Mini-HD-Camcorder Auf dem Flip-Trip

In den USA sind sie Kult, jetzt gibt es sie auch in Deutschland, die Flip-Camcorder von Cisco. Sie sind klein, leicht, einfach zu bedienen, liefern teilweise Videos in HD-Auflösung. Grund genug, die Flip Mino HD in Augenschein zu nehmen.

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Moderne Camcorder sparen normalerweise nicht an technischen Finessen. Das macht sie zwar zu Multitalenten, mit denen man seine cineastischen Neigungen ausleben kann, das macht sie aber auch kompliziert. Flip-Camcorder sind da anders: Sie sind einfach. Es gibt nur ein wichtiges Bedienelement. Denn wichtig ist eigentlich nur der knallrote, mittig platzierte Aufnahmeknopf. Weitere Schaltflächen leuchten nur bei Bedarf auf: Während einer Aufnahme werden Zoomtasten, beim Abspielen Steuertasten eingeblendet, mehr nicht.

Videoamateuren mag das piefig vorkommen, doch gerade dieser Minimalismus ist es, der den Charme der kleinen Flips begründet. Ein Handbuch ist unnötig, die paar Funktionen lassen sich intuitiv begreifen. In den USA wurde die Flip Ultra mit diesem Rezept rasend schnell zum Bestseller, führt seit Ende 2007 Amazons Camcorder-Charts an. Aktive Netz-User lieben sie offenbar, weil man Flip-Videos sehr einfach auf beliebte Community-Plattformen wie YouTube oder MySpace hochladen kann. Wie gut das funktioniert, zeigt eine kurze Suche nach den Begriffen Flip und Video bei YouTube, die mehr als 130.000 Treffer zutage bringt.

Zu anderen hat aber mit Sicherheit auch die PR-Arbeit von Pure Digital, dem ursprünglichen Hersteller der Kamera, Anteil an diesem Erfolg: In den USA sind Flip-Camcorder immer wieder werbewirksam in Promi-Händen zu sehen. Die technischen Details der Flip-Camcorder spielen da offenbar nur eine nachrangige Rolle. Immerhin: Während die ersten Modelle Videos nur in VGA-Auflösung (640 x 480) aufnahmen, machen Flip Mino HD und Flip Ultra HD ihren Aufnahmen in der HD-Auflösung 720p (1280 x 720), liefern damit eine deutlich bessere Bildqualität.

Ein Wermutstropfen des totalen Funktionsverzichts, der allen Flips eigen ist, zeigt sich beim Objektiv. Auf eine optische Zoomfunktion haben die Entwickler verzichtet - wohl, um das Gehäuse möglichst flach halten zu können und Kosten zu sparen. Als Ersatz wird eine digitale Zoomfunktion angeboten. Das ist nett gemeint, birgt aber die üblichen Probleme eines Digitalzooms: Da hier lediglich rechnerisch vergrößert wird, leidet die Bildqualität fast zwangsläufig. Als Notnagel kann man das benutzen, schönere Filme macht man ohne den Digitalzoom.

Zu klein?

Das mit solchen Mitteln auf Hosentaschenkompatibilität getrimmte Format der Flip ist zwar angenehm für unterwegs, bringt aber auch Probleme mit sich. In der Praxis sorgen die kompakten Maße dafür, dass aus der Hand geschossene Aufnahmen fast zwangsläufig ein wenig verwackeln. Die ersten ein bis zwei Sekunden eines Clips muss man fast immer am PC wegschneiden, weil der Druck auf den Auslöseknopf die Kamera verwackelt.

Immerhin: In den Boden der Kamera ist ein Stativanschluss eingebaut. Man könnte also per Dreibein nicht verwackelte Aufnahmen damit machen. Aber wer würde das tun: Winzige Flip in der Tasche, riesiges Stativ auf dem Rücken? Eine denkbare Lösung: Ein Mini-Stativ wie das Gorillapod. So was lässt sich leicht im Rucksack verstauen, kann Mini-Kameras trotzdem fast überall Halt geben.

Mit ruhiger Hand oder Stativ lassen sich dann aber tatsächlich recht gute Filmchen machen, die sowohl am PC als auch auf einem HD-Fernseher einen gute Figur machen, solange man die Finger von den Zoom-Tasten lässt. Profi-Ansprüchen genügen solche Flip-Filmchen zwar nicht, aber auf YouTube machen sie eine gute Figur. Flip ist eben eher Schnappschuss-Filmen und nicht so sehr die hohe Videokunst.

Software inside

Das zeigt sich auch bei der mitgelieferten Software. Statt auf CD wird sie im Speicher der Kamera mitgeliefert. Sobald man die Flip mit einem PC oder Mac verbindet, lässt sich Software auf den Rechner überspielen. Ist der Computer derart vorbereitet, startet die Software künftig automatisch, sobald die Kamera angeschlossen wird. Besondere Kenntnisse oder Fähigkeiten erfordert die Software nicht, erleichtert vor allem den Umgang mit Community-Portalen. Hat man einmal seine Mitgliedsdaten von YouTube, MySpace oder einem ähnlichen Anbieter eingegeben, lädt die Software Videos auf Wunsch per Mausklick ins Netz. Um Videoformate, Komprimierungsalgorithmen oder ähnliches muss man sich nicht kümmern.

Ähnliches gilt allerdings auch für die übrigen Funktionen der Flipshare-Software. Sie bietet allerlei Möglichkeiten, Videos per Mail oder als Videogrußkarte zu verschicken, sie zu Filme zu verknüpfen oder dafür vorzubereiten, sie auf DVD zu brennen. All das macht die Software aber nur rudimentär, erlaubt kaum persönliche Anpassungen. Die Funktion zum Erstellen von DVDs etwa, sammelt lediglich die ausgewählten Filmchen in einem Ordner, legt diesen auf dem Desktop ab, damit man sie mit eigener Brenn-Software auf eine DVD brennen kann. Die Funktion zum Erstellen eines Films macht aus den ausgewählten Filmschnipseln einen Zusammenschnitt, bei dem man lediglich Vor- und Abspann sowie Hintergrundmusik bestimmen kann. Dauer und Art der Zwischenschnitte werden von der Software vorgegeben. Das ist schon schnell, einfach und bequem. Wer mehr Einfluss auf das Endergebnis nehmen will kommt allerdings nicht darum herum, sich eine separate Videoschnitt-Software zu besorgen.

Preisfrage

Eine solche Software aber würde den Preis des Camcorders zwangsläufig in die Höhe treiben. Dabei ist die getestete Flip Mino HD mit einem Listenpreis von 199 Euro nicht gerade ein Schnäppchen, zumindest nicht, wenn man die deutschen Preise mit jenen in den USA vergleicht. Dort bieten Händler die Mino HD via Amazon für 169 Dollar an, was 115 Euro entspricht. Zu diesem Preis ist zwar noch die jeweilige Mehrwertsteuer zu addieren, dem Listenpreis kommt man damit aber trotzdem nicht einmal ansatzweise nahe.

Zudem dürften die Flip-Camcorder es in Deutschland schwerer haben, einen ähnlichen Kultstatus wie in den USA zu erreichen, weil es mittlerweile einfach viel mehr Konkurrenz gibt als bei der Einführung in Amerika. Kodaks HD-Mini-Camcorder Zx1 etwa bietet ganz ähnliche Leistungsdaten wie die Mino HD, nutzt aber wechselbare SD-Speicherkarten und ist problemlos für 135 Euro bestellbar.

Wer dagegen vor allem auf einen guten Ton Wert legt, sollte einen Blick auf Q3 von Zoom werfen. Der taugt mit Fixfokus-Objektiv und VGA-Auflösung zwar nicht als HD-Camcorder hat dafür aber ein hochwertiges Stereo-Mikrofon integriert, das Tonaufnahmen in erstaunlich guter Qualität ermöglicht. Wer also gerne mal eigene Konzertmitschnitte von Live-Events machen möchte liegt hier richtig, muss dafür aber auch 250 Euro investieren.

Aber technische Höchstleistungen sind eben kein Argument für eine Flip. Der kleine Camcorder lebt davon, dass er einfach ist und genau das macht, was er soll: Schnell mal eben schöne Aufnahmen, die man mit ein paar Mausklicks ins Netz stellen kann - und das macht er gut.

Flip-Camcorder in der Übersicht

Flip Mino HD Flip Ultra HD Flip Ultra
Aufnahmezeit 60 Minuten 120 Minuten 120 Minuten
Speicher 4 GB 8 GB 4 GB
Bildschirmgröße 1,5 Zoll 2 Zoll 2 Zoll
Bildschirmauflösung 528 x 132 960 x 240 960 x 240
Videoauflösung 1280 x 720 1280 x 720 640 x 480
Zoom Digital Digital Digital
Akkulaufzeit Bis zu 2 Std. Bis zu 2,5 Std. Bis zu 2 Std.
Abmessungen 10 x 5 x 1,6 cm 10,8 x 5,5 x 2,9 cm 10,8 x 5,5 x 2,9 cm
Gewicht 93 Gramm 170 Gramm 170 Gramm
Anschlüsse USB USB USB
Preis 199 Euro 199 Euro 149 Euro

Alle Angaben laut Hersteller

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