Überwachungsskandal Wie die NSA weltweit Handys ortet

Die NSA speichert und analysiert die Positionsdaten von Millionen Handys pro Tag. Wie machen die US-Spione das? Die Daten stammen aus Rechenzentren von Mobilfunkunternehmen - manche Firmen helfen dem US-Geheimdienst offenbar bereitwillig.
Übergroßes Auge: US-Geheimdienste analysieren die globale Handydaten

Übergroßes Auge: US-Geheimdienste analysieren die globale Handydaten

Foto: Roland Weihrauch/ dpa

Die NSA sammelt täglich fünf Milliarden Datensätze, die Positionsdaten von Mobilfunknutzern enthalten, berichtet die "Washington Post ". Die Zeitung beruft sich auf Unterlagen des Whistleblowers Edward Snowden. Die Daten würden unter anderem genutzt, um die Bewegungen von Verdächtigen zu verfolgen, Verbindungen zu anderen aufzudecken und sogar, um bisher unbekannte verdächtige Personen aufzuspüren.

Möglich wird das durch die Auswertung gewaltiger Datenmengen mit statistischen Methoden. Die Positionsdaten von Smartphones aus der ganzen Welt werden in einer Datenbank mit der Bezeichnung FASCIA gesammelt.

Wo die NSA die Daten im Einzelnen herbekommt, geht aus dem Bericht der "Washington Post" nicht hervor. Offenbar arbeiten mehrere Mobilfunkfirmen mit der NSA zusammen. Die "Washington Post" zitiert aus einem NSA-Papier, demzufolge zwei Firmen sogar die "physischen Systeme" des Geheimdienstes zum Abzweigen der Daten verwalten. Unklar ist, ob der Geheimdienst sich auch mit weiteren, illegalen Methoden Zugang zu Daten von anderen Mobilfunkfirmen verschafft. An Daten eines Mobilfunkanbieters im Ausland könnte die NSA über mehrere Wege kommen:

  • In die Netzwerke der Firma einbrechen, wie das britische GCHQ in Zusammenarbeit mit der NSA beim belgischen Provider Belgacom tat.
  • Wenn die Firma Daten zwischen Serverzentren über Internetverbindungen austauscht, diese Kommunikation gezielt an Netzknotenpunkten abfangen - so wie die NSA es etwa bei den Verbindungen zwischen Google-Rechenzentren tut.
  • Wenn der Mobilfunk-Provider Abrechnungsdaten mit anderen Firmen austauscht, dort die Informationen kopieren - auf legalem oder illegalem Weg. Das GCHQ hackte sich zu diesem Zweck offenbar auch in die Systeme internationaler Abrechnungsdienstleister, sogenannter Billing Houses.

Das verraten die Positionsdaten

Der so generierte Datenwust ist auch deshalb so wertvoll, weil er es den Analysten des Geheimdienstes ermöglicht, mit statistischen Methoden sogar zuvor unbekannte Ziele zu identifizieren. Die "Washington Post " nennt Beispiele aus der NSA-Arbeit:

  • Die NSA kann erfassen, wenn ein Nutzer sein Mobiltelefon wechselt. Wenn sich in einer Funkzelle ein Telefon ausbucht und wenig später ein neues eingeschaltet wird, kann die Analysesoftware des Geheimdienstes die Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der es sich um denselben Besitzer handelt.
  • Befindet sich das Handy einer bereits überwachten Zielperson öfter am gleichen Ort wie ein weiteres Handy, könnte auch dessen Besitzer das Interesse der NSA wecken.
  • Die NSA-Analyse-Software errechnet die Reisegeschwindigkeit bestimmter Endgeräte in Funkzellen und gleicht diese Informationen mit den dort verfügbaren Transportmöglichkeiten ab, um den möglichen Aufenthaltsort einzugrenzen.
  • Anhand der Positionsdaten von Geräten im Umfeld eines CIA-Agenten will die NSA errechnen können, ob dieser von Unbekannten verfolgt oder begleitet wurde.

Deutsche Überwacher orten Handys ganz anders

Versand "stiller SMS"

Jahr BfV BKA BPOL Zoll
2012 (gesamt) 28.843 37.352 63.354 199.023
2013 (1. Halbjahr) 28.472 31.948 65.449 138.779

In Deutschland werden die Positionsdaten von Mobiltelefonen von Ermittlern anders erfasst: Ermittler können in bestimmten Fällen mit richterlicher Anordnung (bei Gefahr im Verzug auch ohne) ein Handy orten lassen. Das läuft in Deutschland über die sogenannte stille SMS. Dass der Provider eine stille SMS an ein Handy schickt, bekommt der Besitzer in der Regel nicht mit. Bei der Nachricht handelt es sich um bloße Steuerbefehle, das Telefon antwortet ebenso unbemerkt. Um die Bewegungen einer Person aufzuzeichnen, können beispielsweise mehrere dieser SMS hintereinander verschickt werden.

Abgeschaltete Handys orten

Die "Washington Post " berichtete im Juli, dass es der NSA bereits seit 2004 möglich sei, auch scheinbar abgeschaltete Handys zu orten. Genutzt werde die Technik von einer Abteilung des Joint Special Operations Command (JSOC). Das deckt sich mit einem Bericht von 2005, wonach das FBI damals die Handys zweier mutmaßlicher Mafiosi belauschte - und das auch, wenn deren Besitzer sie eigentlich abgeschaltet hatten.

Möglich dürfte so etwas allerdings nur dann sein, wenn die Behörden vorher Zugriff auf das jeweilige Handy hatten und darauf eine Spionage-Software installieren konnten. Auf diese Weise könnte man das Abschalten vortäuschen und die Elektronik bei abgeschaltetem Bildschirm weiterlaufen lassen. Grundsätzlich aber ist es nicht möglich, ein Handy zu orten, das nicht eingeschaltet ist. Zumindest sei kein Handy bekannt, "das im ausgeschalteten Zustand die Verbindung mit dem Netz aufrechterhält ", erklärt die Fachzeitschrift "c't".

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