Animatronics auf der Kirmes Das Beste am Rummel sind die Monster

Es gibt viele Gründe, aufs Oktoberfest oder den Hamburger Dom zu gehen - von den Achterbahnen bis zu den gebrannten Mandeln. Das Beste aber sind die Oldschool-Wackelfiguren.

Markus Böhm

Von


Wir leben in einer Welt voller Veränderung. Terror hier, Flüchtlingskrise da, dazu ein rasanter technischer Fortschritt, der sich auch durch Jammern nicht aufhalten lässt. Manches in dieser Welt ist aber eine Konstante, sogar manche Technik.

Auf fast jeder größeren Kirmes begegnen mir Animatronics, bewegliche Nachbauten von Menschen, Tieren und Monstern. Sie gab es schon, als ich ein Kind war, und zumindest in meinem Kopf sahen sie damals ungefähr genauso aus.

Ich weiß noch, wie ich mich auf der Düsseldorfer Rheinkirmes vor einem riesigen Gorilla gegruselt habe. Heute sieht man in Hamburg manchmal einen Roboter-Affen, der aggressiv, mit einem HSV-Herz um den Hals aber auch gezämmt wirkt. War das Vieh früher vielleicht Fortuna-Fan - und viel weniger böse, als ich es in Erinnerung hatte?

HSV-Gorilla
Markus Böhm

HSV-Gorilla

Animatronics wackeln und klappern vor Geister- und Achterbahnen, in Fun-Häusern und manchmal sogar auf Fressbuden. Je nach Aufstellort und Einsatzzweck haben sie wenige Minuten oder ein beachtlich langes Programm. Aus den Lautsprechern ertönt mal verstörendes Gebrabbel, mal ein lustiger Dialog zweier Figuren, mal plumpe Werbung für Fahrkarten.

Diese Animatronics trifft man in München, Hamburg, Herne

Unser Video zeigt, welche Kreaturen einem auf Festen wie dem Oktoberfest, dem Hamburger Dom oder der Cranger Kirmes begegnen können:

SPIEGEL ONLINE

Viele Kirmes-Animatronics wirken aus der Zeit gefallen, was ihnen einen ganz eigenen Retro-Charme gibt. Eine Kirmes ohne Animatronics wäre nicht die Kirmes, an die ich viele schöne Kindheitserinnerungen habe. Überraschend häufig wecken die Figuren auch Emotionen.

Wie oft kommt es heute vor, dass man mit Technik Mitleid hat? Knallt mein Smartphone auf den Boden, tue nur ich mir leid. Wirkt dagegen ein Drachen-Animatronic, als würden ihm gleich die Kabel aus der Kehle fallen, rührt mich das.

Drachen-Animatronic auf dem Hamburger Dom
Markus Böhm

Drachen-Animatronic auf dem Hamburger Dom

Und überhaupt: Animatronics machen ständig dasselbe, den ganzen Tag lang. Was für ein trauriges Leben muss das sein, mit zwei oder drei möglichen Bewegungen. Fast will ich die Figuren aus ihrer Gefangenschaft befreien - und dann im Märchenwald aussetzen.

Erfolgreiches Horrorspiel mit Animatronics

Denn zu Hause will ich die Wackelmonster auch nicht haben. Es ist sicher kein Zufall, dass mit "Five Nights At Freddy's" eine Horrorspielreihe erfolgreich ist, in der sich ausgerechnet Animatronics verselbstständigen und auf den Spieler losgehen. Wenn sich etwas bewegt, was sich eigentlich nicht bewegen sollte, ist das angenehmer Grusel - und es erregt Aufsehen.

"Figuren in Außenbereichen sollen Besucher anlocken, auf eine Attraktion aufmerksam machen", sagt mir Reinhard Hofmann von Hofmann Figuren. Die Traditionsfirma baut in Bad Rodach bei Coburg Animatronics und andere Figuren, darunter diese winkende Bärin im Dirndl, die die Alpina-Bahn auf dem Oktoberfest ziert:

Hofmann-Bärin auf der Alpina-Bahn
Markus Böhm

Hofmann-Bärin auf der Alpina-Bahn

"Wo sich was bewegt, bleibt der Kunde stehen", laute ein Wahlspruch von Schaustellern, sagt Hofmann. Er schätzt, dass Animatronics auf deutschen Rummeln schon seit den Fünfziger- oder Sechzigerjahren anzutreffen sind.

15.000 Euro für einen furzenden Opa

Auf der Kirmes würden die meisten Figuren per Pneumatik gesteuert, erzählt Hofmann. Was ihr Bau kostet, hänge stark von der Figur selbst ab, etwa von ihrer Größe, der Menge und der Natürlichkeit der Bewegungen. Auch die Zahl der Schaltkanäle und die Ansprüche an den Ton spielten eine Rolle. Beim grummeligen Opa auf dem Holzklo zum Beispiel, der furzt und in Richtung des Besuchers spuckt, bevor sich seine Klotür schließt, müsse man als Aussteller mit rund 15.000 Euro Anschaffungskosten rechnen.

Fotostrecke

23  Bilder
Animatronics auf der Kirmes: Gruselig, aber nicht zu sehr

Wie viele Animatronics derzeit auf Deutschlands Kirmesplätzen im Einsatz sind, ist schwer abzuschätzen, da zum Beispiel Geisterbahnen immer mal wieder ihre Roboter-Mitarbeiter austauschen. Sicher sind es aber zumindest viele Dutzend, auf den größeren Festplätzen trifft man eigentlich immer mindestens eine Handvoll Figuren.

Ich selbst habe mittlerweile meinen Lieblingsanimatronic gefunden: Es ist eine von Hofmann Figuren gebaute Pommestüte, die auch in unserem Video zu sehen. "Ich will Pommes mit Senf, ich will Pommes mit Majo", singt sie mit Hamburger Dialekt, "keine Pizza Margarita, Pommes macht mich zum Tiger." Dazu gibt sie ein Thumbs-up und bewegt eine Riesenpommes auf und ab.

Und wenn man Glück hat, zwinkert einem die Pommestüte sogar zu: ein irgendwie unheimlicher, aber auch schöner Moment, selbst wenn man längst kein Kind mehr ist.

Lesetipp aus dem Archiv

Wie finden Sie Animatronics auf der Kirmes? Welche ist Ihre Lieblingsfigur? Schreiben Sie es uns in den Kommentaren.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
oseberg 12.09.2016
1.
Auf der Dippemess in Frankfurt a.M. vor zwei Jahren: Sprechendes und augenrollendes Haus, Baum, der die Äste bewegt, spricht, Augen rollt, Momentan: Gorilla, Fledermaus..sehr nett alles...
rocketsquirrel 13.09.2016
2.
Die besten reisenden Animatronics gibt es in Fellerhoffs Geisterstadt, geliefert von Poison Props aus den USA, verstärkt vom Betreiber. Unglaublicher Bewegungsradius, guter Ton und eben überraschend andere Bewegungsabläufe. Nicht umsonst die wohl beste reisende Geisterbahn Deutschlands - auch ohne das live bespielt wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.