Neues iPad 3 Das Trotzdem-Tablet

Ein iPad braucht kein Mensch, nicht mal telefonieren kann man damit. Apple ist ein machtverliebter Gigant, der regelmäßig seine Kunden gängelt. Dennoch: Wenn der Konzern heute das iPad 3 vorzeigt, wird die Welt gebannt zugucken. Warum eigentlich?
iPad: Mit schlechtem Gewissen aber wachsender Begeisterung in den Alltag integriert

iPad: Mit schlechtem Gewissen aber wachsender Begeisterung in den Alltag integriert

Foto: ALY SONG/ REUTERS

Ich gebe es zu: Ich habe nicht wirklich daran geglaubt. Als Apple mit seinem iPad herauskam fand ich erstens die Idee alt. Zweitens war ich der Meinung, dass der Bedarf für so ein Gerät begrenzt sein würde. Schließlich braucht heute jeder ein Telefon, und auch fast jeder einen Computer mit Internetzugang. Aber wer würde einen Computer ohne Tastatur brauchen, mit dem man noch nicht mal telefonieren kann?

Ich glaube auch bis heute nicht daran, dass der verstorbene Steve Jobs irgendwelche magischen Kräfte hatte. Und mir ist die geborgte Arroganz vieler überzeugter Apple-Jünger suspekt bis zuwider.

Trotzdem führe ich heute Gespräche mit Leuten, die genau diese Art von Argumentation ins Feld führen. Ich sage dann: "Ja, das stimmt alles. Aber sobald man so ein Ding erstmal in seinen Alltag integriert hat, will man es nicht mehr hergeben. War bei mir jedenfalls so."

Das Internet ist jetzt immer an

In meinem Alltag kommt das iPad beispielsweise in der S-Bahn vor. Ich habe mich schnell von dem Gedanken gelöst, dass es peinlich, uncool, poserhaft sein könnte, mit dem Ding auf dem Schoß im öffentlichen Nahverkehr herumzusitzen, schließlich bin ich ein erwachsener Mann. Zu Hause liegt es auf dem Couchtisch. Wenn in einer Fernsehserienfolge ein Schauspieler vorkommt, den wir beide kennen, uns aber der Name nicht einfallen will, greift meine Frau wortlos nach dem Tablet und schlägt nach.

Das Internet ist jetzt immer an, weil man das Tablet nie ausschalten muss.

Wenn ich beruflich reise, habe ich das iPad dabei, obwohl ich dann in der Regel auch noch einen Laptop mitschleppe: In der Bahn E-Mails, Tweets, Online-Artikel lesen, das zu Hause als in Papierform herumliegende aktuelle Buch als E-Book dabeihaben, dazwischen eine Runde "Plants vs. Zombies" spielen, auf nächtlichen Heimfahrten vielleicht auch mal einen Film ansehen. Alles ohne Zugsteckdosenkabelgewürge und ohne das Tischchen vor mir herunterklappen zu müssen.

Ich tue all das nach wie vor mit einem schlechten Gewissen. Weil ich Apples restriktiven Umgang mit den eigenen Plattformen für falsch halte, zumal ich solche geschlossenen Systeme, in denen nur ein Unternehmen das Sagen hat, problematisch bis gefährlich finde. Weil mir die religiöse, eifernde Begeisterung echter Apple-Fans zuweilen sogar Angst macht. Weil ich bis heute nicht nachvollziehen kann, wie ein Hardwarehersteller mit Software- und Unterhaltungsvertrieb an der Börse mehr wert sein kann als jedes andere Unternehmen auf der Welt, mehr als Öl- und Autokonzerne, als Banken, als Versicherungen und Agrar-Imperien.

Bei "Forbes" war kürzlich zu lesen: "Natürlich kann sich Exxon nicht über eine Marktkapitalisierung in Höhe von 400 Milliarden Dollar beklagen. Aber man muss sich auch vergegenwärtigen, dass Exxon Produkte verkauft, die die Leute brauchen. Apple verkauft Produkte, die die Leute wirklich wollen."

Mit schlechtem Gewissen und wachsender Begeisterung

Ich würde das anders formulieren: Apple verkauft Produkte, die die Leute zuerst wollen - und dann plötzlich brauchen, wenn sie sie erstmal haben.

Das iPhone gibt es erst seit 2007. In dieser Zeit hat es eine Produktkategorie etabliert, die es zwar vorher schon theoretisch gab, die aber praktisch keinerlei Rolle spielte. Heute will fast niemand mehr ein Smartphone, das nicht nur aus Bildschirm besteht. Deshalb sehen jetzt alle so aus, egal ob von Samsung, HTC, Nokia oder Huawei.

Für Tablets gilt das Gleiche: Das letzte Unternehmen, das vor Apple versucht hatte, diese Produktkategorie mit Brimborium in den Markt zu drücken war - viele haben das längst vergessen - Microsoft. Aber der "Ultramobile PC", kurz UMPC, setzte sich dann doch nicht durch. Die Zeit war noch nicht reif, oder die Geräte noch zu dick, oder die Benutzeroberflächen einfach nicht elegant genug. Jetzt ist das iPad da, der Markt ist geöffnet, plötzlich können auch andere Hersteller Tablets verkaufen. Im zweiten Quartal 2010 hatten Apples Tablet-Konkurrenten gemeinsam einen Verkaufszahl-Marktanteil von unter sechs Prozent. Ende 2011 waren es schon über vierzig Prozent. Die untenstehende Infografik von Statista  zeigt das Wachstum der Konkurrenten.

Am Mittwochabend wird aller Voraussicht nach eine neue iPad-Version vorgestellt, wir werden selbstverständlich darüber berichten. Und Sie, liebe Leser, werden lesen, sich die Bilder ansehen, im Forum wieder einmal über iOS vs. Android streiten, werden uns Bestechlichkeit oder aber mangelnde Ehrfurcht vor dem Erbe des großen Steve vorwerfen, oder beides. Ein bisschen langweilig wird das in Wahrheit vermutlich sein, weil es ja nur um ein Update geht, einen besseren Bildschirm vermutlich, vielleicht eine neue Kamera, einen schnelleren Mobilfunkstandard.

Oder es wird doch wieder interessant - weil man bei Apple nie weiß, ob nicht doch wieder so ein Produkt vorgeführt wird, von dem man bislang dachte, dass es kein Mensch braucht, und das man dann mit schlechtem Gewissen aber wachsender Begeisterung in seinen Alltag integriert.

Foto: Statista
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