Nexus One Das Googlephone, nur ein Replikant?

Google verschenkte Handys an seine Mitarbeiter und löste damit eine Welle von Vermutungen aus: Ist es ein iPhone-Killer? Kommt es im Januar oder nie? Darf es wirklich Nexus One heißen oder gibt es dann Ärger mit den Blade-Runner-Erben? Die Antwort auf all diese Fragen lautet: vielleicht.

Engadget

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Seit dem Wochenende wissen es alle: das Googlephone ist Realität. Tausendfach wurde das Handy, über das Blogger, Analysten und Journalisten seit Jahren spekulieren, an Google-Mitarbeiter verteilt. Stolz wie Oskar twitterten die sofort los, protzen mit ihrem unerwarteten Geschenk, lobhudelten über dessen elegantes Design - und schickten unscharfe Bilder ihres neuen Gadgets ins Netz. Geheimhaltung sieht anders aus. Jetzt, einige Tage später, hat das Gadget-Blog Engadget die ersten brauchbaren Fotos davon aufgetrieben. Zudem werden immer mehr Details über das so sehr gelobte Smartphone-Phantom bekannt, und lassen zumindest aus technischer Sicht kaum Fragen offen.

Denn während am Wochenende nur wenige Informationen über die Hardware des Nexus One genannten Geräts bekannt waren, sind mittlerweile Kopien des sogenannten Boot-ROMs im Umlauf. Das ist der Chip, in dem das Betriebssystem des Google-Handys gespeichert ist. Dieses ROM haben die Autoren der Website these are the Droids analysiert und einige Details herausgefunden. Demnach hat Googles Handy:

  • Einen kombinierten Licht- und Annäherungssensor, der die Helligkeit des Displays steuert, den Bildschirm ganz abschaltet, wenn das Handy zum Telefonieren ans Ohr gehalten wird.
  • Einen Beschleunigungssensor, den man zum Beispiel für Spiele nutzen kann.
  • Einen Kompass, den man zur Fußgängernavigation und für Anwendungen der Augmented Reality braucht.
  • W-Lan, Bluetooth und einen UKW-Empfänger.
  • Einen Geräuschunterdrückungs-Chip, der in Kombination mit einem Außenmikrofon Nebengeräusche minimiert, Anrufer besser verstehbar macht.
  • Eine Kamera mit Autofokus und Blitz.

Bereits zuvor war bekannt geworden, dass dem Gerät offenbar Qualcomms 1 GHz schneller Snapdragon-Chip als Antrieb dient und dass es mit einem hochauflösenden OLED-Touchscreen ausgestattet ist. Der dürfte, so wie Motorolas Milestone, eine Auflösung von 854 x 480 Pixel haben und damit viel mehr als etwa das iPhone. Zudem deuten Daten der amerikanischen Zulassungsbehörde FCC darauf hin, dass das Nexus One ein Quadband-Handy ist, also weltweit funktioniert und sich per GSM, GPRS, EDGE, WCDMA, HSPDA und HSUPA mit Datennetzen verbinden kann. Der Speicher ist mittels microSD-Karten erweiterbar. Viel bleibt bei so detaillierten Angaben über die technischen Daten nicht im Unklaren.

Ärger wegen "Blade Runner"

Fraglich ist zur Zeit allerdings noch, ob es bei dem Namen Nexus One für das Google-Handy bleiben wird, denn der könnte Google noch Probleme bereiten. Wie das Blog Androidos.in meldet, hat das Unternehmen bereits am 10. Dezember den Begriff Nexus One als Warenzeichen beim US Patent & Trademark Office angemeldet. Wenige Tage also, bevor die Geräte an Googles Mitarbeiter verteilt wurden. Dieser Schritt aber könnte nun rechtliche Konsequenzen haben, wie die " New York Times" meldet. Denn der futuristische Name wird von vielen Beobachtern als Reminiszenz an den Film "Blade Runner" interpretiert, in dem Harrison Ford als Kopfgeldjäger den Auftrag bekommt, mehrere Androiden vom Typ Nexus 6, die sogenannten Replikanten, zu jagen.

Die Erben des Romanautors Philip K. Dick, dessen Kurznovelle "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" als Vorlage für "Blade Runner" diente, fühlen sich deshalb von Google übergangen. Die Tochter des Autors sagte der "New York Times", sie sei bestürzt darüber, dass man sie so übergangen habe, würde jetzt mit ihren Anwalt über eine mögliche Reaktion sprechen.

Dass man derartigen Streitereien proaktiv aus dem Weg gehen kann, bewies dagegen erst vor kurzem der Handy-Hersteller Motorola. Dessen neues Mobiltelefon Milestone heißt in den USA Droid, also genauso wie die niedlichen Roboter aus den Star-Wars-Filmen. Motorola allerdings ließ sich dafür eine Lizenz von Star-Wars-Erfinder George Lucas geben. Das mag zwar etwas gekostet haben, war aber gut fürs Image.

Google auf App-Aufholjagd

Mindestens ebenso wichtig wie ein gutes Image ist für Google allerdings, dass sich der Füllstand des Handysoftware-Portals Marketplace ausgesprochen positiv entwickelt. Das Argument, der App Store für das iPhone böte viel mehr Auswahl als der Marketplace, zieht jedenfalls kaum noch. Klar, mit über 100.000 iPhone-Applikationen liegt Apple immer noch weit vorn. Aber für die Google-Handys sind mittlerweile auch schon 16.000 Programme verfügbar, ein Drittel davon kostenlos. Damit ist Google in diesem Bereich der einzige ernstzunehmende Mitbewerber für Apple.

Während Google in diesem Bereich also Apple nachzieht, plant der Konzern angeblich, Apple beim Vertrieb des Handys ein neues Geschäftsmodell vormachen zu wollen. Das soll ersten Berichten zufolge nämlich grundsätzlich ohne Mobilfunkvertrag direkt von Google via Web verkauft werden, hieß es am Wochenende. Zwischenzeitlich meldete die Nachrichtenagentur Reuters allerdings, T-Mobile USA werde das Nexus One ab dem 5. Januar 2010 in den USA exklusiv vermarkten, bei Vertragsabschluss zu einem subventionierten Preis anbieten. Eine offizielle Bestätigung für eine dieser Behauptungen gibt es allerdings bisher weder von Google noch von T-Mobile. Ein Dementi ebenso wenig.

Vertragsfrei und teuer oder werbefinanziert und billig?

Würde Google das Nexus One allerdings tatsächlich ohne Vertrag in den Handel bringen, könnte das den Markt ordentlich in Bewegung bringen. Ein solcher Schritt etwa könnte Apple dazu bringen, endlich das iPhone von seinen künstlichen Fesseln zu befreien, ohne Vertragsbindung anzubieten. Vollkommen unklar ist dabei allerdings, wie viele Mobilfunknutzer sich wirklich auf ein solches Modell, bei dem ein Handy mehrere hundert Euro kosten könnte, einlassen würden, nachdem sie über Jahre daran gewöhnt wurden, Mobiltelefone bei Vertragsabschluss zu drastisch reduzierten Preisen zu bekommen.

Vor allem aber würde ein Direktvertrieb durch Google den Worten von Google-Chef Eric Schmidt entgegenstehen, der gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters gesagt hat, die Netzbetreiber sollten Mobiltelefone so stark subventionieren, dass sie letztendlich kostenlos werden. Das allerdings ist schon drei Jahre her und damals ging Schmidt noch von drastisch steigenden Einnahmen aus, die Netzbetreiber mit Werbung auf Handys erzielen würden, was bislang nicht geschehen ist. Trotzdem verfolgt der Google-Boss die Idee subventionierter Hardware, deren Kosten letztlich durch Werbung eingefahren werden, unverdrossen weiter. Erst im März dieses Jahres erklärte er in San Francisco, Netzbetreiber sollten auch Netbooks stärker subventionieren, um durch den Verkauf mobiler Datenverträge und Werbung Einnahmen zu generieren. In Deutschland ist das längst üblich.

Kann Google mit seinen Kunden konkurrieren?

Das Grundproblem des Nexus One ist jedoch dasselbe, mit dem sich Microsoft seit Jahren herumschlägt: Als Entwickler und Anbieter der Betriebssystem-Software für eine bestimmte Gerätegattung sollte man sich tunlichst aus dem Hardware-Markt heraushalten. Würde Microsoft eigene PC und Handys anbieten, hätte die Firma ein ernsthaftes Glaubwürdigkeitsproblem gegenüber ihren Kunden, den Herstellern von PC und Handys. In direkte Konkurrenz mit seinen Kunden zu treten, ist sicher keine sonderlich gute Idee.

Ebenso sieht es auch bei Google und dem Android-Betriebssystem aus. Als Anbieter der Software sollte Google sich aus der Hardware heraushalten - eigentlich. Denn einen feinen Unterschied zwischen Google mit Android und Microsoft mit Windows Mobile gibt es eben doch, den Preis. Schließlich gibt Google sein Handy-Betriebssystem kostenlos aus der Hand. Einzige Voraussetzung: Wer seine Mobiltelefone damit ausstatten will, muss der Open Handset Alliance beitreten, die neue Versionen der Software gemeinsam entwickelt. So gesehen muss sich Google also zumindest keinen zahlenden Kunden erklären.

Vielleicht aber ist es auch so einfach, wie es Mario Queiroz, Vice President Product Management bei Google, am Samstag im Google-Blog aufschrieb. Vielleicht hat Google einfach großzügig Test-Handys an seine Mitarbeiter verteilt, damit diese neue Funktionen und Dienste, die für Android geplant sind, ausprobieren können, bevor sie öffentlich gemacht werden. Leisten kann sich das Unternehmen eine solche Aktion mit Leichtigkeit, zumal Google vom Hersteller des Nexus One, HTC, bei der Bestellung mehrerer tausend Handys sicher einen ordentlichen Rabatt eingeräumt bekommen hat. Das würde allerdings bedeuten, dass das Nexus One nie in den Handel kommt, schon jetzt ein Sammlerstück ist und eines Tages Rekordpreise bei Ebay erzielen wird.

Vielleicht aber ist Queiroz' Schreiben nur eine Nebelkerze, die verschleiern soll, das Googles Handys bereits containerweise auf dem Weg von den Fabriken in den Handel sind. Wir werden es wissen, bald, am 5. Januar.



insgesamt 3 Beiträge
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Heramano 17.12.2009
1. Lächerlich!
Hier wird wieder mal Ursache mit Wirkung vertauscht. Haben Online-Redakteure eigentlich nichts besseres zu tun als heiße Luft zu produzieren (kommt das eigentlich von Darmwind?) oder wie in diesem Fall dieselbe einfach nur weiter aufzublasen, die dann aber so oder so bereits einen Tag später zu kaltem Kaffee degeneriert? Wenn schon Handy-Meldungen, dann soll die Redkation doch vorhandene Geräte testen statt über potentielle zu mutmaßen. Oder ist das dem SPON zu teuer? Sogar FAZ-net bekommt das hin und wieder auf die Reihe.
mpunto 17.12.2009
2.
da gibt's ein Dings das soll, man höre und staune, dies und das können, aber gesehen hat's niemand und dass es von Google ist interessiert nicht. Schon mal drüber nachgedacht, WELCHES UNTERNEHMEN sich hier anschickt mit einem roten oder blauen oder geilen oder ungeilen Handy zu einem Telekommunikationsamnbieter zu werden? Herrn Schmidt von Google fällt zum Thema Datenschutz folgendes ein: "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun." Wenn solche Unternehmen dann auch noch Handys vertreiben, dann darf man sich durchaus spontan fragen, ob man in Zukunft noch seine eigenen Freunde anrufen sollte, wenn sie zu einem einem Google Phone wechseln. Schließlich erhält Google dann u.U. auch noch Zugriff auf die Daten aller nicht von Google-Technologie infizierten Gesprächspartner. DAS wäre ein Frage, die mir zu diesen unsäglich breit getretenen Technik-Latrinengerüchten einfällt. Und was einem auch einfallen kann - das ist die Frage, wann und wer eigentlich den ersten Aufruf zu einem Google Boykott publiziert. SPON wird es offensichtlich ganz sicher nicht sein. SPON ermittelt lieber gnadenlos und messerscharf, dass das Handy "einen Beschleunigungssensor (hat), den man zum Beispiel für Spiele nutzen kann". Im Vergleich zu solchem distanzlosen Mist ist die "Gala" geradezu ein Leuchtturm für investigativen Journalismus. Schämt euch!
sverris 18.12.2009
3. Who cares?
Noch etwas, das kein Mensch braucht. 1000 Telefone und nun 1001. Demnächst werden wir uns über die letzte Generation von Gummienten für die lieben Kleinen die Köpfe heiß reden und lesen. Die universelle Verblödung ist auf dem Vormarsch.
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