"Notel"-Boom in Nordkorea Hardware für den Widerstand

Mit dem "Notel", einer Mischung aus Notebook und Fernseher, wehren sich Nordkoreaner gegen die Informationssperren des Regimes. Der Bildschirm des 44-Euro-Geräts ist für viele ein Fenster zur Außenwelt.

REUTERS

Hollywood-Filme und Soaps aus Südkorea? In Pjöngjang gibt es so etwas nur auf dem Schwarzmarkt. Mit USB-Sticks und Speicherkarten tauschen junge Nordkoreaner die Produktionen aus dem Ausland. Angeschaut werden sie auf tragbaren Fernsehern. Der sogenannte Notel, auch Notetel genannt, ist eine Mischung aus Notebook und TV im Netbook-Format für umgerechnet 44 Euro - und entwickelt sich zum liebsten Technikspielzeug einer Protestgeneration.

Die Idee erinnert ein bisschen an Comic-Bücher im Bibel-Einband: In das DVD-Laufwerk kommt ein nordkoreanischer Film, vom USB-Stick startet stattdessen aber ein Werk aus Südkorea. Der Stick wird im Zweifelsfall schnell abgezogen und versteckt.

Prüfen Sicherheitsbehörden das Gerät, spüren sie die Wärme. Die Nutzer können aber behaupten, dass nur der Film von der unverdächtigen DVD gelaufen sei. Hat man mehr Zeit, ist der Notel selbst klein genug, um schnell versteckt zu werden.

Der Notel löst zwei zentrale Probleme

Es sind Geräte wie dieses, die für Veränderungen in einer der am stärksten unterdrückten Gesellschaften der Welt stehen. Staatliche Vorschriften und Energieknappheit, das sind die zwei Faktoren, die die Nordkoreaner von der digitalen Welt abschotten.

Der Notel gibt den Menschen die Möglichkeit, Informationen aus anderen Ländern zu bekommen, in Form von Filmen, aber auch durch Nachrichten und E-Books. Der Schwarzmarkt boomt. Viel Energie brauchen die Geräte nicht, sie werden mit Autobatterien geladen. Diese finden sich in fast jedem nordkoreanischen Haushalt.

Internetanschlüsse sind extrem selten

Nordkorea ist ein Land fast ohne Internetzugang. Es gibt nur einen Provider und, sieht man von in der Regel illegalen Satellitenverbindungen ab, im Wesentlichen eine einzige Datenleitung in die Außenwelt - sie führt über China. Die meisten Menschen erreichen nur ein staatliches Intranet, wenn überhaupt. Ausländisches Fernsehen empfängt so gut wie niemand. Etwa jeder Zehnte besitzt ein Mobiltelefon - darf damit aber nicht aus dem Land hinaus telefonieren.

Die Notel-Geräte werden von Regime-Flüchtlingen nach Nordkorea geschmuggelt. Hergestellt werden sie in China, die Fabrik in Guangzhou stellt sie ausschließlich für den nordkoreanischen Markt her.

Schmugglern droht die Exekution

"Das nordkoreanische Regime nimmt seine nationale Ideologie extrem ernst. Dass sich diese Medien nun verbreiten, steht in Konkurrenz zur Propaganda der Regierung. Für sie ist das ein wachsendes Problem", sagt Sokeel Park, der bei der regimekritischen Organisation Liberty in Nordkorea (LiNK) für Strategie und Forschung zuständig ist.

Das US-Magazin "Wired" hat sich kürzlich ausführlich der Frage gewidmet, wie ausländische Medien nach Nordkorea kommen. In dem Artikel wird von einem Bestechungsdinner mit örtlichen Polizeichefs und Grenzschützern erzählt, ebenso von einer Schmuggelaktion über den Han-Fluss zwischen Nord- und Südkorea, mit Speichermedien voll von Filmen, Büchern und Musik. Unter anderem die Serien "Friends" und Desperate Housewives" sollen den Nordkoreanern zeigen, was sie verpassen.

Der Besitz eines Notels ist in Nordkorea seit dem Dezember legal - Nutzer müssen ihre Geräte allerdings registrieren lassen. So weiß das Regime, wer potenziell gefährliche ausländische Serien schaut. Serienjunkies drohen im schlimmsten Fall Monate und Jahre in Gefängnissen, schreibt "Wired". Und wer beim Schmuggeln erwischt wird, dem droht die Hinrichtung.

isa/Reuters



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Q9653 28.03.2015
1. (Grübel)
Wenn ich mir so überlege, was ich alles anstelle, um nicht allzu leicht ein Überwachungsopfer zu sein ... - irgendwie nordkoreanisch, oder?! Dort allerdings hagelt´s Freiheitsentzug, hierzulande lediglich Entzug der Freizügigkeit (Stichwort "No-Fly-List"). Ein kleiner, aber feiner Unterschied.
FBFB 28.03.2015
2. Etwa jeder 10te hat ein Mobiltelefon???
in Nordkorea? Das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Stimmt das?
Rassek 28.03.2015
3.
kindekriegen einstellen. In ein paar Jahren hat Kim dann keinen Staat mehr.
Badischer Revoluzzer 28.03.2015
4. Nach allem, was man
bisher aus NK erfahren hat, erscheint mir das doch recht unglaubwürdig.
david.wrase 28.03.2015
5. Das Gerät ist doch legal...
... wozu dann diese merkwürdige Bemerkung,"Prüfen Sicherheitsbehörden das Gerät, spüren sie die Wärme"? Nun ja, abgesehen davon, wo ist das Teil denn ein Notebook? Ein simpler DVD-Player mit Screen, USB, MP3- und PDF-Funktion...
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