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Highend-Handy: Das ist Nokias Lumia 920

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Lumia 920 im Test Nokias Wuchtbrumme

Altes Rezept, neue Hardware: Ins Lumia 920 hat Nokia alles an Technik gesteckt, was nur möglich war - und obendrauf noch diverse eigene Apps gepackt. Der Test des Windows-Phone-8-Handys offenbart nur einen, allerdings schwer wiegenden Nachteil.

Zugegeben, ich hatte das Lumia 920 schlanker in Erinnerung. Als Nokia sein neues Top-Smartphone im September zum ersten Mal der Presse zeigte, schien es mir bei weitem nicht so groß und schwer zu sein, wie das Gerät, das ich nun in den Händen halte. Deutlich dicker und größer als ein iPhone 5 ist es und liegt mit 180 Gramm schwer in der Hand. Es ist eben ein Technologieträger, bis zur Oberkante vollgestopft mit Elektronik und Akku. Etwa 640 Euro kostet es mit 32 GB Speicher ohne Vertrag.

Im Großen und Ganzen sieht es aus wie ein Lumia 800 auf Steroiden. Ganz ähnlich wie bei Nokias erstem Windows Phone geht der Bildschirm elegant abgerundet ins Kunststoffgehäuse über. Allerdings ist er hier auf stattliche 4,5 Zoll Diagonale angewachsen und zeigt 1280 x 768 Pixel an. Die Kontraste sind dabei sehr kräftig: Senkrecht betrachtet geht das tiefe Schwarz des Bildschirmhintergrunds direkt in die schwarze Gehäusefarbe meines Testgeräts über, die Farben strahlen hell.

Erfreulich ist auch die Leistung des mit 1,5 GHz getakteten Qualcomm-Prozessors. Wenn ich beim Lumia auf etwas warten muss, dann liegt es daran, dass Daten aus dem Handyspeicher oder dem Netz geladen werden müssen. Nokia profitiert hier wohl auch davon, dass Microsoft seine neue Betriebssystemversion gut an die Hardware angepasst hat. Wobei die Hardware sehr geschlossen ist. Es gibt nur einen USB-Anschluss und einen für Headset oder Kopfhörer und eine Schublade für eine Micro-Sim-Karte - mehr nicht.

Das Geheimnis der Schwimmlinsen

Ganz dezent findet sich auf der Rückseite eines der Highlights des neuen Nokia, die Kamera. Von Carl Zeiss in Jena lassen sich die Finnen das filigrane Bauwerk aus optischen und mechanischen Bauteilen zuliefern, das einen optischen Bildstabilisator enthält. Der soll für bessere, weil weniger verwackelte Bilder sorgen. Außerdem ermöglicht die Konstruktion, bei der die Linsen quasi im Objektiv schwimmen und so Bewegungen des Anwenders ausgleichen können, längere Belichtungszeiten. Das wiederum soll dafür sorgen, dass man auch bei Dämmerung und Dunkelheit noch fotografieren kann, wo andere Handys nur noch Schwarz sehen. Pureview nennt Nokia das.

Tatsächlich gelingen mir mit der 8,7-Megapixel-Knipse einige beachtliche Schnappschüsse, vor allem in schlecht beleuchteten Umgebungen (siehe Bilderstrecke). Die Kamera im Lumia 920 gehört zum Besten, was man derzeit in einem Smartphone bekommen kann. Allerdings stets auf Schnappschussniveau, denn zum einen sind die Fotomenüs umständlich zu erreichen, zum anderen enthalten sie nur wenige Funktionen.

Immer lächeln

Gut, dass sich die Kamera-App erweitern lässt. Im Windows Store gibt es Mini-Programme, die beispielsweise eine Panorama- oder Cinemagramm-Funktion nachrüsten. Interessant ist die App "Bemerkenswerte Bilder", die speziell für Gruppenfotos entwickelt wurde. Fotografiert man mit ihr mehrere Personen gleichzeitig, nimmt das Handy in kurzer Folge fünf Bilder auf. Auf jedem dieser Bilder kann man dann jene Porträts auswählen, die am besten gelungen sind. Ist das erledigt, montiert die Software die fünf Bilder zu einem einzigen zusammen, auf dem nur strahlende Gesichter zu sehen sind.

Ohnehin hat Nokia sich reichlich Mühe gegeben, seine Hardware mit Apps aufzuwerten, die Funktionen abdecken, welche heute bei Smartphones zum guten Ton gehören. Nokias Karten-App beispielsweise bietet nicht nur gutes Kartenmaterial, sondern auch Verkehrsinformationen und Streckennetzpläne öffentlicher Verkehrsmittel, für die das Nokia-Programm Bus & Bahn einen Routenplaner enthält. Autofahrer benutzen stattdessen Nokias Navigationssoftware. Interessant ist auch die App "Nokia City Kompass". Sie nutzt Augmented Reality, blendet also Daten in Live Bilder der Kamera ein, um beispielsweise Restaurants oder Ladengeschäfte in der Umgebung anzuzeigen. Wie so oft doppelt sich das Angebot der Finnen hier mit existierender Software wie zum Beispiel Wikitude.

Mehr Musik

Das gilt freilich nicht für "Nokia Musik". In dieser App hat der finnische Konzern alles zusammengefasst, was mit Musikhören zusammen hängt. Es gibt einen Zugang zu Nokias Online-Musikshop, man kann sich anzeigen lassen, welche Konzerte in den nächsten Tagen in der Umgebung stattfinden und die Musik abspielen, die auf dem Handy gespeichert ist.

Der Clou ist das kostenlose "Mix Radio". Im Grunde handelt es sich dabei um einen Streaming-Dienst ähnlich Last.FM, Aupeo und Spotify. Es gibt darin Dutzende "Mix Radio" genannter Webradiostationen, die auf Abruf Songs zu bestimmten Themen oder Musikrichtungen wie "80er Synth Funk" oder "Indie Neuheiten" aus dem Netz abspielen. Besonders wird dieses Angebot, weil man die Musik nicht nur online hören, sondern auch per W-Lan auf das Gerät speichern kann. Die Songs landen dann in einem dem Anwender nicht zugänglichen Bereich, können beliebig oft, wenn auch nicht in beliebiger Reihenfolge, abgespielt werden. Da man sich auch eigene Mix Radios erstellen kann, bekommt man quasi nebenbei Zugriff auf eine riesige Musikbibliothek.

Und sonst?

Das alles nützt aber nur etwas, wenn man die Musik auch wirklich hören kann, was mir im Test gelegentlich verwehrt wurde, wenn ich bei laufender Musik Fotos knipste. Die Audiofunktion ließ sich dann nur per Neustart reaktivieren. Reproduzierbar ist dieses Problem aber nicht und somit wohl kein Serienfehler. Lästiger war ein anderes Problem: Beim Einspielen eines App-Updates brach die Netzverbindung ab. In der Folge ließ sich die App weder aktualisieren noch neu installieren und auch nicht deinstallieren. Letztlich half es nur, das Handy komplett auf Werkseinstellungen zurückzusetzen und von vorne anzufangen.

Genau wie einige kryptische Fehlermeldungen dürften diese Fehler aber eher in Windows Phone 8 begründet sein und nicht in Nokias Hardware (ein Artikel über die vielen Neuerungen des Betriebssystems folgt).

Was sich jetzt schon sagen lässt: Microsofts Webbrowser arbeitet weitgehend problemlos, die E-Mail-App von Windows Phone 8 bietet alle grundlegenden Funktionen und bereitet Nachrichten gut auf. Die parallele Nutzung mehrerer E-Mail-Konten ist umständlich. Die Akku-Ausdauer des Lumia 920 könnte besser sein, bei intensiver Nutzung muss es nach wenigen Stunden aufgetankt werden. Das optionale drahtlose Ladegerät (siehe Bilderstrecke) kam in solchen Situationen gerade recht.

Ob sich Nokia damit gegen die Konkurrenz durchsetzen kann? Leicht wird das nicht. Schon weil die Finnen immer noch Nachzügler sind, viele Kunden sich längst auf Android oder iPhone eingerichtet haben. Wer sich an dem hohen Gewicht und den klobigen Maßen nicht stört, bekommt mit dem Lumia 920 trotzdem ein schönes Handy, das vieles kann und in mancher Hinsicht besser ist als die Konkurrenz. Smartphone-Anfänger werden die gekachelte Windows-Oberfläche lieben, Umsteiger ihre Mühe haben, sich an deren Logik zu gewöhnen.

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