Mobile Webcam Spanner-Roboter für jedermann

Vom Urlaubsort mal einen schnellen Blick in die Wohnung werfen, ob auch alles in Ordnung ist: Bislang ging das nicht. Abhilfe verspricht nun die rollende Webcam Rovio. Das Ding soll sich von überall steuern lassen - über den Browser. SPIEGEL ONLINE hat's ausprobiert.

SPIEGEL ONLINE

Von Jan Mölleken


Es klingt ebenso genial wie sinnlos: ein kleines, mit W-Lan und Webcam ausgestattetes Plastikgefährt, das sich per Browser von überall auf der Welt her steuern lässt. Das ist Rovio. Der Mini-Roboter verfügt über Mikrofon und Lautsprecher. So sieht der Nutzer in seinem Browser nicht nur den Videostream der Webcam, sondern kann über Rovio auch kommunizieren.

Aber was macht man damit eigentlich? Der Vorschlag des Herstellers, Rovio während einer Besprechung auf den Konferenztisch zu setzen und so einen Kollegen von außerhalb miteinzubeziehen, wirkt etwas skurril. Als bloßes Spielzeug ist der Roboter aber zu teuer: 349 Euro verlangt der Hersteller aus Hongkong, der Straßenpreis liegt allerdings deutlich niedriger.

Beim Auspacken erwartet den Käufer solide Plastikware: Docking-Rampe mit Infrarotsender, eine ansteckbare Antenne und der dreirädrige Webcam-Roboter samt Akkupack. Alles wirkt ausreichend stabil, aber nicht hochwertig. Der Aufbau geht schnell und problemlos.

Das Einfügen in die Docking-Station muss sehr sorgfältig geschehen, und Rovio lädt nur, wenn er eingeschaltet ist. Das wäre nicht weiter schlimm, würden nicht die sechs blauen LEDs auf Rovios Rücken ununterbrochen - während des Ladevorgangs sogar pulsierend - leuchten. Das sorgt nachts auch in größeren Räumen für Disco-Atmosphäre. Von einer Nacht mit dem Plastikkäfer im selben Zimmer ist abzuraten.

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Mobile Webcam: Der Spanner-Roboter
Ist Rovio aufgeladen, muss er noch im W-Lan angemeldet werden. Im Prinzip geht das recht einfach: Per USB-Kabel Roboter mit einem Computer verbinden, via Set-up-Software das passende Funk-Netzwerk auswählen, den Netzwerkschlüssel eingegeben, und schon kann es losgehen. Im Test wurde die Vorfreude allerdings oft ausgebremst: Eines der Testnetzwerke erkannte Rovio erst nach etlichen Versuchen. Ein weiteres Ärgernis: Das Set-up-Programm überprüft während der Konfiguration, ob Rovio über die neuste Firmware verfügt. "Alles aktuell" war die beruhigende, jedoch falsche Auskunft. Tatsächlich war eine neuere Version der Steuersoftware auf der Web-Seite zum Download verfügbar.

Auch das manuelle Nachinstallieren der Firmware wird dem Nutzer unnötig erschwert: Die Firmware ist in einer passwortgeschützten Zip-Datei verpackt; das Passwort - der Name des Herstellers - muss tatsächlich erraten werden.

Rovios Einrichtung steckt voller Hindernisse

Hat man dann endlich das Set-up abgeschlossen, wird noch die IP-Adresse angezeigt, unter der Rovio im Netzwerk erreichbar ist. Jetzt kann endlich losgerollt werden: Browser starten und die zugewiesene IP-Adresse sowie Nutzername und Passwort eingeben, und schon öffnet sich ein Webinterface samt Videostream und Steuerungsfeld. Auch hier holpert es etwas, manche Einstellungen funktionieren erst beim zweiten oder dritten Versuch, auch im vom Hersteller empfohlenen Internet Explorer. Nutzer von Firefox, Chrome oder Safari müssen auf die Audio-Übertragung verzichten. Abhilfe soll die kostenlose Abspielsoftware VLC schaffen - im Test funktionierte das jedoch nicht.

Sind diese Hindernisse überwunden, kann man Rovio endlich auf den Weg schicken. Und das macht wirklich Spaß: Die Steuerung über das Webinterface ist intuitiv, der Videostream erstaunlich flüssig. Man kann nun Kollegen verblüffen oder Haustiere erschrecken. Theoretisch wird der Radius Rovios nur durch die Reichweite des W-Lans begrenzt - praktisch bremsen etwas höhere Türschwellen oder dickere Kabel den Vorwärtsdrang bereits früher.

Schon nach 20 Minuten macht der Akku schlapp

Rovios Tour endet allerdings bald jäh: Bereits nach knapp 20 Minuten Betrieb ist der Ladestand des Akkus bedrohlich niedrig, und die Software mahnt per Pop-up die Rückkehr zur Ladestation an. Hierbei ist man auf die Einparkautomatik angewiesen, da die Docking-Station rückwärts angefahren werden muss - mit der starr nach vorn gerichteten Kamera ist das manuell unmöglich. Leider, denn die unbeholfenen Einparkversuche führen nicht immer zum Ziel, oft muss Rovio abbrechen und neu ansetzen. Bei niedrigem Batteriestand reicht die Energie dafür nicht immer, und Rovio geht, Zentimeter von der Ladestation entfernt, der Saft aus.

Probleme gibt es aber auch mit der angeblich einfachen Netzwerkkonfiguration: Schon am nächsten Tag werden viele ihren Rovio nicht mehr unter der notierten IP-Adresse aufrufen können. Der Grund: In der Standardeinstellung erhält Rovio vom W-Lan-Router eine dynamische IP. Das heißt, der Router vergibt an Rovio jeweils nur eine temporäre Adresse. Sobald sich der Roboter erneut im Netzwerk anmeldet, ändert sich diese. Für in Netzwerkfragen weniger beschlagene Menschen bleibt Rovio damit unerreichbar. Dass Wowwee ein Tool mitliefert, das die aktuelle Adresse Rovios anzeigt, wird in der mitgelieferten Anleitung aus unerfindlichen Gründen nicht verraten.

Noch komplizierter wird es, will man Rovio nicht nur aus dem eigenen W-Lan, sondern auch über das Internet steuern. Dazu müssen nämlich einige Weichen innerhalb des Routers gestellt werden, damit dieser überhaupt erlaubt, dass Anfragen aus dem Internet durch die Firewall gelassen werden und die Steuerbefehle auch wirklich bei Rovio landen.

Plug and Play? Fehlanzeige

Ist im Router die UPnP-Funktion aktiviert, so verspricht Wowwee, richtet Rovio die nötigen Einstellungen selbst ein. Im Test funktionierte das nicht. Eine manuelle Einrichtung dürfte den Durchschnittsnutzer heillos überfordern, zumal die Erläuterungen im Handbuch reichlich dürftig sind. Zwar verspricht das Handbuch detaillierte Informationen auf der Hersteller-Web-Seite - die sind dort jedoch nicht zu finden. Auch die manuelle Konfiguration verläuft alles andere als einfach, da die Netzwerkkonfiguration auf Rovios Webinterface kaum dokumentiert ist und irreleitende Fehlermeldungen anzeigt.

Der Versuch, Rovio via Internet vom Büro aus ausführlich in der Wohnung zu testen, scheiterte mehrmals daran, dass sich der Roboter selbständig aus seiner Ladestation bewegte und dort stehenblieb, bis sein Akku leer war, ein anderes Mal missglückte nach zehn Minuten Fahrzeit der Andockversuch an der Ladestation, so dass Rovio erst abends wieder zurück auf die Ladestation bugsiert werden konnte - von Hand.

Fazit: Weder Spiel- noch Werkzeug

Für ernsthafte Aufgaben disqualifiziert Rovio sich damit klar. Um zu kommunizieren, ist ein Netbook samt Videochatsoftware deutlich sinnvoller, um im Urlaub mit Rovio in der eigenen Wohnung regelmäßig nach dem Rechten zu sehen, bedürfte es einer besseren Ladelösung. Zudem ist die verbaute Webcam sehr lichtschwach und kann bereits bei dämmrigen Lichtverhältnissen kein erkennbares Bild mehr wiedergeben. Auch um Kollegen auszuspionieren oder als stiller Ersatz für das Babyphone taugt Rovio kaum: Das unüberhörbare Fahrgeräusch lässt auch die unaufmerksamsten Lästerer verstummen, und die Jahrmarktsbeleuchtung Rovios hält Kinder garantiert vom Schlafen ab.

Als Spielzeug für den breiten Markt ist Rovio zu kompliziert: Nur echte Tüftler dürften sich auf die mühsame Konfiguration einlassen - das dauernde Hantieren mit Browser, Router und IP-Adressen wirkt eher spaßverhindernd. Auch die indiskutable Akkuleistung dämpft den Spieltrieb erheblich. Echten Bastlern hingegen bietet Rovio eine große Spielwiese: Zusätzlich zur sportlichen Herausforderung, Rovio anständig zu konfigurieren, stellt Wowwee auch noch eine Dokumentation der API ins Netz. Dort legen die Entwickler die Steuerbefehle für Rovio offen, damit Begeisterte auch eigene Rovio-Anwendungen basteln können.

Insgesamt aber taugt Rovio für die meisten wohl weder als Spielzeug noch als sinnvoller Helfer.

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