Nuraphones im Test Dieser Kopfhörer klingt so gut, wie Sie hören

Wer hören will, muss testen: Bevor aus den Nuraphones der erste Takt Musik erklingt, untersuchen die Kopfhörer das Hörvermögen des Nutzers. Das Ergebnis ist erstaunlich.

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"Da konnte sich wohl jemand nicht entscheiden": Das dachte ich mir, als ich diesen Kopfhörer zum ersten Mal in die Hand nahm. Von außen betrachtet nämlich sehen die Nuraphones aus wie klassische Auf-den-Ohren-Kopfhörer. Doch innen haben sie einen zusätzlichen In-Ohr-Kopfhörer. Merkwürdig.

Doch dahinter steckt ein klares Konzept: Durch den kleinen weichen In-Ohr-Kopfhörer werden mittlere und hohe Frequenzen direkt in den Gehörgang eingespielt. Die großen Lautsprecher, die in den Ohrmuscheln stecken, sorgen für die Bässe. Und das tun sie auf Wunsch vehement - so vehement, dass man meinen könnte, dass einem der Kopf zu vibrieren beginnt.

Doch bevor man mit den Nuraphones Musik hören kann, muss man sein Hörvermögen vermessen lassen. Der von einer App gesteuerte Prozess dauert zwei bis drei Minuten, in denen man vor allem eines tun muss: still sitzen und den Mund halten, am besten in einer möglichst ruhigen Umgebung.

Zunächst überprüft die App mit ein paar Testtönen, ob man die Kopfhörer richtig aufgesetzt hat. Im Anschluss wird etwa eine Minute lang eine Serie von Testtönen in die Ohren eingespielt. Dabei werden Messungen vorgenommen, auf deren Basis ein individuelles Hörprofil erstellt wird, das den Sound der Nuraphones an das Gehör ihres Trägers anpasst. Der Klang wird etwa so personalisiert, wie eine Brille vom Optiker an die Augen ihres Nutzers angepasst wird.

Hersteller Nura nutzt für diese Vermessung der Ohren sogenannte otoakustische Emissionen. Das sind - so irre das klingt - Geräusche, die das Ohr beim Hören erzeugt. Weil diese Geräusche sehr leise sind, lassen sie sich nur mit hochempfindlichen Mikrofonen aufzeichnen. Genau solche Mikrofone sind in die Nuraphones eingebaut.

Profilbildung

In der App kann man anschließend zwischen dem unbearbeiteten Signal ("Neutral") und dem optimierten ("Individualisiert") wählen. Die Neutralstellung wird dabei wohl kaum jemand nutzen, denn damit klingen die Kopfhörer - könnte das Absicht sein? - richtig schlecht. Mit dem individualisierten Hörprofil hingegen geht in den Ohren regelrecht die Sonne auf.

Damit man die Nuraphones mit Partnern, Familien oder Freunden teilen kann, lassen sich drei solcher Profile speichern. Also legte ich, im Abstand mehrerer Wochen, zwei Profile für mich an, die in der grafischen Darstellung innerhalb der App erstaunlich unterschiedlich aussehen. Hat sich mein Gehör innerhalb weniger Wochen so sehr verändert?

Hörprofile in der Nuraphone-App
Matthias Kremp/ Spon

Hörprofile in der Nuraphone-App

Subjektiv klingen aber beide gut. Was auch immer die Nura-Software macht, es scheint zu funktionieren. In der App lässt sich der Sound mit einem Regler, der als "Immersion Modus" betitelt ist, sozusagen anfetten. Nach ganz links geschoben, soll der Klang mehr oder weniger neutral, man könnte auch sagen, langweilig, bleiben. Je weiter man den Regler aber nach rechts schiebt, desto dicker und bassiger wird die Klangmelange.

Fett, fetter, zu fett

In der App wird die Extremstellung als "erste Reihe" bezeichnet und tatsächlich erinnert mich der Sound dann an das Gefühl, wenn man bei einem lauten Konzert direkt vor den Lautsprechern steht: Der Bass drückt sich förmlich in die Gehörgänge, man spürt wie die Gummiummantelung der Ohrmuscheln im Takt vibriert. Das Erlebnis ist intensiv, aber nicht gut.

Die beste Mischung von Klarheit und Fülle bekommt man für meinen Geschmack ungefähr in der Mittelstellung. Aber das ist sicher Geschmackssache. Das vom Kopfhörer erzeugte Hörprofil sorgt jedenfalls dafür, dass die Nuraphones mir einen zugleich sehr transparenten und kräftigen Sound zu Ohren kommen lassen. Viel besser geht es nicht.

Sensible Sensoren

Perfekt sind die Nuraphones trotzdem nicht. Zum einen könnte ihre Geräuschunterdrückung besser sein. Verglichen mit Konkurrenzprodukten wie dem Sennheiser PXC 550 oder Sonys WH 1000X M3 kommt bei ihnen noch zu viel Lärm durch, zumindest im Flugzeug. Für die U-Bahn reicht es.

Als störend empfinde ich auch die beiden Sensorflächen an den Ohrmuscheln. Über die lässt sich beispielsweise der "Sozialmodus" aktivieren, in dem die Lautstärke reduziert wird und Außengeräusche in den Kopfhörer eingespielt werden. So kann man etwa eine Durchsage im Flugzeug anhören.

Leider sind die Sensoren so empfindlich, dass ich sie immer wieder versehentlich aktiviert habe. Zwar kann man sie über die App auch funktionslos machen, aber das ist aufwendig. Besser wäre ein Schalter oder zumindest eine Option in der App, um sie einfach zu deaktivieren.

Haste mal'n Kabel da?

Doch Schalter sucht man an den Nuraphones vergeblich. Nicht mal eine Einschaltaste gibt es. Stattdessen schalten sie sich automatisch ein, wenn man sie aufsetzt. Das dauert ein paar Sekunden. Deutlich länger dauert es, die Nuraphones aufzuladen, wofür man ein mitgeliefertes Spezialkabel braucht. Denn die Kopfhörer haben einen Spezialanschluss, an den nur das eigene Kabel passt.

Hat man vergessen, das mitgelieferte Ladekabel für eine Reise einzupacken, ist man deshalb aufgeschmissen. Nach rund 20 Stunden sind die Akkus leer und man hat nach meiner Erfahrung kaum eine Chance, jemanden zu finden, der zufällig ein Nuraphones-Ladekabel dabei hat.

Zudem ist man bei allen weiteren Kabeln auf den Nura-Zubehör-Shop angewiesen. Ein analoges Adapterkabel - etwa fürs Flugzeug - kostet 20 Euro, ein digitales fürs iPhone 40 Euro. Da bleibt man gern beim eingebauten Bluetooth und benutzt die Kopfhörer kabellos.

Fazit

Vorteile und Nachteile

Sehr guter Klang

Auf Wunsch sehr starke Bässe

Guter Tragekomfort

Automatischer Hörtest

Geräuschminderung könnte besser sein

Sensorflächen sehr empfindlich

Nur Spezialkabel nutzbar

Die Nuraphones kosten 400 Euro - besser klingende Kopfhörer wird man in dieser Preisklasse kaum finden. Kein Konkurrent kann Defizite im persönlichen Hörvermögen so gut ausgleichen. Die Abhängigkeit von Spezialkabeln trainiert den Nutzer allerdings darauf, die mitgelieferte Kabelbox lieber immer einzupacken.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort
Über welche Produkte wird im Ressort Netzwelt berichtet?
Über welche Produkte wir in der Netzwelt berichten und welche wir testen oder nicht, entscheiden wir selbst. Für keinen der Testberichte bekommen wir Geld oder andere Gegenleistungen vom Hersteller. Es kann aus verschiedenen Gründen vorkommen, dass wir über Produkte nicht berichten, obwohl uns entsprechende Testprodukte vorliegen.
Woher kommen die Testprodukte?
Testgeräte und Rezensionsexemplare von Spielen bekommen wir in der Regel kostenlos für einen bestimmten Zeitraum vom Hersteller zur Verfügung gestellt, zum Teil auch vor der offiziellen Veröffentlichung. So können unsere Testberichte rechtzeitig oder zeitnah zur Veröffentlichung des Produkts erscheinen.

Vorabversionen oder Geräte aus Vorserienproduktionen testen wir nur in Sonderfällen. In der Regel warten wir ab, bis wir Testgeräte oder Spielversionen bekommen können, die mit den Verkaufsversionen identisch sind. In einigen Fällen kaufen wir Produkte auch auf eigene Kosten selbst, wenn sie bereits im Handel oder online verfügbar sind.
Dürfen die Netzwelt-Redakteure die Produkte behalten?
In der Regel werden Testgeräte nach dem Ende des Tests an die Hersteller zurückgeschickt. Die Ausnahme sind Rezensionsexemplare von Spielen und sogenannte Dauerleihgaben: So haben wir zum Beispiel Spielekonsolen und Smartphones in der Redaktion, die wir über längere Zeit nutzen dürfen. So können wir beispielsweise über Softwareupdates, neues Zubehör und neue Spiele berichten oder Langzeiturteile fällen.
Lassen sich die Netzwelt-Redakteure von Firmen auf Reisen einladen?
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Veranstaltungen, zu denen wir auf eigene Kosten reisen, sind unter anderem die Messen Ifa, CES, E3 und Gamescom sowie Events von Firmen wie Apple, Google, Microsoft oder Nintendo. Auf Konferenzen wie dem Chaos Communication Congress oder der re:publica bekommen wir in der Regel, wie auch andere Pressevertreter, kostenlose Pressetickets, da wir über die Konferenz berichten und keine klassischen Teilnehmer sind.
Was hat es mit den Amazon-Anzeigen in manchen Artikeln auf sich?
Seit Dezember 2016 finden sich in einigen Netzwelt-Artikeln Amazon-Anzeigen, die sogenannte Partner-Links enthalten. Besucht ein Nutzer über einen solchen Link Amazon und kauft dort online ein, wird SPIEGEL ONLINE in Form einer Provision an den Umsätzen beteiligt. Die Anzeigen tauchen in Artikeln unabhängig davon auf, ob ein Produkttest positiv oder negativ ausfällt.


insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
philippe.glur 01.04.2019
1. Echt jetzt, ein Spezialkabel zum Laden?
Mich faszinieren diese Nura Kopfhörer, habe schon einiges darüber gelesen. Allerdings kann ich nicht verstehen, wieso ein Kabel, welches über einen + und einen - Pol verfügen muss nicht ein relativ zukunftsicheres Standardkabel (USB-C) sein kann. Dummheit ist es kaum, Profitdenken schon eher. Ich habe vor einiger Zeit entschieden, nur noch Produkte mit USB-C Anschluss zu kaufen. Das ist der einzige Grund weshalb ich diese Kopfhörer noch nicht auspobiert habe.
mngvstkr 01.04.2019
2. Omg
Ein Artikel als Ansammlung unbewiesener Behauptungen und Werbeslogans: "Was auch immer die Nura-Software macht, es scheint zu funktionieren." "Kein Konkurrent kann Defizite im persönlichen Hörvermögen so gut ausgleichen." Und sowas können nur BeatsAudio-Fan-Boys schreiben. "Je weiter man den Regler aber nach rechts schiebt, desto dicker und bassiger wird die Klangmelange." Unwürdig.
bberlin 01.04.2019
3. Ausprobieren!
Mit großem Abstand halte ich die Nuraphone Kopfhörer für die besten ihrer Preisklasse. So radikal hat es kein etablierter Hersteller gewagt, das Kopfhörer-Erlebnis neu zu denken. Und damit meine ich nicht nur die "Vermessung" und den "individuellen Sound", sondern viel eher noch die Kombination aus Over- und In Ear, das tastenlose Bedienkonzept und die sehr erfreuliche Eigenschaft, via Updates ein einmal gekauftes Geräte auch von neueren Softwareverbesserungen profitieren zu lassen. So gab es beim Kauf des Kopfhörers noch kein aktives Noise Cancelling und auch die Touch Sensitivität war unausgereift (Herr Kremp, haben Sie ein Update eingespielt?). Tatsächlich wurde beides mit der neuen Softwareversion nachgereicht. DAS ist Nutzerfreundlichkeit. Der Sound ist Wahnsinn, eröffnet wirklich neue Horizonte bei altbekannten Tracks. Ausformulierte Bassläufe, dezente Rhythmusgitarren, ein Glockenspiel im Hintergrund: Erst mit diesem Kopfhörer wurde ich auf Details aufmerksam, die mir z.B. mit einem BOSE verborgen blieben. Aber hier gilt: Es muss jeder selbst ausprobieren.
Kappi 01.04.2019
4. Wieso Werbeslogan?
Ich habe die Dinger, und jeder andere Kopfhörer ist danach einfach nur mittig und nervig. An die Ohrstöpsel muss man sich allerdings gewöhnen. Die Sache mit dem Kabel ist übertrieben zumal eine extra passende Tasche für die Kabel dabei sind. Jeder Digitalnomade weiss doch was er so mitnehmen muss.
ichliebeeuchdochalle 01.04.2019
5.
Zitat von bberlinMit großem Abstand halte ich die Nuraphone Kopfhörer für die besten ihrer Preisklasse. So radikal hat es kein etablierter Hersteller gewagt, das Kopfhörer-Erlebnis neu zu denken. Und damit meine ich nicht nur die "Vermessung" und den "individuellen Sound", sondern viel eher noch die Kombination aus Over- und In Ear, das tastenlose Bedienkonzept und die sehr erfreuliche Eigenschaft, via Updates ein einmal gekauftes Geräte auch von neueren Softwareverbesserungen profitieren zu lassen. So gab es beim Kauf des Kopfhörers noch kein aktives Noise Cancelling und auch die Touch Sensitivität war unausgereift (Herr Kremp, haben Sie ein Update eingespielt?). Tatsächlich wurde beides mit der neuen Softwareversion nachgereicht. DAS ist Nutzerfreundlichkeit. Der Sound ist Wahnsinn, eröffnet wirklich neue Horizonte bei altbekannten Tracks. Ausformulierte Bassläufe, dezente Rhythmusgitarren, ein Glockenspiel im Hintergrund: Erst mit diesem Kopfhörer wurde ich auf Details aufmerksam, die mir z.B. mit einem BOSE verborgen blieben. Aber hier gilt: Es muss jeder selbst ausprobieren.
BOSE firmieren im Hifi-Forum unter anti-audiophil. Also kein Maßstab. Und diese Kopfhörer beachtet da auch niemand. Ich habe vom 8 Euro Kopfhörer bis zum 15.000 Euro Kopfhörer alles da. Schreiben Sie mal die Lieder auf, die Sie meinen. Ich sage Ihnen dann, ob meine 8 Euro, oder erst meine 100 Euro, oder erst meine 500 Euro, oder erst meine 5.000 Euro oder erst der 15.000 Euro Kopfhörer diese "Details" hört.
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