Microsoft-Technologie In der Hologramm-Werkstatt

Wie werden Hologramme für Microsofts Datenbrille Hololens gemacht? Das will der Konzern Entwicklern auf seiner Build-Konferenz beibringen. Unser Reporter hat an einem Crashkurs teilgenommen.

SPIEGEL ONLINE

Aus San Francisco berichtet


Erst mal kalibrieren, sonst klappt nachher gar nichts. Also setze ich mir die Hololens auf den Kopf, fühle ihr Gewicht, justiere mit Knöpfen auf dem linken Bügel der Brille vier blau leuchtende Winkel, die vor meinem Gesichtsfeld im Raum zu schweben scheinen. Ohne anständige Kalibrierung würde ich nachher kein vollständiges Bild vor Augen haben, erklärt mir Justin. Er wurde mir als Mentor zugewiesen.

Und einen Mentor brauche ich auch bei meinem Crashkurs in Microsofts Holographic Academy. Dort sollen Software-Entwickler lernen, Hologramme für Microsofts Datenbrille zu programmieren. Weil ich aber gar kein Programmierer bin, hilft mir Justin und erklärt geduldig, was zu tun ist und auf welche Knöpfe ich lieber nicht drücken sollte.

Die Hologramm-Werkstatt findet im Rahmen von Microsofts alljährlicher Entwicklerkonferenz Build statt. Sie ist am Mittwoch in San Francisco gestartet. Der Konzern präsentiert dort seine Pläne fürs kommende Jahr und zeigt, woran er arbeitet. 2015 überraschte Microsoft auf der damaligen Build mit seiner Datenbrille Hololens. Die Brille projiziert computergenerierte Bilder über die reale Umgebung und schafft so mit Hologrammen eine sogenannte Augmented Reality, also eine künstlich erzeugte Realität, die sich wie eine zweite Schicht über die Umgebung legt.

Ein Jahr später ist man schon einen Schritt weiter und will Entwicklern zeigen, welche Dinge sie dank der Programmiersoftware Unity für die Hololens entwerfen können - denn ohne spezielle Inhalte läuft das Konzept für die Hololens letztlich ins Leere.

Auch ich bastle in dem Crashkurs nun an dieser Augmented Reality mit und will ein von mir kreiertes Hologramm auf die Brille bekommen.

Nach 45 Minuten ist der Energiegenerator fertig

Unity ist unter Spieleentwicklern populär, weil man damit sehr gut animierte 3D-Modelle, also Autos, Raumschiffe, Monster und Schatzkisten erzeugen kann. Ich soll damit nun das 3D-Modell meines Hologramms erzeugen. Die Aufgabe hat es in sich. Unity birst förmlich vor Funktionen. Egal was ich anklicke, es öffnen sich jedes Mal neue Menüs und Fensterchen mit neuen Optionen und Parametern.

Ich bin heilfroh, dass die in der Mitte des Raumes stehende Lehrerin alle Arbeitsschritte auf große Bildschirme projiziert. Und wenn ich doch mal nicht weiterkomme, ist Mentor Justin da. So schaffe ich es immerhin, nach gut 45 Minuten mein erstes Hologramm, das Modell eines futuristischen Energiegenerators, per WLAN in den Speicher der Hololens zu kopieren.

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Microsoft-Entwicklerkonferenz: Windows-Update und Hololens
Immer schön an den USB anstöpseln

Als ich mir die Datenbrille auf den Kopf setze, setzt auch Ernüchterung ein. Von der überbordenden Detailfülle, den knalligen Farben und raumfüllenden Hologrammen ist nichts zu sehen. Mein virtueller Energiegenerator schwebt brav vor meinen Augen, aber er hat auch einen deutlichen Blaustich und sieht vergleichsweise klein aus. Wenn ich meinen Kopf schnell drehe, zieht das Hologramm manchmal erst spürbar später nach.

Aber es gibt sowieso noch einige Feinarbeit in der Programmiersoftware zu erledigen, wird mir erklärt. Das Hologramm muss noch animiert und so verändert werden, dass es auch von den anderen Kursteilnehmern mit ihren Brillen gesehen werden kann. Stück für Stück arbeite ich mich an dieses Ziel heran, überprüfe das Ergebnis zwischendurch mit der Datenbrille. Dabei fällt mir auf, dass Mentor Justin mich immer wieder dazu auffordert, die Brille ans USB-Netzteil anzuschließen, wenn ich sie gerade nicht trage. Viel Vertrauen in die Laufzeit der Akkus scheint er nicht zu haben.

Am Schluss passiert Bemerkenswertes

Nach einiger Zeit haben alle Teilnehmer ihre Hologramme fertiggestellt. Trotzdem wimmelt es im Raum nicht vor virtuellen Objekten. Wenn ich meine Hololens aufsetze, sehe ich immer nur eines, entweder meinen Energiegenerator oder ein Objekt, das mir einer meiner Mitstreiter freigegeben hat. Immer nur kleine Gruppen von maximal sechs Personen können gemeinsam Objekte anschauen.

Immerhin: Zum Schluss können wir lustige Avatare aus der Luft schnappen und uns gegenseitig mit virtuellen Laserstrahlen beschießen. Als jemand meinen Energiegenerator damit so lange beschießt, bis er explodiert, geschieht Bemerkenswertes: Durch eine von den Lehrern in meinem Modell versteckte Funktion explodiert der Generator und reißt scheinbar ein großes Loch in den Boden, durch das man in die darunterliegenden Stockwerke schauen kann.

Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass Microsofts Demovideos vielleicht doch keine Übertreibungen sein könnten. In einem zeigt ein Entwickler beispielsweise, wie er sich seine kleine Tochter, die in einem anderen Raum spielt, per Hologramm zu sich holt und wie das Hologramm des Kindes in Echtzeit vor ihm im Raum herumtollt und mit ihm interagiert.

Versprechen für die Zukunft

Viel Zuversicht, dass ich in absehbarer Zeit bei mir zu Hause mit einer Hololens aufregende Spiele in einer Mischung aus realer und virtueller Welt spielen werde, habe ich trotzdem nicht. Microsoft richtet sich mit der Hololens vorerst vor allem an Firmenkunden und vermutlich liegt das Gerät bei längerer Benutzung doch recht schwer auf dem Kopf.

Noch ist Microsofts Hololens mehr ein Versprechen als eine Erfüllung. Abzuwarten bleibt, ob und wie schnell es gelingt, die Technik kleiner, leichter und billiger zu machen und so zu verbessern, dass man sie sich schließlich wirklich kaufen will. Ein paar Jahre könnte das dauern.

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
monoman 02.04.2016
1.
Diese Brille ist definitiv das interessanteste, was in den letzten Jahren so an Elektronikschnickschnack auf den Tisch kam. Bin mal gespannt, wie das weitergeht. Die sollten dabei auf keinen Fall die Gamer aus den Augen verlieren, die könnten nämlich das trojanische Pferd sein, um das Ding überhaupt auf dem Markt zu etablieren.
Websingularität 02.04.2016
2. Naja, ...
mit richtigen denisjuk-hologrammen hat das wohl weniger zu tun. Ich mag 3D Hologramme wo man keine Brillen braucht: https://www.youtube.com/watch?v=Xp7BP00LuA4 Und bei Augmented Reality, gibt's auch schon interessante Mitstreiter wie z.B. CastAR
wildthin9 02.04.2016
3. Interessante Technik..
..und ich hoffe Inbrünstig, daß MS seine BWLer und Marketing- und Strategiekasper diesmal im Zaum hält damit es nicht wieder in einer Katastrophe endet wie bei Kinekt für die Xone, dem wirklich übelsten Marktstart eines an sich innovativen Gerätes. Leider waren Alle von den Dollarzeichen in den Augen so geblendet daß man komplett am Konsumenten vorbei marschieren wollte nach dem Motto Friß oder stirb. Fazit: Weit abgeschlagen Hinter Sony's PS4, die mir VR jetzt einen echten Neckbreaker für die Xone im Ärmel hat...
vitalik 02.04.2016
4.
Nicht auf die Werbevideos hereinfallen. Der Autor beschreibt es selbst. Das Bild welches man durch die Brille zu sehen bekommt,kommt nicht ansatzweise an das ran, was man in den Werbevideos gezeigt bekommt. Die Farben sind verblasst, unscharf und der Blickwinkel auf die virtuellen Objekte ist sehr klein. Deswegen sieht man in den Werbevideos fast immer nur die Sicht von der Seite (also ein gerendertes Video von dem Objekt, wie es sich eigentlich anfühlen sollte). Das tatsächliche Bild, welches der Brillenträgen vor den Augen hat, wird dann meistens (wie zum beispiel in dem Video mit dem kleinen Mädchen) sehr klein oder gar nicht gezeigt. Das Problem ist halt, dass die Displays der Brillen keine Objekte darstellen können, welche unduchsichtig sind. Nicht falsch verstehen, ich finde diese Technologie toll, aber man muss halt ganz deutlich sagen, dass es bei weitem nicht so funktioniert, wie in den Werbevideos gezeigt wird.
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