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Die neuen von HP Palm: Mit webOS statt Windows

Foto: KIMIHIRO HOSHINO/ AFP

Palm-Neustart HP kündigt PC-Revolution an

Ein Tablet, zwei Smartphones und ein erstaunliches Detail: Computergigant HP präsentierte in San Francisco schicke neue Touchscreen-Geräte. Spannender als die frische Hardware war aber eine Ankündigung, die den PC-Markt nachhaltig verändern dürfte - und Microsoft ärgern könnte.

Es war eine Ankündigung mit Ansage: Vor zwei Wochen verschickte der PC-Konzern HP Einladungen an eine Schar internationaler Journalisten. "Think big. Think small. Think beyond", "Denke groß, denke klein, denke weiter", hieß es da. Und HP hat Wort gehalten. Der Konzern hat nicht nur einen großen Tablet-PC und ein winziges Smartphone vorgestellt, er hat auch eine neue Strategie angekündigt, die den PC-Markt verändern könnte - und Microsoft sauer aufstoßen wird.

Der Hinweis auf diese neue Strategie kam erst gegen Ende der Veranstaltung. Zwei Stunden lang hatte Jon Rubinstein, Ex-Apple-Manager, Ex-Palm-Chef und heute Chef der Palm-Abteilung von HP, sein Publikum mit Informationen und Details über die neuen Geräte eingelullt, als Todd Bradley, Executive Vice President bei HP, die Anwesenden mit einem Hammerschlag weckte. "Ich bin stolz, unseren Plan anzukündigen, webOS auf das Gerät mit der weitesten Verbreitung zu bringen: den Personal Computer", sagte Bradley und sorgte damit bei vielen für fassungsloses Staunen. Hatte Bradley da gerade HPs Abkehr von Microsofts Windows verkündet?

Ein bisschen zumindest. Denn webOS ist das Betriebssystem, das sich HP mit der Übernahme von Palm vor einem Jahr für 1,2 Milliarden Dollar eingekauft hat. Eigentlich war die Software nur für Smartphones und nicht als Windows-Alternative gedacht, doch das scheint sich nun geändert zu haben. Mit einem derart drastischen Schritt hatte wohl kaum jemand gerechnet. Zwar gab es für die Software von Testern und Palm-Fans viel Beifall, weil sie schnell, schön und einfach zu bedienen ist, ein Erfolg wurde sie dennoch nicht.

63 Millionen PC pro Jahr - bald mit webOS?

Die Übermacht der konkurrierenden Systeme von Google (Android) und Apple (iOS) war einfach zu groß. Vor allem gab es kaum Entwickler, die Apps für das neue System programmierten. Genau an diesem Manko könnten auch die drei webOS-Geräte, die HP jetzt in San Francisco vorgestellt hat, scheitern, fürchten viele Beobachter. Doch mit dem Schritt, das Palm-Betriebssystem auf PC zu übertragen, hätte HP die Möglichkeit, genau das zu verhindern.

Schließlich ist HP der größte Computerhersteller der Welt. 63 Millionen Desktop-PC und Notebooks hat das Unternehmen 2010 unter die Leute gebracht. Zum Vergleich: Apple konnte im selben Zeitraum 13,7 Millionen Mac-Computer absetzen. Wenn HP sich nun anschickt, diese gewaltige Marktmacht auf webOS umzurüsten, bildete der Konzern damit auf einen Schlag einen riesigen Absatzmarkt für webOS-Entwickler und forcierte auf diese Weise die Entwicklung eines Software-Katalogs, der das neue System wiederum für Anwender attraktiv machen würde.

Fingerfreundliche Desktop-Rechner

Der Umstieg werde aber nicht sofort, sondern erst später und auch dann nur auf Raten stattfinden, erklärte HP-Technikchef Phil McKinney. Vermutlich werde man das webOS zunächst über ein bestehendes Windows 7 installieren, erklärte er. Und auch vollständig auf webOS basierende PC seien denkbar, sagte McKinney, ohne weitere Details zu nennen. Ein logischer Schritt wäre es, würde HP das webOS zunächst auf seinen Touchscreen-Desktop-Rechnern verwenden.

Auf denen läuft derzeit ein von HP programmierter Software-Aufsatz, der das darunter liegende Windows fingerfreundlicher macht. Eine HP-eigene webOS-Oberfläche würde diese Computer ungleich attraktiver machen. Nicht nur, weil diese Oberfläche von Grund auf für Touchscreen-Bedienung entwickelt wurde, sondern auch, weil auf solchen Rechnern Apps laufen würden. So hätte HP die Möglichkeit, das erfolgreiche App-Store-Prinzip auf PC zu übertragen. Damit nicht genug: Ganz neue Möglichkeiten der Interaktion von PC, Tablet und Smartphone würden sich ergeben. Wie das aussehen könnte, lässt sich schon anhand der neuen Geräte, die das eigentliche Highlight von HPs Veranstaltung sein sollten, erahnen.

Ein Über-iPad, ein Smartphone und ein schlauer Mini

Das neue Tablet, von HP als Touchpad bezeichnet, steht dabei im Mittelpunkt. Mit seinem 9,7-Zoll-Bildschirm, der vollkommen ebenen Oberfläche und seinem edlen Hochglanz-Look sieht es fast genau so aus wie ein iPad. Sogar das Gewicht liegt beinahe gleichauf, und die Bildschirmauflösung stimmt exakt überein. Dass es sich auf Multitasking versteht, ist fast ebenso selbstverständlich. Natürlich ist es mit diversen Sensoren ausgerüstet und kann auch mit GPS geordert werden.

Technisch aber ist es schon einen Schritt weiter als Apples aktuelles Modell: Der Prozessor ist ein wenig fixer, eine Webcam ermöglicht Videochats, und Adobes Flash ist zumindest in einer Betaversion vorinstalliert. Zudem will HP einen Schwung Software mitliefern, der das Tablet sofort nutzbar macht. Unter anderem wird eine Office-Software und die Möglichkeit mitgeliefert, Online-Speicher wie DropBox oder Google Docs zu verwenden.

Ein smarter Winzling

Was das Touchpad aber einzigartig macht, ist eine Funktion, die auch im Zusammenhang mit webOS-PC viel Spaß machen dürfte. Demnach soll es ausreichen, ein HP-Tablet mit einem kompatiblem webOS-Handy anzustupsen, um Daten wie etwa eine Web-Seite, eine digitale Visitenkarte und Ähnliches drahtlos zwischen den Geräten auszutauschen. Touch-to-share nennt HP diese simple aber effektive Funktion. Auf dem iPhone gibt es so etwas zwar auch, dort ist eine ähnliche Technik aber nur per Zusatzsoftware und nicht mit einer solchen Vielzahl unterschiedlicher Dateitypen nutzbar.

Das Smartphone, das HP als Partner für diese Funktion auserkoren hat, ist der Palm Pre 3. Schnell soll der sein und über seine herausschiebbare Tastatur auch schnelles Texten ermöglichen. Ansonsten aber macht der Pre 3, zumindest auf dem Datenblatt, zunächst keinen sonderlich aufregenden Eindruck. Aber das muss er auch nicht, denn er wird vom HP als Business-Handy beworben, und solchen Geräten steht Zurückhaltung gut.

Noch zurückhaltender, dafür aber deutlich aufregender, ist das Palm Veer. Auch hier läuft das neue webOS, das aber in ganz ungewohnter Form. Gerade mal so groß wie eine Kreditkarte und nicht dicker als ein Stapel Spielkarten soll es sein, verspricht HP und preist damit eines der kleinsten Smartphones der Welt an. Der Prozessor ist deshalb auch nur mit 800 MHz getaktet, der Speicher auf 8 GB begrenzt und der Bildschirm mit 2,5 Zoll ungewohnt klein für ein Smartphone.

Funktionell sind trotz der Miniaturisierung offenbar kaum Abstriche gemacht worden, so dass man mit dem Veer ein kleines aber dennoch feines Smartphone bekommen könnte, sofern HP alle Versprechen hält.

Allen drei Geräten gemein ist, dass sie keine gewöhnlichen Netzteile mehr benötigen. Die von Palm entwickelte drahtlose Ladetechnik Touchstone ist ab Werk vorinstalliert. Zum Aufladen genügt es, Smartphone oder Tablet auf die Ladestation zu legen - schon fließt Strom in den Akku, ganz ohne Kabel.

Während HP solche Details am Mittwoch in aller Ausführlichkeit erklärte, hielt sich der Konzern mit anderen Angaben schweigsam zurück. Bisher nämlich sind alle drei Neuvorstellungen nichts anderes als Willensbekundungen. Weder Preise noch geplante Veröffentlichungsdaten wollte HP für die neuen Geräte mitteilen. Irgendwann im Frühjahr und Sommer sollen sie nach und nach auf den Markt kommen. Es wird also zumindest noch einige Monate dauern.

Und das gibt der Konkurrenz reichlich Zeit, erneut an den neuen Palm-Geräten vorbeizuziehen, sich technisch nach vorn zu schieben und Märkte zu erobern. HP/Palm sollte sich beeilen.

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