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Matthias Kremp

Nachhaltigkeit von Smartphones Wer selbst schraubt, schraubt für die Umwelt

Matthias Kremp
Ein Netzwelt-Newsletter von Matthias Kremp
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Liebe Leserin, lieber Leser,

vor wenigen Tagen wurde der dritte Teil des Weltklimaberichts veröffentlicht. Auf 2800 Seiten skizzieren die Wissenschaftler Lösungen für die Klimakrise  und schlagen Maßnahmen vor, um die Erderwärmung zu begrenzen. Eine der Empfehlungen: »Nachhaltiger Konsum durch intensive Nutzung von langlebigen, reparierbaren Produkten«.

Überraschend kommt dieser Hinweis nicht. Aber weil er von einem Team aus 278 Wissenschaftlern aus aller Welt kommt, hat er Gewicht. Schließlich sagt er nichts anders als: Jedes Produkt, das nicht produziert wird, schont Ressourcen, Ökosystem und Umwelt.

Leider ist die Produktpolitik vieler Smartphone-Hersteller nicht auf Langlebigkeit ihrer Produkte ausgerichtet. Das beginnt schon damit, die Unternehmen oft nach einigen Jahren keine Softwareupdates für ältere Geräte bieten. Samsung hat hier kürzlich einen Schritt zu mehr Nachhaltigkeit angekündigt und verspricht nun zumindest für viele seiner teureren Geräte, ab dem Baujahr 2021 vier große Android-Updates und fünf Jahre lang Sicherheitsupdates zu liefern.

Bei den billigeren Modellen ist Samsung nicht ganz so spendabel. Doch das gilt auch für viele andere Hersteller. Realme etwa liefert für seine Mittelklasse- und Einsteigergeräte nur zwei Jahre lang Patches. Viele andere Firmen, vor allem im Billigbereich, machen es ähnlich und begrenzen damit quasi per Software die sinnvolle Lebensdauer ihrer Geräte.

Keine Updates bedeuten auch ein Sicherheitsrisiko, denn sobald ein Smartphone keine Patches mehr bekommt, ist es über nach diesem Zeitpunkt entdeckte Schwachstellen angreifbar.

Reparatur eines Handys in einer Fachwerkstatt

Reparatur eines Handys in einer Fachwerkstatt

Foto: Sebastian Willnow / dpa

Das andere Problem, das die Lebensdauer von Smartphones begrenzt, ist deren Reparierbarkeit. Immerhin: In diesem Punkt ist in den vergangenen Jahren vieles besser geworden. Im Jahr 2007 attestierte das Reparaturportal iFixit dem ersten iPhone noch, quasi nicht reparierbar zu sein, gab ihm zwei von zehn Punkten . Das aktuelle iPhone 13 Pro bewerteten die Experten immerhin schon mit 6 Punkten .

Aber auch das reicht noch lange nicht, denn die Reparaturen sind oft teuer. Für den Austausch eines kaputten Displays etwa berechnet Apple beim iPhone 11 pauschal 311,10 Euro. Da wird sich für viele Nutzerinnen und Nutzer die Frage stellen, ob die Reparatur sich noch lohnt oder man nicht lieber gleich ein neues Gerät kauft.

Ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma wäre es, wenn man sein Smartphone selbst reparieren könnte. Lohn- und Versandkosten würden wegfallen. Doch das erfordert ein Mindestmaß an handwerklichem Geschick, Werkzeuge und die richtigen Ersatzteile.

Für Produkte wie Kühlschränke, Spülmaschinen, Waschmaschinen und Fernseher gelten in der EU schon seit März 2021 verbindliche Regeln. Sie schreiben Herstellern vor, Ersatzteile vorzuhalten, Reparaturinformationen zu liefern und ihre Produkte leicht reparierbar zu gestalten. In seiner aktuellen Ausgabe berichtet der SPIEGEL über eine Analyse, der zufolge diese und weitere von der EU geplante Regeln eine deutlich längere Lebensdauer vieler Produkte zur Folge hätten. Für die Hersteller würde das weniger Neukäufe, also geringere Umsätze bedeuten.

Eine Möglichkeit, solche Verluste auszugleichen, sehen Experten im Verkauf von Ersatzteilen und Werkzeugen an Endkunden. Apple etwa hat im November 2021 ein entsprechendes »Self-Service-Reparatur«-Programm angekündigt, das Kundinnen und Kunden mit Sets aus allen nötigen Teilen samt Reparaturanleitung versorgen soll. Laut Pressemitteilung  sollte es Anfang des Jahres in den USA starten, dann in weitere Länder ausgeweitet werden. Doch bisher ist davon nichts zu sehen.

Nicht viel besser steht es um ein ähnliches Selbstreparatur-Programm, das Samsung Ende März angekündigt hat. Der koreanische Konzern hat sich dafür mit iFixit zusammengetan. Gemeinsam wollen die Unternehmen Reparaturanleitungen, Ersatzteile und Werkzeuge für Geräte aus Samsungs Galaxy-Serien liefern. Der Start ist für diesen Sommer geplant, allerdings vorerst nur in den USA.

Zudem ist, genau wie bei Apple, noch vollkommen unklar, was die Reparatursets kosten werden. Ein echter Anreiz, selbst zu schrauben, um das Leben eines alten Handys zu verlängern, kann so etwas nur sein, wenn Baukästen nicht nur Bastler anziehen, die sowieso gern an Technik herumschrauben.

Wie einfach und günstig der Komponententausch sein kann, zeigen die Geräte des Unternehmens Fairphone. Ein neuer Akku kostet dort rund 30 Euro, ein Kameramodul 80 Euro, ein Bildschirm 90 Euro. Spezialwerkzeug braucht man hier nicht, ein gewöhnlicher Kreuzschlitzschraubendreher genügt.

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Rauschen Sie gut durch den Rest der Woche!

Matthias Kremp