Motorola Razr ausprobiert Neuer Falter

Anfang 2020 will Motorola eine Neuauflage des Klapphandys Razr auf den Markt bringen. Unser Autor konnte es schon ausprobieren und entdeckte dabei eine interessante Recyclingidee.
Das neue Motorola Razr: Kann man knicken, ohne dass es kaputtgeht

Das neue Motorola Razr: Kann man knicken, ohne dass es kaputtgeht

Foto: Volker Weber

Nach der ersten Präsentation in Los Angeles hat Motorola sein neues Faltsmartphone, das Razr, am heutigen Montag in London europäischen Journalisten vorgestellt. Mit dem Veranstaltungsort, einer klubartigen Eventlocation in einem hippen Ausgehviertel, wollte das Unternehmen offenbar Emotionen wecken.

Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen. Denn schon nach kurzen Ausprobieren steht das erste Urteil über das neue Razr fest: Außen sieht es aus wie das legendäre Motorola-Falthandy von Anfang des Jahrtausends, innen steckt ein modernes Android-Smartphone mit Faltbildschirm. Handy-Nerds wird das gefallen.

Nur billig wird es nicht. Wenn das Razr in Europa auf den Markt kommt, muss man mit einem Preis von knapp 1600 Euro rechnen. Dafür gibt es auch ein iPhone 11 Pro Max in Vollausstattung.

Das ist der Vergleich, den alle sehen wollen: Ein Motorola-Manager stellt das alte Razr (links) dem neuen gegenüber

Das ist der Vergleich, den alle sehen wollen: Ein Motorola-Manager stellt das alte Razr (links) dem neuen gegenüber

Foto: Volker Weber

Nimmt man das Datenblatt in die Hand, wird der Vergleich unfair. Im iPhone stecken der derzeit schnellste Mobilprozessor, drei Hauptkameras, ein halbes Terabyte Speicher und was Apple sonst noch aufzubieten hat.

Das Razr dagegen ist Mittelklasse. Das Herz, ein Snapdragon 710, schlägt auch im Nokia 8.1, das weniger als 300 Euro kostet. Seine 128 Gigabyte (GB) Speicher sind nicht erweiterbar, und das Display schafft nicht mal Full HD. Die zwei Akkus bringen es zusammen auf nur 2500 Milliamperestunden. Was für ein Loser.

Erst mal plattmachen

Doch wenn man das Razr in die Hand nimmt, vergisst man die Mankos des Datenblatts schnell wieder. Motorola liefert den Gegenentwurf zu den Falthandys von Samsung und Huawei. Statt sich durch Aufklappen größer zu machen, wird das Razr beim Zusammenklappen kleiner. So ist es einerseits ungewohnt kompakt, kann andererseits mit einem gewohnt großen Display von 6,2 Zoll aufwarten.

Aufgeklappt wirkt das neue Razr wie ein ganz normales Smartphone - nur teurer

Aufgeklappt wirkt das neue Razr wie ein ganz normales Smartphone - nur teurer

Foto: Volker Weber

Das biegsame Display ist der Hingucker, aber der Zauber steckt im Scharnier. Seit vier Jahren haben Lenovo und Motorola mit biegsamen Displays experimentiert, um nach 20 Prototypen beim vertrauten Razr-Design zu landen.

Anders als bei Samsung und Huawei windet sich das Display nicht um ein Gelenk, sondern liegt zwischen zwei außen liegenden Scharnieren. So kann es sich tropfenförmig in das Gelenk einbetten, ohne zu knicken. Anders als bei der Konkurrenz liegen die Displayhälften deshalb plan aufeinander.

Genau wie die Falthandys von Samsung und Huawei ist das Razr weder staub- noch wasserdicht, durch eine Beschichtung nur gegen Spritzwasser geschützt. Gegen Kratzer sei das empfindliche Kunststoffdisplay gut geschützt, weil es ja innen liege, meint Motorola.

Nicht mal für eine SIM-Karte ist Platz

Eine einzige 16-Megapixel-Kamera schießt im aufgeklappten Zustand normale Fotos und im zugeklappten Zustand Selfies. Auf der Innenseite gibt es noch eine 5-Megapixel-Kamera, die man eigentlich nur für Videotelefonate benötigt. Wie gut die Qualität der Fotos ist, ließ sich heute nicht abschließend beurteilen, aber man darf hier keine Wunder erwarten.

Gelungene Konstruktion: Weil das Scharnier außen liegt, wird das Display beim Zusammenklappen nicht geknickt.

Gelungene Konstruktion: Weil das Scharnier außen liegt, wird das Display beim Zusammenklappen nicht geknickt.

Foto: Volker Weber

Sehr praktisch: Wenn man das Handy mit dem Handgelenk zweimal schnell hin und her dreht, startet automatisch die Kamera. Ist das Razr aufgeklappt, erscheint das Sucherbild auf dem großen Display, im Selfiemodus dagegen auf dem kleinen Außendisplay. Ansonsten werden auf dem Minibildschirm die Uhrzeit und weitere Statusinformationen angezeigt. Benachrichtigungen lassen sich dort bearbeiten, Anrufe annehmen oder ablehnen, und wenn Musik läuft, kann man darüber den Player steuern.

Was wir bei dem Termin in London nicht ausprobieren konnten, ist die Leistung des Akkus. 2500 Milliamperestunden sind für ein Android-Handy sehr wenig. Mehr Akku passte einfach nicht rein. Nicht mal für eine SIM-Karte ist Platz, Razr-Nutzer benötigen eine eSIM, was die Auswahl des Anbieters etwas einschränken könnte.

Neue Hardware, alte Software

Die gesamte Funktechnik sowie der GPS-Empfänger, der Fingerabdrucksensor und der USB-C-Anschluss befinden sich im dicken Kinn des RAZR. Für einen Kopfhöreranschluss blieb kein Platz. Dafür liefert Motorola ein kabelgebundenes Headset mit USB-C-Stecker mit.

Eine ebenso ungewöhnliche wie gute Idee: Die aufwendige Kunststoffverpackung schmeißt man nach dem Auspacken nicht einfach weg. Stattdessen kann man sie als praktischen, wenn auch nicht gerade platzsparenden Standfuß verwenden.

Recycling statt Wegwerfen: Die Schachtel dient dem Razr als Standfuß

Recycling statt Wegwerfen: Die Schachtel dient dem Razr als Standfuß

Foto: Volker Weber

Das Kinn ist dem alten RAZR nachempfunden, und es stört kein wenig, wenn man das Gerät aufgeklappt in der Hand hält. Wie bei einer Kamera können sich die Finger daran gut festhalten. Da sich die Apps am unteren Bildschirmrand befinden, funktioniert die Einhandbedienung besser als bei Smartphones, mit fast randlosem Bildschirm.

In den USA wird das Razr exklusiv von Verizon angeboten. In Europa wird es nicht in alle Regionen kommen. Anscheinend stehen Italien und Großbritannien ganz oben auf der Liste. Man darf gespannt sein, wie erfolgreich es sein wird, denn einerseits ist es exorbitant teuer, andererseits enorm sexy.

Das war auch beim ersten Razr vor 15 Jahren der Fall. Das Razr V3 kostete anfangs 750 Euro, also sehr viel für ein gar nicht smartes Mobiltelefon. Ähnlich wie damals will Motorola dem ersten Modell auch jetzt wieder weitere Ableger folgen lassen. Für deren Erfolg muss das Unternehmen aber noch an der Software arbeiten. Das neue Razr startet noch mit dem alten Android 9.

Anmerkung der Redaktion: In der ersten Fassung dieses Artikels hatten wir die Bildschirmgröße mit 6,1 Zoll angegeben, tatsächlich sind es 6,2 Zoll. Zudem soll das neue Razr nicht wie ursprünglich angenommen in Italien und Österreich angeboten werden, sondern in Italien und Großbritannien.

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