Neue Blackberry-Smartphones Viel Touchscreen, wenig Innovation

Research in Motion versucht es mit Masse. Fünf Smartphones mit dem neuen Blackberry-OS-7-Betriebssystem wirft der Blackberry-Hersteller gegen die Übermacht von Android und iPhone ins Rennen. Experten bezweifeln die Erfolgsaussichten der Strategie.

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So viele neue Blackberrys hat das kanadische Unternehmen Research in Motion (RIM) noch nie auf einmal vorgestellt. Es sei "die größte Markteinführung von Blackberry-Smartphones aller Zeiten", schwärmte RIM-Chef Mike Lazaridis, als er die Geräte am Mittwoch in der Firmenzentrale vorstellte. Mit drei völlig und zwei fast neuen Smartphone-Modellen geht bei RIM ein genereller Wandel im Angebot einher: Alle fünf Modelle sind mit Touchscreens ausgerüstet, alle werden mit der neuen Betriebssystemversion Blackberry 7 OS bestückt.

Ähnlich wie Nokia war auch RIM erst sehr spät dem Trend zu Touchscreen-Handys gefolgt, hatte lange an einer Tastaturbedienung mit Scrollrad festgehalten. Der erste Blackberry mit berührungsempfindlichem Bildschirm, das Modell Storm, war zudem kein Erfolg. RIM hatte versucht, mit einer ganz eigenen Lösung zum Thema Touchscreen zu punkten: Der Bildschirm war beweglich aufgehängt, musste relativ kräftig gedrückt werden, um einen Reaktion zu zeigen. Das Konzept fiel bei vielen Testern und Stammkunden durch.

Jetzt aber setzt das Unternehmen bei allen fünf neu vorgestellten Geräten auf Standard-Touchscreens. Die sind bei den Modellen Bold 9900 und 9930 zusätzlich zu den Blackberry-typischen Tastaturen verbaut. Ein Schritt, den man als Kundenbindung verstehen kann, denn Bold-Smartphones sind so etwas wie die Brot- und Butter-Blackberrys. Sie werden von langjährigen Blackberry-Anwendern wegen ihrer seit Jahren weitgehend unveränderten Schnelltipper-Tastatur geliebt.

Fünf mal 7 aber nur dreimal neu

In ihrer jüngsten Inkarnation sollen sie die dünnsten Smartphones sein, die das Unternehmen je hergestellt hat. Das jedoch weiß man schon länger, denn die Modelle Bold 9900 und 9930 hatte das Unternehmen schon einmal, im Mai, als neu vorgestellt. Schon damals hieß es, die beiden würden die ersten Blackberrys werden, auf denen das neue Blackberry 7 OS laufen wird.

Doch mit dieser Fähigkeit werden sie jetzt nicht allein sein. Auch der Torch 9810 wird mit der neuen Software ausgeliefert. Bei diesem Modell ist hinter dem recht kleinen Touchscreen eine Ausziehtastatur versteckt. Der Torch 9810 trägt deshalb dick auf. Die zu Torch 9850 und 9860 umbenannten Nachfolgemodelle des Storm kommen dagegen ganz ohne physische Tastatur, sind deshalb etwas schlanker und haben laut RIM das mit 3,7 Zoll Diagonale bisher größte Display innerhalb der Blackberry-Familie.

Ein neues Betriebssystem aber kein Update

Wichtiger als die neue Hardware dürfte jedoch die gleichzeitig eingeführte siebte Version des Blackberry-Betriebssystems sein. Für die verspricht RIM vor allem einen erheblich beschleunigten Webbrowser mit neuen Funktionen und Verbesserungen bei der Wiedergabe von HTML5-Seiten. Eine Liquid Graphics genannte Technologie soll zudem die Grafikleistung beschleunigen und so den Umgang mit den Touchscreens angenehmer gestalten. Überdies soll es etliche für das Blackberry 7 OS optimierte Apps geben.

Ob diese Neuerungen tatsächlich den Sprung um eine ganze Versionsnummer rechtfertigen, ist zumindest diskutabel. Vielleicht hätte man das Update auch als Version 6.5 betiteln können. Doch das hätte seinerseits für Verwirrung gesorgt. Denn von einer Möglichkeit, ältere Geräte mit der neuen Software zu bestücken, ist bei RIM keine Rede. Ein Umstand, der sich leichter erklären lässt, wenn man von einer ganz neuen Betriebssystemversion und nicht nur von einem Update spricht.

Möglicherweise setzt das Update schlicht zu hohe Ansprüche an die Hardware. So betont RIM, dass alle neuen Blackberrys mit 1,2 GHz-Prozessoren bestückt sind. Adobes Multimediatechnik Flash unterstützt die Softwareversion 7 indes nicht. Laut RIM braucht man dafür einen Dualcore-Prozessor, den man noch nicht habe. Abhilfe könnte nur ein Update auf das komplett neue Betriebssystem auf Basis von QNX bringen, auf das viele Anwender warten. Doch das läuft bisher nur auf dem Blackberry-Tablet Playbook.

Wo bleibt der Vorsprung?

Echte Innovationen sind bei den neuen Modellen nicht zu sehen. Während andere Hersteller bereits Dualcore-Chips einsetzen (HTC Sensation) und 3-D-Bildschirme ausprobieren (LG Optimus 3D), versucht RIM noch, die Integration von NFC-Chips (Near Field Communication) als großes Novum zu verkaufen. Dass es dem Unternehmen gelingen wird, damit den Trend schwindender Marktanteile zu stoppen, bezweifelt beispielsweise der Analyst Malik Saadi von Informa Telecoms. Seiner Meinung nach sind NFC-Chips vorerst noch ein schönes, aber mangels Anwendungen weitgehend nutzloses und teures Extra.

RIM hat sich mit den neuen Modellen einen Zeitvorsprung erkämpft. Während Apples mysteriöses iPhone 5 Gerüchten zufolge im September oder Oktober auf den Markt kommen soll, will RIM einige seiner neuen Smartphones bereits Ende August weltweit in die Händlerregale bringen.

Wie lange sie dort bleiben werden, ist eine andere Frage. Wenn RIM tatsächlich eine Smartphone-Version des auf dem Playbook installierten QNX-Betriebssystems herausbringt, ist es wieder Zeit für neue Hardware. Spätestens im kommenden Frühjahr dürfte es soweit sein, wollen die Kanadier nicht komplett den Anschluss verlieren.

insgesamt 12 Beiträge
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bibpus 04.08.2011
1. Oh je!
Das klingt irgendwie traurig, wenn man alte Geräte nocheinmal vorstellt.
Michael KaiRo 04.08.2011
2. Kontraproduktiv
Zitat von sysopResearch in Motion versucht es mit Masse. Fünf Smartphones mit dem neuen Blackberry-OS-7-Betriebssystem wirft der Blackberry-Hersteller gegen die Übermacht von Android und iPhone ins Rennen. Experten bezweifeln die Erfolgsaussichten der Strategie. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,778248,00.html
halte ich es im Falle RIM, dem Apfel hinterherlaufen zu wollen. RIM sollte bei seiner eigenen Strategie bleiben (vor allem seine tolle E-Mail-Push-Funktion), allerdings ein paar wirklich sinnvolle Apps gleich mit an Bord zu haben. 1) Ein klasse Dateiordnersystem (á la SpeedCommander z.b.), womit sich Daten zw. Handy und Rechner sehr einfach übertragen lassen. 2) Einen erstklassigen Browser, der die Branding-Browser der Telekom, Vodafon oder ... sofort unterdrückt bzw. eliminiert ;-) 3) Ein halbwegs ordentliches Navysystem - auch als Fußgänger geeignet. 4) vorhandenes Textverarb.-System, PDF-Kreator, Tabellenkalkulation etc. sind absolute Pflicht. Wenig ist oft mehr, aber völlig rudimentär muss ein Smartphone auch nicht ausgeliefert werden. Ansonsten, wenn RIM so weiter macht, kann man ja gleich zum Original des Apfels gehen, denn die machen den 08/15-Apps-Quatsch besser. By the way: Der App-Shop von RIM hat gerade ein "mangelhaft" von Stift. Warentest bekommen - Apple mit seinem Store ist dank "ausreichend" gerade mal mit nem blauen Auge davon gekommen - Hauptkritikpunkt bei allen App-Shops: Unübersichtlich, allg. Geschäftsbedingungen sind ungenügend und vor allem *Datensicherheit aus der Steinzeit*.
Teami 04.08.2011
3. Bb
Das Problem liegt nicht wirklich im Produkt, als viemehr im Marketing. Apple hat mit dem ersten iPhone ein unfertiges, unpraktisches Gerät auf den Markt gebracht (eine Taktik, die man sich wohl bei Microsoft abgeguckt hat). Selbiges Produkt wurde dann zum Kultobjekt hochgeworben, dass man "es schlicht haben musste". Wer aber die Entwicklung miterlebt hat, der weiss: * dass das iPhone erst seit der neuen Generation mehr als 15 Minuten Telefonieren schafft, ohne geladen werden zu müssen * dass erst nach langem Tüffteln, das gelang was bei BB längst normal war: das hin- und herspringen zwischen aktiven Applikationen * dass die Verschlüsselung von BB-Mails nach wie vor seines gleichen sucht * dass man mehrere BB's parallel an einen Desktop Manager koppeln und verwalten kann (bsp.Weise in einem Unternehmen dass mit einem Client-Netzwerk direkt an einem Server arbeitet). Etwas was beim iPhone noch immer nicht real umgesetzt ist. Und vieles mehr... Richtig ist, dass es ungleich komplexer und schwieriger ist, Applikationen für das OS von RIM zu schreiben als für iPhone oder Android. Entsprechend hat man eben keine derart grosse Vielfalt von Apps wie beim iPhone. Aber wenn man Applikationen sucht, die real zum Arbeiten dienen sollen, wird man auch für BB fündig. Das iPhone ist ein Spielzeug, BB ist ein Arbeitsgerät. Alle beide haben ihre Daseinsberechtigung.
Obiwan72, 04.08.2011
4. Android
Nokia wie RIM finden offenbar nicht den Weg aus dem Tal hinaus, sondern verlaufen sich immer weiter. Die Lösung heisst die Stärke von RIM (Company Email Anbindung) mit der Vielfalt von Android Apps zu kombinieren.
bluemetal 04.08.2011
5. Nunja
Zitat von TeamiDas Problem liegt nicht wirklich im Produkt, als viemehr im Marketing. Apple hat mit dem ersten iPhone ein unfertiges, unpraktisches Gerät auf den Markt gebracht (eine Taktik, die man sich wohl bei Microsoft abgeguckt hat). Selbiges Produkt wurde dann zum Kultobjekt hochgeworben, dass man "es schlicht haben musste". Wer aber die Entwicklung miterlebt hat, der weiss: * dass das iPhone erst seit der neuen Generation mehr als 15 Minuten Telefonieren schafft, ohne geladen werden zu müssen * dass erst nach langem Tüffteln, das gelang was bei BB längst normal war: das hin- und herspringen zwischen aktiven Applikationen * dass die Verschlüsselung von BB-Mails nach wie vor seines gleichen sucht * dass man mehrere BB's parallel an einen Desktop Manager koppeln und verwalten kann (bsp.Weise in einem Unternehmen dass mit einem Client-Netzwerk direkt an einem Server arbeitet). Etwas was beim iPhone noch immer nicht real umgesetzt ist. Und vieles mehr... Richtig ist, dass es ungleich komplexer und schwieriger ist, Applikationen für das OS von RIM zu schreiben als für iPhone oder Android. Entsprechend hat man eben keine derart grosse Vielfalt von Apps wie beim iPhone. Aber wenn man Applikationen sucht, die real zum Arbeiten dienen sollen, wird man auch für BB fündig. Das iPhone ist ein Spielzeug, BB ist ein Arbeitsgerät. Alle beide haben ihre Daseinsberechtigung.
Das iPhone als Spielzeug zu beschreiben ist doch sehr oberflächlich und stimmt schon seit Jahren nicht mehr. Inzwischen kann es weit aus mehr als Blackberrys und ist eine perfektes Arbeitsmittel, der Unterhaltungsfaktor kommt ergänzend auch noch dazu. In beiden Punkten kann ein Blackberry nicht mehr mithalten. Firmen wie Microsoft, Nokia und RIM haben sich Jahrzehnt mit mangelder Innovation auf ihren Loorbeeren ausgeruht, die Newcommer Apple und Google wurden ausgelacht. Jetzt ist deren technologischer Vorsprung nicht mehr einholbar. Der wichtigste und wachstumstärkste Markt der Welt: mobile computing/Internet wurde nicht erkannt und ist verloren.
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