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14. Januar 2014, 11:53 Uhr

Nest-Übernahme

Google will in Ihr Schlafzimmer

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Warum kauft Google für 3,2 Milliarden Dollar eine Firma, die Thermostate und Rauchmelder herstellt? Es könnte um den Chef gehen, denn der half einst, iPod und iPhone zu gestalten. Doch das ist nicht der einzige Grund für die Übernahme von Nest Labs: Es geht um Daten aus Millionen Haushalten.

Mountain View/Hamburg - Es gibt im Silicon Valley einen Begriff, der auf den ersten Blick auf Googles jüngsten Milliarden-Einkauf zu passen scheint: "Acqu-hire", zusammengesetzt aus kaufen (acquire) und anheuern (hire). Nest Labs, Hersteller besonders schicker, smarter Thermostate, hat attraktives Personal: Der Gründer Tony Fadell kam einst von Apple, er war mitverantwortlich für das Design des iPod und des ersten iPhone. Und in Sachen sexy Geräte liegt Google nach wie vor deutlich hinter Apple zurück.

Der bekannte US-Techblogger John Gruber etwa meint denn auch: "Googles Nest-Kauf hat wenig mit dem Verkaufen von Thermostaten und Rauchmeldern im Speziellen zu tun. Es geht um Googles Fähigkeit, allgemein Hardware für Endkunden richtig hinzukriegen."

Daten aus Millionen von Haushalten

Doch das ist nur die halbe Wahrheit - und 3,2 Milliarden Dollar wären selbst für einen A-Klasse Acqu-hire wie Fadell ein stolzer Preis. Nest hat noch etwas anderes anzubieten, das Google schon seit Jahren anstrebt: Daten aus Millionen Haushalten.

Nest-Thermostate erfassen eine Vielzahl von Informationen darüber, was in einem Haushalt gerade geschieht. Sie merken sich, wann der Nutzer die Temperatur hochregelt, wann herunter. Dank eingebauter Sensoren für "Temperatur, Aktivität, Luftfeuchtigkeit und Helligkeit" (Nest-Website) kann der Thermostat sogar erraten, wann jemand zu Hause ist, in welchem Raum sich gerade jemand aufhält. Steuern lässt er sich auch über eine Smartphone-App.

Gegenüber der "New York Times" erklärte Fadell seine Vision so: "Jedes Mal, wenn ich einen Fernseher einschalte, liefert das die Information, dass jemand zu Hause ist. Wenn sich die Kühlschranktür öffnet, ist das ein weiterer Sensor, weitere Information." Nest soll alles über einen Haushalt wissen, was sich nur irgend herausfinden lässt, und es für die Temperaturregelung nutzen.

Der Tech-Journalist Ryan Block, der heute für AOL arbeitet, fasste es in einem vielfach weitergereichten Tweet so zusammen: "Dank Nests eingebauter Sensoren weiß Google jetzt, wann Sie zu Hause sind, in welchem Zimmer Sie sich aufhalten und wann Sie weg sind." Gerade für Europäer dürfte das eher wie eine Drohung klingen.

"Wenn Google den Nest-Deal abschließt, werden Datenschutzthemen im Zusammenhang mit dem 'Internet der Dinge' erst richtig abheben", titelt das US-Technikblog "GigaOm" folgerichtig. Die total vernetzte Zukunft mit IP-Adressen für jedes Gerät ist nicht zuletzt ein Datenschutz-Alptraum.

Ein Nein zur Datenweitergabe gibt es nicht

Bei Nest weiß man um die PR-Gefahr. Auf der Website ist inzwischen zu lesen: "Unsere Datenschutzerklärung beschränkt die Nutzung von Kundendaten auf die Verbesserung unserer Produkte und Dienste. Wir nehmen Datenschutz ernst, und das wird sich nicht ändern." Mit einer derart schwammigen Formulierung erlaubt sich das Unternehmen nahezu jede Auswertung und Verknüpfung, man kennt das von Unternehmen wie Google und Facebook.

Und ein Nein zu der Frage, ob Daten an Google weitergereicht werden, ist das auch nicht. Als ein Reporter des US-Magazins "The Verge" im Gespräch mit Fadell nachfragte, ob sich die Datenschutzregelung ändern werde, antwortete der Nest-Gründer: "Ich werde nicht niemals sagen."

Bei Google sieht man zweifellos nicht zuletzt die Big-Data-Möglichkeiten von Nest. Informationen über die Lebensgewohnheiten von Millionen Menschen, gepaart mit all dem, was der Konzern dank seiner Suchmaschine, dank Cookies, GMail und Android schon jetzt über Abermillionen von Menschen weiß - das ist ein wertvoller Schatz. Ein Android-Nutzer, der sich auch noch Nest-Thermostate ins Haus holt, wird Google mehr Informationen über sich und sein Privatleben geben, als jemals ein Konzern über einzelne Personen besessen hat. Damit erreichen potentielle Sicherheitsprobleme, wie man sie von Android kennt, eine völlig neue Dimension.

Tatsächlich deckt sich Fadells Vision perfekt mit der Vorstellung, die man bei Google von der Zukunft des vernetzten Hauses hat. Schon bei seiner Entwicklerkonferenz I/O im Mai 2011 hatte der Konzern verkündet, das eigene Mobil-Betriebssystem Android solle auch für Haus- und Gartentechnik geöffnet werden. Damals schwärmten Google-Manager von den Möglichkeiten vernetzter, intelligenter Haushaltsgeräte. Und schon vorher hatte der Konzern ein Projekt für Smart Meter, intelligente Stromzähler aufgesetzt - der PowerMeter wurde jedoch 2011 beerdigt, und auch aus der Android-Revolution zu Hause ist bislang nicht viel geworden.

Nest hingegen ist mit einer ähnlichen Vision, gepaart mit hübscher Hardware, sehr erfolgreich. "GigaOm" zufolge verkauften sich Nest-Thermostate schon Anfang 2013 in Stückzahlen von 40.000 bis 50.000 pro Monat - nicht schlecht für ein Luxusobjekt. Immerhin kostet ein Nest-Thermostat 250 Dollar. Attraktiv finden das offenbar auch andere. Auf der Technikmesse CES in Las Vegas hat erst kürzlich Daimler eine Kooperation mit Nest bekanntgegeben.

In Europa kann man die Luxusthermostate bislang nicht kaufen. Dafür aber die Konkurrenzprodukte Tado, eQ3-Max oder AlphaEos, ebenfalls intelligente Thermostate, die sich wie Nest auch über eine Smartphone-App steuern lassen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war zu lesen, eine Android-App für Nest sei in Arbeit. Tatsächlich gibt es eine entsprechende App bereits. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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