Neues Social Network Wieso Apple plötzlich pingt

Wieso tut Apple das? Steve Jobs verpasst iTunes ein ziemlich schlechtes Social Network - der Nutzer hat wenig davon. Der Konzern aber verschafft sich im Eiltempo eine freundschaftsgetriebene Kaufplattform.
Steve Jobs bei der Ping-Vorstellung: "Welcome to the social, Apple"

Steve Jobs bei der Ping-Vorstellung: "Welcome to the social, Apple"

Foto: Paul Sakuma/ AP

Apples Ping braucht kein Mensch.

Steve Jobs

Außer , versteht sich.

Ein Social Network für Musikliebhaber soll Ping sein, die neueste Ergänzung von iTunes. Das ist Ping aber nicht. Sondern so etwas wie iLike - ein schon existierender Musikempfehlungsdienst, den man in sein Facebook-Profil einbinden kann.

Mehr als iLike kann Ping nicht. Wer sich anmeldet, wird (wenn er sich durch die Geschäftsbedingungen müht) erst mal darauf hingewiesen, dass er jegliche Restprivatsphäre in Sachen Musikkonsum fahren lässt. "Wenn Sie nicht wollen, dass Informationen über Sie von anderen eingesehen werden können, sollten Sie Ping nicht aktivieren", steht da. Das macht dann restlos klar, dass der Dienst wie all die konsumorientierten Facebook-Applikationen nichts anderes als ein gigantisches Marktforschungswerkzeug ist.

Amazon

Genius, der schon länger in iTunes eingebaute Service, war gewissermaßen der erste Schritt - er hat bei der Informationssammlung allerdings keine soziale Komponente: "Wenn Sie nicht wollen, dass wir Informationen aus Ihrer iTunes Bibliothek auf diese Weise sammeln und nutzen, dürfen Sie diese Geniusfunktion nicht aktivieren." Genius protokolliert die Hörgewohnheiten der Nutzer, gleicht Geschmäcker, Vorlieben und Playlisten mit denen anderer Hörer ab und formuliert auf dieser Basis Empfehlungen. So wie man das von kennt: "Kunden, die diese Platte kauften, kauften auch..."

Die Idee hatte Microsoft schon 2006

Ping soll das Rasenmäherprinzip von Genius nun um eine soziale Dimension ergänzen. Empfehlungen sollen aus dem eigenen digitalen Freundeskreis kommen und damit besser werden - das ist im Kern das Facebook-Prinzip.

Gleichzeitig soll der digitale Freundeskreis kontinuierlich mit automatisierten Werbebotschaften beschickt werden: "Max Mustermann hat gerade Album X von Künstler Y erworben." Neu ist das nicht. Microsoft verpasste seinem Musikplayer Zune in den USA schon 2006 ein eingebautes Musik-Netzwerk. Die US-Fachseite "Cnet" spöttelte  jetzt über Ping, indem sie ihren Artikel über das Netzwerk mit Microsofts damaligem Werbespruch betitelte: "Welcome to the social, Apple".

Statusmeldungen bei Ping sehen sehr ähnlich aus wie jene bei Facebook. Sie sind allerdings etwas völlig anderes. Denn Ping erlaubt nicht, einfach mal eine beliebige Botschaft an seine Freunde zu schicken - man kann nur mitteilen, was man gerade kauft. Diese Funktion, bei anderen Netzwerken meist optional, ist bei Ping praktisch die einzige.

Mitmachen können nur iTunes-Nutzer. Der eigene Freundeskreis kann die eigenen Einkäufe dann kommentieren - aber ohne Links. Wer auf ein tolles Live-Video der genannten Band verweisen möchte, hat Pech. Zwar kann man in den Kommentaren Internetadressen eintragen, aber man kann sie weder anklicken noch als Text kopieren. Ping-Text ist toter Text. Ping hat nur einen einzigen Ausgang, und der führt in den iTunes Store.

Wieso macht Apple das?

Mit "Social Media" hat das nichts zu tun. Beim Nutzer ankommen würde Ping wohl nur, wenn sich Apple an Facebook ankoppeln würde - mit einer App, die mehr kann als Ping. Aber so ist das Ganze derart unpraktisch, dass die Nutzung nach anfänglichen Testläufen vermutlich rasant einschlafen wird. Im iTunes-Ghetto wird der Dienst bald nur noch als stiller Datensammler all der Karteileichen ackern.

Aber vielleicht reicht das ja auch.

Apple hat diese so überfällige wie überflüssige Neuerung vor allem aus einem Grund eingeführt: Dem Konzern fehlt im Moment ein wichtiger Bestandteil der integrierten Digitalstrategie, die alle Web-Konzerne verfolgen. Von Google, Amazon, Microsoft, Apple bis zu in diesem Markt kleineren Spielern wie Sony und Nokia hätten alle im Prinzip gern das gleiche:

  • Zugriff auf einzelne Nutzer über Hard- oder Software, am besten beides.
  • Einen Onlineshop für digitale Medieninhalte und Spiele.
  • Möglichst ein eigenes digitales Zahlungssystem.
  • Erhebung möglichst umfangreicher Nutzungsdaten zur optimalen Anpassung von Werbung und Marketing.
  • Am liebsten natürlich eine Suchmaschine - aber da ist neben Google und Microsofts Bing derzeit wenig Platz im Markt. und die Anschubkosten für einen halbwegs erfolgversprechenden Markteintritt wären gewaltig.
  • Und ein eigenes Social Network, um das Sozialgefüge der eigenen Kundschaft abbilden zu können und Marketing und Werbung entsprechend zu verfeinern.

Geld verdienen wollen schließlich alle auf die gleiche Weise - über Werbung, direkte Verkäufe und/oder Verkaufsprovisionen. Wobei die Unternehmen im großen Streben nach digitalen Monopolen derzeit unterschiedlich erfolgreich sind.

Android

Smartphone

Apps

Beispiel Hardware-Zugriff auf die Nutzer: Hier liegt Apple mit seinen Endgeräten weit vor der Konkurrenz. Aber Google holt rasant auf - dank des cleveren Tricks, über das Betriebssystem eine wesentlich breitere, derzeit rasant wachsende Basis von Endgeräten zu erschließen. Dem Marktforschungsinstitut Nielsen zufolge hatte Apple im ersten Halbjahr 2010 bei neu gekauften Geräten im -Markt einen Anteil von 23 Prozent. Android-Handys kamen auf 27 Prozent. Amazon hat derzeit als fest angebundenes Endgerät nur den Kindle anzubieten, der sich inzwischen immerhin schon mit erweitern lässt. Microsoft hat gerade sein neues Handybetriebssystem Windows Phone 7 auf den Markt gebracht. Facebook hält sich aus dem Geräte-Wettstreit bislang heraus. Der Netzwerk-Konzern braucht nicht unbedingt eigene Endgeräte, denn er ist über entsprechende Apps ohnehin auf praktisch jedem vertreten. Sprich: Hardware-Zugriff hat Facebook nicht, sein Software-Zugriff ist dafür phänomenal.

In Sachen Verkauf sind Amazon und Apple derzeit weit vorne. Erst an diesem Mittwoch wurde kolportiert, dass Amazon künftig vermehrt digitale Bewegtbild-Inhalte als kostenpflichtigen Stream vermarkten will - wie Apple, Google, Netflix (in den USA) und auch Sony. Microsofts Zune Store kann man derzeit nur aus den USA erreichen, außer man besitzt eine Xbox 360.

In Sachen Bezahlung hat Google den Dienst Checkout. Apples iTunes-System mit Kredit- oder Punktekarte hat sich bewährt. Amazon hat sein "One Click"-System und Facebook vor kurzem erst eine virtuelle Währung eingeführt. Sony und Microsoft verkaufen für ihre Spielkonsolen Inhalte über Kredit- oder Punktekonten, die wiederum mit Kreditkarten oder im Handel erhältlichen Gutscheincodes aufgefüllt werden können.

In Sachen Social Networks allerdings hinken derzeit alle dem Giganten hinterher - Facebook. Das Netzwerk liegt nach dem derzeitigen Stand der Dinge uneinholbar vorn. Der Weltmarktzweite MySpace verliert kontinuierlich Kundschaft . Google ist mit seinem letzten Networking-Versuch Buzz offensichtlich kläglich gescheitert (der nächste Anlauf ist in Planung und soll Gerüchten zufolge "GoogleMe" heißen). Amazon verzichtet auf ein individualisiertes Netzwerk und operiert lieber mit der algorithmischen Auswertung des Kaufverhaltens aller seiner Kunden, statt die sozialen Beziehungen zwischen ihnen einzubeziehen. Über Apps und Links ist Amazon außerdem ohnehin auf allen großen Networking-Plattformen vertreten.

Apple? Hat jetzt Ping. Aber das könnte sich als zu wenig, zu spät erweisen.

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