Microsoft und die Zukunft der Arbeit Wie viel Windows muss noch sein?

Wer Visionen braucht, sollte nach Redmond gehen: In seinem "Envisioning Center" will Microsoft herausfinden, wie die Zukunft der Arbeit aussieht - und damit auch seine eigene.

Envisioning Center von Microsoft
Microsoft

Envisioning Center von Microsoft

Aus Redmond berichtet


Es gab Zeiten, da bellte Steve Ballmer, der damalige Chef von Microsoft, ein "Windows! Windows! Windows!" von der Bühne, wenn er über das wichtigste Produkt seines Unternehmens sprechen wollte. Einige Monate vor der Veröffentlichung von Windows 8 war das, 2012. Für Microsoft-Verhältnisse ist das einerseits nicht lange her, schließlich nutzen bis heute zahlreiche Kunden Windows-Versionen, die noch älter als Windows 8 sind. Anderseits ist es für das Microsoft unter Ballmers Nachfolger Satya Nadella eine längst vergangene Ära, wie diese Woche zeigte.

Auf seiner Entwicklerkonferenz Build in Seattle sprach Microsoft kaum über Windows: In Nadellas Keynote spielte das Betriebssystem keine Rolle, und selbst bei wohlwollender Zählung hatte allenfalls jede zehnte Konferenz-Session etwas mit Windows zu tun.

Auch in der Unternehmenszentrale gibt es einen Ort, der wie kein zweiter das Microsoft von heute und von morgen darstellt: das "Envisioning Center" in Gebäude Nummer 33 auf dem Campus in Redmond. Hier geht es um die Zukunft der Arbeit und damit um die Zukunft von Microsofts Produkten, um die Zukunft von Microsoft selbst. Windows ist hier nur eine Oberfläche von vielen.

Anton Andrews (M.) erklärt den Konferenzraum im Envisioning Center
SPIEGEL ONLINE

Anton Andrews (M.) erklärt den Konferenzraum im Envisioning Center

Alles wird automatisch transkribiert

Normalerweise ist das 2013 eröffnete Center nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, aber diese Woche hat Microsoft eine Handvoll Journalisten hineingelassen. Auch der SPIEGEL war vor Ort. Zu sehen gab es unter anderem:

  • einen Konzept-Konferenzraum, in dem niemand einen Tisch oder auch nur einen Zettel für Notizen braucht, weil alles, was gesprochen wird, aufgenommen, automatisch transkribiert und den Teilnehmern und anderen Team-Mitgliedern an ihre Accounts geschickt wird,
  • eine zentral in diesem Raum platzierte Rundum-Kamera, die alle Konferenzteilnehmer beobachtet und für Mitarbeiter, die von außen zugeschaltet werden, per Gesichtserkennung und Augmented Reality mit digitalen Namensschildern versieht und je nach Körpersprache in der Videoübertragung hervorhebt, damit niemand übersehen wird,
  • eine Vorführung des Mixed-Reality-Headsets HoloLens 2, in der ein Facharbeiter eine defekte Anlage repariert, indem er den Schaltplan und präzise Anweisungen von einer entfernt arbeitenden Expertin in sein Sichtfeld eingeblendet bekommt,
  • riesige elektronische Whiteboards an den Wänden, die mit Stiften, Gesten oder der Stimme bedient werden (oder über mitgebrachte iPhones und Tablets) und auf denen zum Beispiel Präsentationen einfach per "drag and drop" verschiedener Dateitypen aus verschiedenen Apps von mehreren Teilnehmern zusammengeführt werden.

Die im "Envisioning Center" eingesetzten Produkte und Technologien heißen unter anderem Microsoft Teams, Surface Hub, Microsoft Graph, Microsoft Bot Framework, Cognitive Services, Fluid Framework und natürlich Azure - das ist die Cloud, die alles zusammenführt.

"Nicht die eine Zukunft"

"Wir haben keine Glaskugel, das hier ist nicht die eine Zukunft", sagt Anton Andrews, der Leiter des Envisioning-Teams. "Wir reden mit unseren eigenen Produktteams, aber auch mal mit einem Viersternegeneral, mit Musikern, Regisseuren, Architekten, Organisationspsychologen und so weiter." Aus deren Vorstellungen und Wünschen erarbeiten Andrews und seine Mitarbeiter ihre Visionen, um sie dann in Form von experimentellen Prototypen "zum Leben zu erwecken".

Es gehe dabei nicht nur um Hard- und Software, sondern auch um Organisationskultur und die Ausgestaltung des Arbeitsplatzes an sich, sagt Andrews. Die Digitalisierung der Arbeitswelt könne nur gelingen, wenn alle drei Bereiche bedacht werden.

Microsofts Surface Hub als Riesen-Whiteboard
Microsoft

Microsofts Surface Hub als Riesen-Whiteboard

Ein offensichtliches Leitmotiv ist Kollaboration, die gefördert werden soll, ein anderes die Auflösung des Konzepts "Dokument", wie es Microsoft-Nutzer bisher kennen. Dateiformate spielen auf den Whiteboards keine Rolle mehr, ebenso wenig wie Standort und Endgerät von Konferenzteilnehmern. Microsoft dekonstruiert hier Dokumente, zerlegt sie in Häppchen und macht diese unternehmensweit für alle verfügbar.

Anders gesagt: Microsoft hat früher das Betriebssystem und die Anwendungen für jeden einzelnen Computer in einem Unternehmen verkauft - jetzt arbeitet es am System für den ganzen Betrieb. Windows ist dabei nur eine Plattform von mehreren, denn die bekanntesten Produktiv-Anwendungen - die Office-Suite - läuft längst auch auf anderen Betriebssystemen.

Auch Google hat es schon probiert

"Arbeit hat sich verändert. Menschen arbeiten heute sehr viel häufiger in Teams als je zuvor, ihre Produkte werden digitaler", sagt selbst Rob Howard, Marketingleiter im Windows- und Office-lastigen Bereich der sogenannten Microsoft-365-Apps. "Innovation und Umsetzung laufen zumeist kollaborativ ab."

Man mag darüber streiten, ob das eher Wunschdenken ist oder sich tatsächlich selbst auf Behörden und andere klassische Microsoft-Großkunden übertragen lässt. Und es ist auch nicht so, dass es für diese Art zu arbeiten erst jetzt technische Lösungen gäbe. Google zum Beispiel hat sich mit Wave schon vor zehn Jahren daran versucht, stieß aber weitgehend auf Unverständnis und brach das Projekt ein Jahr später ab. Rob Howard sagt: "Jede Technik hat ihre Zeit, es muss Bedarf dafür geben".

Die Build-Konferenz und das "Envisioning Center" zeigen, dass Microsoft davon ausgeht, diese Zeit sei nun gekommen. Jetzt müssten das nur noch die Unternehmen verstehen, die noch immer mit Windows-Versionen aus der Ballmer-Zeit arbeiten.

Mehr zum Thema


insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
brooklyner 11.05.2019
1.
Mit Abteilungen, die mit Windows arbeiten, habe ich beruflich zum Glück nicht viel zu tun. Gut, auch bei diesen Firmen verwenden sicherlich langweilige Abteilungen Microsoft Produkte, Excel und Powerpoint und derartig Schreckliches, aber die interessanten Abteilungen, mit denen ich zusammenarbeite, arbeiten natürlich am Mac mit Adobe Produkten.
ralf12012019 11.05.2019
2. Windows 2000
Ich arbeite immer noch mit Windows 2000. Warum? Weil das auf meiner moderenen Hardware läuft wie eine Rakete! Es ist einfach schnell und angenehm. Wenn ich diese rahmenlosen Objekte und Farben in Win 10 sehe, bekomme ich... ihr wisst schon. Jetzt kommt das Virenargument: Nein, es ist sicher, weil ich einen CentOS-Firewall davor habe.
maxhennings 11.05.2019
3. Datensammelkrake
Was leider bei diesem Windows Komfort schon heute ein Problem ist, man siehe hier Windows 10. Was passiert denn erst mit diesen ganzen Daten? Jetzt Stelle sich einer vor, ein großes Industrieunternehmen setzt dieses digitale Entwicklungszentrum in deren Forschungs- und. Entwicklungsabteilung ein. Dann muss bei der Industriespionage keiner mehr bis zum fertig Produkt warten, die Konkurrenz aus Übersee kann gleich in aktuelle Meetings rein horchen und Produktideen und Innovationen abgreifen ohne ein Cent dafür zu bezahlen. Finden sich hier in Europa nicht ein paar gescheite Entwickler die dabei unterstützen ein Betriebssystem nach Europäischen Datenschutzstandards zu entwickeln. Eines wo die NSA nicht per Gesetz gleich Zugriff auf alle Daten hat. Wäre auch gut, wenn die Datenströme nicht automatisch auf amerikanische Server geleitet werden.
Fuxx81 11.05.2019
4. Zu gefährlich
Microsoft macht gute Office-Programme, dem wird kaum jemand widersprechen. Jedoch sollte das gegen folgende Punkte abgewogen werden: 1) Wir wissen, dass Windows und andere MS-Produkte in großem Stil Telemetrie senden, jedoch nicht, welche Daten im einzelnen abgegriffen werden. 2) Wir wissen auch, dass Microsoft als Prism-Partner eng mit US-Geheimdiensten zusammenarbeitet, die u.a. auch Wirtschaftsspionage betreiben. 3) Sollte Microsoft sensible Unternehmensdaten an US-Behörden weitergeben, dürften sie das dem Kunden gegenüber per Gesetz nicht zugeben, selbst wenn sie es wollten. Wenn jetzt bei einem interantional agierenden Unternehmen mit US-Mitbewerben noch nicht Alarmglocken klingen, kann ich auch nicht mehr helfen...
Gumbalaya 11.05.2019
5. MS Teams
Ich hätte niemals gedacht, dass ich das jemals schreibe: Ich LIEBE (zum ersten Mal) Microsoft! Seit Teams meine Inbox quasi überflüssig macht, Planner die unleidigen Aufgabenlisten ersetzt und Skype der Vergangenheit angehört muss ich sagen: die haben es ENDLICH begriffen. Bitte weiter so Herr Nadela!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.