30 Jahre Pearl-Versand Im Reich der Billig-Gadgets

In den Neunzigerjahren galt der Katalog von Pearl als Pflichtlektüre für sparsame PC-Bastler. Heute prägt vor allem Ramschware den Ruf des Händlers. Unser Autor hat die Firmenzentrale besucht.

SPIEGEL ONLINE/Pearl

Aus Buggingen berichtet


Stahlgondeln hangeln sich mit einem schrillen Pfeifen an Stahlstreben entlang. In Blechbehältern baumeln Öllampen, Schweißbänder und LED-Lampen. Ein Ventilator bläst feuchte Lagerluft auf die Ladefläche eines Posttransporters. Es riecht nach feuchten Pappkartons, als Christian Allinger sich seinen Weg durch das Hochregallager bahnt. Sein weißes Polohemd hat er tief in die Jeans gesteckt, an seinem Handgelenk trägt er eine Apple Watch.

In den Versandhallen von Pearl ist das ein vergleichsweise teures Gerät. Denn dort lagern Smartwatches, die 40 Euro statt 400 Euro kosten. Doch Allinger darf das Edel-Gadget tragen. Der 48-Jährige ist dem deutschen Versandhändler seit 26 Jahren treu. Er arbeitet als Prokurist bei der Firma aus Südbaden, die am 6. September 30 Jahre alt wird. "Das hier ist wie eine Familie für mich", sagt Allinger. Dass die Familie mittlerweile ziemlich groß geworden ist, ändere daran nichts.

Christian Allinger arbeitet seit 26 Jahren für Pearl.
Jörg Breithut

Christian Allinger arbeitet seit 26 Jahren für Pearl.

Als er zu Beginn der Neunzigerjahre bei Pearl angefangen habe, habe er noch alle 30 Mitarbeiter persönlich gekannt, sagt Allinger, das Unternehmen war damals in einer ehemaligen Autowerkstatt angesiedelt. Allinger kümmerte sich um PC-Software, das frühere Kerngeschäft von Pearl. Damals verwaltete er Probiersoftware, die auf Disketten überspielt und auf Hefte wie die "DOS-Trend" geklebt wurden. Allinger engagierte Tester, um die richtige Shareware auszuwählen.

Gadgets waren zu diesen Zeiten noch Mangelware bei Pearl. Neben Software listeten die Bestellhefte lediglich Produkte wie Scanner, Soundkarten und Modems auf.

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Vom Furby bis zu Flirt-Tipps: Was Pearl alles verkauft

Blaugelbe Bauklötze

Bei mittlerweile etwa 500 Mitarbeitern in ganz Deutschland kann sich Allinger heute nicht mehr alle Namen merken. Auch mit der Garage von einst hat das heutige Pearl-Hauptquartier im 3000-Einwohner-Dorf Buggingen nichts mehr zu tun. Die Gebäude ragen wie gigantische blaugelbe Blechbauklötze aus den Maisfeldern in der grünen Rheintalschneise zwischen Vogesen und Schwarzwald. Im Inneren huschen junge Frauen und Männer durch ein Hochregallager, das in drei Stationen aufgeteilt ist: in Picker, Putter und Packer.

Genau wie in Amazon-Warenhäusern regiert hier das Chaos: Die Produkte lagern nicht nach Gruppen geordnet in den Hochregalen, sondern werden nach einem selbst programmierten Algorithmus dort abgelegt, wo Lücken sind. Die Lagerarbeiter wissen nicht, was sie gleich aus den Regalen holen, sondern nur, wo das Produkt liegt. Das spart Platz.

Der Versandhändler hat rund 16.000 Artikel im Sortiment
Jörg Breithut

Der Versandhändler hat rund 16.000 Artikel im Sortiment

Der Versandprozess beginnt mit den Pickern, die klobige Scanner in Taschenrechner-Optik am Handgelenk tragen. Auf Schwarzweiß-Displays wird angezeigt, wo Faszienbälle, Heizdecken und Smartphones liegen. Die Picker holen die Ware aus den Regalen und legen sie in Gondeln, die zu den Puttern fahren.

Eine Software berechnet derweil die Päckchengröße und verrät den Puttern über eine mehrsprachige Computerstimme im Kopfhörer, wie die Gadgets verpackt werden müssen. Wenn das Paket voll ist, wird es in der Packstation mit Pappe gefüttert, zugeklebt und ins Postzentrum nach Lahr geschickt.

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30 Jahre Gadget-Versand: So sieht es im Pearl-Lager aus

Das Geschäft mit PC-Hardware

Mit dem PC-Bastel-Boom der Neunzigerjahre brachen für Pearl goldene Zeiten an. Der Katalog wurde für Computer-Geeks zur Pflichtlektüre. Wer bei Diskettenboxen, CD-Brennern und Kugelmäusen sparen wollte, bestellte in Buggingen. Das Geschäft mit billig produzierten Gadgets nahm Fahrt auf.

Bis heute verzichtet Pearl größtenteils auf Markenprodukte, bestellt Ware in Fernost und verkauft das Sortiment unter den Namen von 120 Eigenmarken. Handbücher verfassen die Mitarbeiter selbst, achten auf CE-Siegel und EU-Normen.

Viel Elektronik ist immer noch im Sortiment, aber Ramschware wie Kuckucksuhren, Teleskop-Kerzenlöscher und Kübelpflanzensäcke ist auf dem Vormarsch. Die Gewinnmarge sei bei solchen Produkten größer, heißt es. Vermarktet wird die Ware über einen eigenen TV-Sender und den traditionellen Katalog mit einer Auflage von zehn Millionen Exemplaren.

Bis heute sind darin viele weibliche Models abgedruckt, auch auf der Titelseite. Die Covergirls sind innerhalb des Unternehmens umstritten. Doch Versuche mit Männerfotos, auch mit Promis wie Harald Schmidt, seien laut Marktanalysen einfach nicht so überzeugend gewesen, erklärt man.

Vor Amazon am Markt

Pearl hält seinen Umsatz seit rund zehn Jahren stabil bei rund 150 Millionen Euro pro Jahr, aus dem 16.000-Artikel-Sortiment verschickt das Unternehmen zu Spitzenzeiten aus vier Lagern in Deutschland bis zu 100.000 Sendungen pro Tag. Doch im Vergleich mit der US-Konkurrenz bleibt das große Wachstum aus. Der Umsatz von Amazon - mehr als 200 Milliarden Euro pro Jahr - lässt den einstigen Gadget-Giganten nicht mehr ganz so riesig aussehen.

Die Marktmacht liege bei dem US-Unternehmen, daran gebe es keinen Zweifel, sagt Sandra Wursthorn, Geschäftsführerin bei Pearl. "Amazon gibt den Takt an." Dabei war Pearl sogar früher dran, was Gadgets anging und betrieb bereits 1996 einen Onlineshop dafür, während Amazon noch ausschließlich Bücher verkaufte.

Man sehe Amazon aber nicht als Feind, heißt es von Pearl, sondern springe auf den Erfolgszug mit auf. Pearl hat sich dafür zu den Verkäufern bei Amazons Marketplace gesellt und verkauft seine Artikel auch dort. "Wir versuchen, am Ball zu bleiben, und wollen Amazon das Feld nicht kampflos überlassen", sagt Wursthorn.

Nach seinem Rundgang verlässt Christian Allinger das Lager durch die Diebstahlschutzschleuse. Das sei leider notwendig, sagt der Prokurist. Wenig später erzählt Allinger, dass er sich bei Amazon auch schon umgeschaut habe. "Da brauchen wir uns nicht verstecken", sagt er. Allerdings kommt der nächste Schritt zur Automatisierung wohl nicht so schnell wie beim US-Vorbild. "Es wird noch dauern, bis Roboter das Lager komplett übernehmen."



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Firob 06.09.2019
1. Nachhaltigkeit..
Nachhaltigkeit spielt bei solchen Unternehmen wahrscheinlich keine Rolle. Billigartikel werden aus China herbeigeschifft, von DHL ins ganze Land gekarrt und landen wahrscheinlich nach relativ kurzer Lebensdauer überwiegend im Müll. Dinge, die die Welt nicht braucht....
charly05061945 06.09.2019
2. Pearl
Leider hat sich Pearl immer mehr vom interessantem (preiswertem) Elektronikanbieter zum Ramschladen entwickelt.
Augustusrex 06.09.2019
3. alles nur
Zitat von FirobNachhaltigkeit spielt bei solchen Unternehmen wahrscheinlich keine Rolle. Billigartikel werden aus China herbeigeschifft, von DHL ins ganze Land gekarrt und landen wahrscheinlich nach relativ kurzer Lebensdauer überwiegend im Müll. Dinge, die die Welt nicht braucht....
Behauptungen und Unterstellungen. Haben Sie denn vielleicht auch ein paar Belege? China ist als einziges klar. Von dort kommt auch Ihr höherpreisiges Smartphone.
ralz 06.09.2019
4. Kann Nr. 3 Augustusrex nur zustimmen ...
... gegen China kann man sicherlich einiges einwenden, insbesondere politisch und moralisch. Wer aber einfach China mit Billigware und kurzer Lebensdauer in Verbindung stellt - der scheint keine tiefergehende Kenntnis über die Entwicklung der letzten 10 Jahre zu haben. Willkürliches von unzähligen Beispielen: Xiaomi Roborock S6. Es mag noch Billigramsch geben. Wer sich aber wirklich interessiert und genauer hinschaut, der mag auch Produktionsstätten dafür in Fernost finden. Die sind aber weiter von China entfernt als die heutigen Produktionsstätten anderer "Nicht-Premium-Hersteller" z.B. Grundig und AEG von Deutschland -> Türkei
frenchie3 06.09.2019
5. Ich habe (viel früher) bei Pearl gekauft
Dann ging es los mit den durchgestrichenen Preisen. Beispielsweise Software früher 150 Mark, jetzt 25, und das in jedem Katalog über Jahre. Alleine das hätte die Marktwächter mal aufwecken sollen. Und dann wurden aus Gebrauchsartikeln Verbrauchsartikel, Chinaschrott halt und der Service, dereinst vorbildhaft, ging ins unterirdische. Nee danke
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