Vergangenheit habe Nokia neue Technologien stets zuerst in seinem europäischen Heimatmarkt eingeführt, mäkelt iSuppli-Analyst Francis Sideco und sagt: "Die Einführung des Lumia 900 zeigt, dass Nokia daran glaubt, dass der Weg zurück zur Smartphone-Dominanz durch Nordamerika führt."

Nach einer neutralen Analyse klingt das nicht - die Prognose bringt iSuppli nun auch reichlich Kritik ein.

Marktprognosen wie Wettervorhersagen

Die IT-Nachrichtenseite GeekWire zum Beispiel vergleicht die aktuellen iSuppli Prognosen mit ähnlich lautenden Voraussagen aus dem Jahr 2009. Damals hatte iSuppli dem neuen Microsoft-Betriebssystems Windows Mobile 6.5 für 2012 einen Marktanteil von mehr als 15 Prozent vorausgesagt. Zudem prognostizierte iSuppli 2009, Nokias Symbian werde 2012 fast 50 Prozent des Markts beherrschen.

Tatsächlich kam es anders. Mit dem Umstieg auf Windows Phone 7 hat Nokia Symbian zu einem bei Smartphones weitgehend bedeutungslosen Auslaufmodell degradiert. Microsoft stampfte Windows Mobile komplett ein, entwickelte stattdessen Windows Phone 7.

Was man daraus lernt? Prognosen zu Marktanteilen von Smartphone-Betriebssystemen oder der Popularität bestimmter Handymodelle werden futurologisch, wenn sie über einen sehr überschaubaren Zeitraum hinaus gehen. Vier Jahre will iSuppli mit seiner aktuellen Marktanalyse nun in die Zukunft blicken. Ob man mit solchen Voraussagen richtig liegt, ist bei einem derart dynamischen Markt wie dem für Smartphones vor allem eine Frage des Glücks.

Als Apple 2007 das erste iPhone vorstellte, wurde der Konzern noch weithin belächelt. Dass Apples iPhone Anfang 2012 eine Führungsposition einnimmt, hätte damals kaum ein Marktforscher zugestanden. Und so etwas muss kein einmaliges Ereignis bleiben. Prognosen über ein, vielleicht zwei Jahre, mögen noch vertretbar sein - über längere zukünftige Zeiträume lassen sich in dieser Branche keine zuverlässigen Aussagen machen.

Da unterscheiden sich Marktprognosen nicht von langfristigen Wettervorhersagen.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung