Die Jahrzehnte vor "Super Mario" Als Nintendo Liebestester und Lichttelefone baute
Virtual Boy von Nintendo: Flop aus den Neunzigerjahren
Foto: SPIEGEL ONLINE
Wenn einer die Bezeichnung Nintendo-Enthusiast verdient, dann Erik Voskuil. Der 48-jährige Niederländer ist Fan, Sammler und Experte in einer Person, jemand, der sogar Produkte kennt, die Nintendo ausschließlich in Japan auf den Markt gebracht hat - vor Jahrzehnten.
Während andere Nintendo-Liebhaber Videospiele und Mario-Figürchen anhäufen, fasziniert den Vodafone-Produktmanager alles, was der Konzern vor seinen Konsolen wie dem Nintendo Entertainment System (NES) und weltberühmten Videospielen wie "Super Mario Bros." und "The Legend of Zelda" verkauft hat.
Seit mehr als 20 Jahren sammelt Voskuil, was sich aus dieser Zeit noch auftreiben lässt: von Spielkarten, die das Nintendo-Geschäft von der Firmengründung 1889 an bis in die Sechzigerjahre prägten, bis zur 1980 gestarteten LCD-Spiel-Serie "Game & Watch", von der er mittlerweile jeden der mehr als 50 Teile besitzt. "Die 'Game & Watch'-Spiele laufen alle noch", sagt Voskuil, "die sind wirklich langlebig."
Voskuil führt das Blog "BeforeMario.com"
Unsere Fotostrecke zeigt acht ungewöhnliche Nintendo-Produkte aus Voskuils Sammlung, die in Europa wohl kaum jemand kennt:
Einblicke in sein Privatarchiv gewährt der Sammler auf seinem Blog "BeforeMario.com". Mittlerweile hat Voskuil auch ein Buch mit demselben Namen veröffentlicht, das sich auf Englisch und Französisch und vielen Fotos den Nintendo-Produkten aus den Jahren 1965 bis 1983 widmet.
"Nintendo hatte Leute, die ihre Fähigkeiten als Spielzeugmacher in Elektronikprodukte hinein übertragen konnten", sagt Voskuil. "Sie wussten, wie man Spielzeug designt, das Kindern und Erwachsenen Spaß macht, während andere Firmen nur mit Erfahrungen aus dem Bereich Unterhaltungselektronik in den Spielemarkt kamen."
Virtual Boy von Nintendo: Flop aus den Neunzigerjahren
Foto: SPIEGEL ONLINEZuletzt konnten Spielefans Voskuil übrigens auf der Kölner Spielemesse Gamescom begegnen, wo er seine Sammlung im Retro-Gaming-Bereich ausstellte. Wer also genug hatte von all den Ausflügen in die virtuelle Realität, die Firmen wie Oculus, Sony und Valve anboten, der konnte sich dort auch einmal ganz klassisches Spielzeug anschauen.
Fast überflüssig zu erwähnen, dass auch Nintendo einmal ein Virtual-Reality-Gadget im Programm hatte, den Virtual Boy. Das war allerdings 1995 - seiner Zeit irgendwie voraus, aber lange nach Super Marios erstem Auftritt.
SPIEGEL+-Zugang wird gerade auf einem anderen Gerät genutzt
SPIEGEL+ kann nur auf einem Gerät zur selben Zeit genutzt werden.
Klicken Sie auf den Button, spielen wir den Hinweis auf dem anderen Gerät aus und Sie können SPIEGEL+ weiter nutzen.
Bevor Nintendo mit seinen Konsolen und Videospielen berühmt wurde, hat das Unternehmen allerlei seltsames, aber auch originelles Spielzeug produziert. Dazu zählt dieses Tischfußballspiel, in dem zwei Spieler mit Luftstößen versuchen, den Ball ins gegnerische Tor zu manövrieren. Jedes Loch auf dem Platz lässt sich über die Leiste am Spielfeldrand anvisieren, mit den Luftstößen kann man den Ball nach und nach vorantreiben.
Das Spiel ist 1970 in Japan auf den Markt gekommen, schreibt Erik Voskuil, ein niederländischer Nintendo-Fan, der seine Sammlung auf dem Blog "BeforeMario.com" und in Buchform präsentiert. Wer gewinnen will, muss stets schneller reagieren als sein Gegner, sprich: schneller den Pumpschlauch ins richtige Loch auf der Leiste stecken. Wem bei "Dynamic Soccer" die Puste ausgeht, der wird schnell überrumpelt.
1889 gegründet, war Nintendo lange auf Sammelkarten spezialisiert. In den Sechzigerjahren versuchte sich das Unternehmen dann an klassischem Spielzeug. Zu den ersten Produkten dieser Art gehörte diese Greifhand, die ab 1966 als Ultra Hand vermarktet wurde und sich über eine Million Mal verkaufte.
Im Paket der Ultra Hand fanden sich drei kleine Ständer, auf denen sich jeweils ein gleichfarbiger Ball ablegen ließ. Dieser konnte dann mit dem Spielzeug aus der Ferne gegriffen werden. Gesteuert wurde die Ultra Hand mit beiden Händen zugleich.
1968 versuchte Nintendo, auf den Erfolg von Lego zu reagieren: Unter dem Namen N&B Blocks brachte das Unternehmen eigene Bauklötze auf den Markt. "BeforeMario.com"-Blogger Voskuil schreibt, in den späten Sechzigerjahren sei es Nintendo sogar gelungen, Lego mit seinen Klötzchen die Schau zu stehlen - zumindest in Japan.
Konkret brachte Nintendo unter anderem diese Rakete auf den Markt. Spielzeug mit Weltraum-Bezug war in den Sechzigerjahren extrem beliebt, als sowohl die USA als auch die Sowjetunion in der Raumfahrt große Fortschritte machten. 1969, ein Jahr nach dem Raketenbausatz und im Jahr der ersten Mondlandung, veröffentlichte Nintendo auch noch ein Mondfahrzeug zum Selbstbauen.
1979 hat Nintendo sogar einen fernsteuerbaren Ministaubsauger gebaut. Das batteriebetriebene und knallrote Gadget hatte einen Durchmesser von 16 Zentimetern und kam mit einer eher überschaubaren Saugleistung daher.
Die Steuerung des Saugers war ungewöhnlich: Tat man nichts, drehte er sich Sammler Voskuil zufolge einfach im Kreis. Drückte man auf den einen Knopf der Fernbedienung, fuhr das Gadget nach vorn, genau in die Richtung, in die es gerade zeigte. Man brauchte also Geduld und Geschick, um einen Raum komplett zu säubern.
Das vielleicht verrückteste Nintendo-Produkt ist dieses Licht-Telefon, das ab 1971 im Doppelpack verkauft wurde. Das Gadget sollte es zwei Personen ermöglichen, miteinander zu kommunizieren. Dafür brauchte jeder Gesprächsteilnehmer einen Kopfhörer und ein Mikrofon.
Was ins Mikrofon gesprochen wird, wird in ein Lichtsignal umgewandelt, das in Richtung der zweiten Person abgegeben wird. Ein Decoder aus dem Equipment der zweiten Person wandelt das Lichtsignal um und leitet es an den Kopfhörer weiter. Angeblich soll der so mögliche Austausch sogar über den Umweg eines Spiegels möglich sein.
Dass Baseball nicht nur in den USA, sondern auch in Japan schon länger populär ist, zeigt dieses 1977 erschienene Gadget namens Ultra Machine DX. Es handelt sich um eine Baseball-Wurfmaschine, die der Nachfolger zu einem zehn Jahre zuvor erschienenen Produkt namens Ultra Machine ist.
Verkauft wurde die Ultra Machine DX in einer Box, die bekannte japanische Baseballspieler zeigt. Neben dem Trainingsgerät bekamen Käufer des Gadgets gleich noch einen grau-schwarzen Nintendo-Baseballschläger mitgeliefert.
Wer wissen will, wie gut er zu einer anderen Personen passt, konnte das in Japan ab 1969 mit dem Love Tester herausfinden. Das Gadget versprach, den "Level der Liebe" anzuzeigen, wobei in Wirklichkeit nur die Leitfähigkeit wichtig war. Zwei Personen nahmen jeweils einen der Sensoren in die Hand, zudem berührten sie sich mit den freien Händen.
Inszeniert wurde der Love Tester als Produkt "für junge Frauen und Männer". Erik Voskuil schreibt, trotz seines simplen Prinzips sei das Gadget gut angekommen - auch, weil es jungen Japanern einen Vorwand gab, mit einer anderen Person Händchen zu halten. In dem Land habe es damals noch eine relativ strikte Dating-Etikette gegeben, da war ein Eisbrecher hilfreich.
Nintendo-Produkte gelten heute als familienfreundlich, zeitweise brachte das Unternehmen aber auch Produkte in Waffenoptik auf den Markt: 1970 zum Beispiel diese Lightgun, die einem das Gefühl vermitteln sollte, auf Safari zu gehen.
Für das Safari-Gefühl sorgte eine Drehscheibe, auf der sich drei Raubkatzen befanden. Zielte man korrekt auf den Löwen und schoss diesen so ab, drehte sich die Scheibe um 120 Grad weiter und das nächste Tier wurde sichtbar. "Es war schon vor 20 Jahren eine Herausforderung, an solche Dinge zu kommen", sagt Voskuil zu seiner Sammlung, "und von Jahr zu Jahr wird es schwieriger."
Melden Sie sich an und diskutieren Sie mit
Anmelden