SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

25. Juni 2015, 09:48 Uhr

Pebble Time im Test

Die Retro-Smartwatch

Von

Mehr als 20 Millionen Dollar sammelte das kalifornische Start-up Pebble bei Unterstützern, um eine Uhr zu entwickeln. Jetzt werden die ersten Exemplare der Pebble Time ausgeliefert. Was taugt sie?

Wenn sich Erfolg in Dollar messen lässt, ist Pebble sehr erfolgreich. Mit der Kickstarter-Kampagne für die Smartwatch Pebble Time hat das kalifornische Start-up einen Rekord gebrochen: Innerhalb des ersten Tages kamen acht Millionen Dollar für das neue Produkt zusammen, insgesamt zahlten mehr als 78.000 Unterstützer über 20 Millionen Dollar ein. Die ersten davon bekommen die 250 Euro teure Smartwatch jetzt zugeschickt, eine haben wir zum Testen bekommen.

Den neuen Armbandcomputer macht unter anderem interessant, dass er, anders als die Apple Watch und Uhren mit Android Wear, mit beiden großen Smartphone-Plattformen zusammenarbeitet. Die Pebble-Time-App ist also sowohl für Android als auch für iOS erhältlich.

Allerdings unterschieden sich die Apps - und damit die Anbindung ans Smartphone - deutlich. So kann man an Android-Handys Nachrichten per Spracheingabe schreiben, was bei iPhones nicht funktioniert. Der Musikplayer des Handys lässt sich in beiden Varianten vom Handgelenk aus fernsteuern, sodass das Smartphone in der Tasche bleiben kann.

Zeitreise auf Knopfdruck

Eine Besonderheit der Pebble Time ist die sogenannte Timeline, also Zeitleiste. Über zwei Knöpfe am Gehäuse kann man vom Ziffernblatt aus durch seinen Kalender blättern. So verschafft man sich schnell einen Überblick, welche Termine bald anstehen.

Ein Klick auf den mittleren Knopf auf der rechten Gehäuseseite führt wiederum zu einer bebilderten Liste der installierten Apps, durch die man scrollen muss, um eine App aufzurufen. Je nachdem, wie viele Apps man installiert, kann das eine durchaus zeitraubende Angelegenheit sein. Es bietet sich deshalb an, die Apps so zu sortieren, das häufig genutzte Programme oben in der Liste stehen.

Minimale Fitnessfunktionen

Bei mir gehörte während des Tests beispielsweise die Fitness-App von Misfit zu den vielgenutzten Anwendungen. So umfangreich wie bei der Konkurrenz sind die Möglichkeiten, sich selbst zu vermessen, bei der Pebble Time aber nicht. Zwar hat sie einen Schrittzähler, aber keine weiteren Sensoren, etwa um die Herzfrequenz zu messen.

Solche Funktionen könnten allerdings über Armbänder von Drittherstellern nachgerüstet werden. Pebble-Gründer Eric Migicowsky erklärte auf dem Mobile World Congress, Fremdhersteller könnten über die Kontakte auf der Rückseite der Uhr eine Verbindung zu deren Elektronik herstellen. So seien beispielsweise Armbänder mit GPS-Modul, Pulsmesser oder Zusatzakku denkbar.

Der Bildschirm spart an Strom und Brillanz

Anders als bei der Konkurrenz verwendet Pebble bei seinen Smartwatches keine hochauflösenden Farbbildschirme. Stattdessen nutzt die junge Firma E-Ink-Displays, wie sie in E-Readern verbaut werden. Diese Technik hat zwei entscheidende Vorteile: Zum einen ist der Bildschirm, wie bei einer analogen Uhr, immer ablesbar und muss nicht erst aktiviert werden. Zum anderen braucht die Uhr keine eigene Beleuchtung. Wenn die Umgebung hell genug ist, verbraucht sie deshalb sehr wenig Strom.

Pebble gibt deshalb bis zu sieben Tage Akkulaufzeit an. Im Test konnten wir das bei Weitem nicht erreichen, was aber auch an der besonders intensiven Nutzung liegen dürfte. Im Alltag sollten drei bis fünf Tage realistisch sein, Apple Watch und Android-Wear-Geräte müssen meist täglich aufgeladen werden.

Dafür muss man allerdings auch Einschränkungen hinnehmen. Denn selbst wenn sich die automatisch gesteuerte Beleuchtung einschaltet, strahlt der E-Ink-Bildschirm nicht so hell wie beispielsweise das OLED-Display der Apple Watch. Auch werden Farben nicht sonderlich hell und klar angezeigt, sondern wirken meist blass und matt.

Fazit

Die Pebble Time ist eine Hipster-Smartwatch. Verglichen mit der Apple Watch oder Android-Geräten wie der Moto 360, wirkt die Hardware veraltet und Materialien und Design wirken weniger wertig. Wenn man so etwas mag, macht genau das den Charme dieses Mini-Computers aus.

Viele Apps spielen damit und kommen bewusst in einem dazu passenden Retro-Look daher. Sie sind grob gepixelt, nutzen Computersymbolik der Achtziger- und Neunzigerjahre. Wer schon jetzt mit einer digitalen Casio-Quartzuhr am Arm herumläuft, wird die Pebble lieben.

Der eigentliche Vorteil des Pebble-Systems: Die Auswahl an Apps ist groß. Wer mag, kann sich quasi seinen persönlichen Armbandcomputer zusammenstellen. Allerdings muss man dafür einen blassen Bildschirm und eine nur teilweise Verzahnung mit dem Smartphone in Kauf nehmen.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung