Neue Google-Smartphones »Wir haben einen mobilen KI-Computer entwickelt«

Im Herbst will Google neue Pixel-Smartphones vorstellen. Im Interview gibt Hardwarechef Rick Osterloh einen ersten Blick auf die Neuheiten und erklärt, warum der Konzern dafür einen eigenen Chip entwickelt hat.
Ein Interview von Helene Laube, Mountain View
Zwei Modelle, sechs Farben: Die neuen Pixel-6-Smartphones

Zwei Modelle, sechs Farben: Die neuen Pixel-6-Smartphones

Foto: Google

SPIEGEL: Herr Osterloh, im Herbst stellen Sie neue Pixel-Smartphones vor. Dafür hat Google ein eigenes System on a Chip (SoC), salopp gesagt also einen eigenen Prozessor, entwickelt. Warum?

Osterloh: Mit den Produkten von der Stange sind wir dauernd an Grenzen gestoßen und waren in unserer Innovationsfähigkeit stark eingeschränkt. Deshalb haben wir vor vier Jahren mit der Entwicklung eines SoC begonnen, also eines Chips, der alle essenziellen Funktionen eines Computers in sich vereint. Der Schwerpunkt lag dabei darauf, Googles Technologie für künstliche Intelligenz (KI) zu unterstützen.

SPIEGEL: Was heißt das für Ihre neuen Smartphones?

Osterloh: Smartphone-Funktionen wie Bilderkennung und Spracherkennung benötigen künstliche Intelligenz und Maschinenlernen. Mit herkömmlichen Chips kann vieles davon nicht mehr bewerkstelligt werden. Wir haben vor ein paar Jahren einen Chip namens Tensor Processing Unit oder TPU für den Einsatz von KI im großen Umfang in unseren Rechenzentren entwickelt. Dieser Chip liefert bei solchen Aufgaben weit mehr Leistung als herkömmliche Prozessoren. Jetzt haben wir einen solchen Prozessor für Smartphones entwickelt, sodass Googles Maschinenlern- und KI-Software direkt auf dem Handy laufen kann. Wir haben also einen mobilen KI-Computer entwickelt. Das ist ein riesiger Fortschritt für unsere Pixel-Smartphones.

Spezialisiert auf künstliche Intelligenz: Googles neuer TPU-Chip

Spezialisiert auf künstliche Intelligenz: Googles neuer TPU-Chip

Foto: Google

SPIEGEL: Welche Rolle hat das Auslaufen von Moore's Law, das eine regelmäßige Verdopplung der Prozessorleistung vorhergesagt hat, bei Ihrer Entscheidung gespielt, einen eigenen Chip zu entwickeln?

Osterloh: Die Rechenleistung von Computerchips verdoppelt sich heutzutage nicht mehr alle 18 bis 24 Monate. Das heißt, dass Computer entwickelt werden müssen, die spezielle Aufgaben ausführen können und über dafür spezialisierte Komponenten verfügen. Unsere TPU ist so eine Komponente, weil sie sich besonders für Googles KI eignet. Diese TPU haben wir in ein SoC integriert, das alle üblichen Elemente eines Computersystems enthält, aber darauf ausgelegt ist, dass Maschinenlernen und KI oberste Priorität haben.

SPIEGEL: Und dieser Chip soll zu ersten Mal in den neuen Pixel-Handys zum Einsatz kommen?

Osterloh: Genauer gesagt im Pixel 6 und Pixel 6 Pro, die wir im Herbst vorstellen werden. Neben dem neuen Chip werden beide das für Herbst angekündigte Android 12 an Bord haben, das eine neue Benutzeroberfläche und ein neues Design mitbringt. In einem über die gesamte Breite des Geräts herausstehendes Kameramodul werden verbesserte Fotosensoren und Objektive stecken. Das Pro-Modell wird zudem mit einem Teleobjektiv und vierfach optischen Zoom ausgestattet.

Das Pixel 6 Pro wird sich durch ein Teleobjektiv vom Standardmodell unterscheiden

Das Pixel 6 Pro wird sich durch ein Teleobjektiv vom Standardmodell unterscheiden

Foto: Google

SPIEGEL: Welche Rolle spielt der TPU-Chip dabei?

Osterloh: Was ich heute verraten kann, sind deutliche Verbesserungen und Neuerungen bei Fotos, Video und Spracherkennung. Mit Tensor können wir beispielsweise das computergestützte Fotografieren weiter verbessern. Mit Maschinenlernen kommen Fotos dem, was wir mit den Augen sehen, viel näher. Videos sind auch kompliziert und benötigen viel Rechenleistung, weshalb wir unser ausgeklügeltes Maschinenlernen dafür bisher nicht einsetzen konnten. Mit Tensor geht das. Dank des neuen Chips können wir auch die Spracherkennung optimieren. Man wird sich beispielsweise bei einem Video in französischer Sprache in Echtzeit englische Untertitel erzeugen lassen können – auf dem Gerät, ohne Internetverbindung.

SPIEGEL: Was werden die neuen Smartphones denn kosten und wann kommen sie auf den Markt?

Osterloh: Preise und das Datum des Verkaufsstarts sowie alle Funktionen und technischen Daten werden wir erst bei der Vorstellung der Geräte nennen. Bisher kann ich nur sagen: Sie werden im Herbst auf den Markt kommen.

SPIEGEL: Google verkauft seit 2010 eigene Smartphones. Sind die neuen Geräte ein Versuch, Marktanteile im Premiumsegment zu gewinnen?

Osterloh: Wir waren in den vergangenen zwei Jahren nicht im Smartphone-Flaggschiff-Segment vertreten – und davor auch nicht so richtig. Aber das Pixel 6 Pro, das teuer sein wird, wurde eigens für Nutzer konzipiert, die die neueste Technologie haben wollen. Das ist ein wichtiger, neuer Ansatz für uns, und wir glauben, dass er uns helfen wird, in neuen Marktsegmenten attraktiv zu sein. Aber auch das Pixel 6 gehört ins obere Segment und kann mit den Konkurrenzprodukten mithalten. Ich würde es als »Mainstream-Premium-Produkt« bezeichnen.

Das Design des Pixel 6 dürfte mit dem großen Kameramodul für Diskussionen sorgen

Das Design des Pixel 6 dürfte mit dem großen Kameramodul für Diskussionen sorgen

Foto: Google

SPIEGEL: Die Google-Konzernmutter Alphabet nennt keine Zahlen zum Smartphone-Umsatz. Bisher werden schätzungsweise keine zehn Prozent des Konzernumsatzes mit Smartphones erwirtschaftet. Es hieß mal, dass Googles Smartphone-Geschäft »riesig« werden sollte. Ist das noch das Ziel?

Osterloh: Wenn das nicht das Ziel wäre, hätten wir nicht den Aufwand für die Tensor-Entwicklung betrieben. Wir glauben auf jeden Fall, dass wir jetzt die richtigen Produkte für ein deutliches Wachstum haben. Wir werden viel in das Marketing, den Vertrieb und die Lieferkette investieren. Wir waren neu im Markt, ein Herausforderer – und jetzt haben wir alle Kernelemente, um erfolgreich zu sein. Aber es ist ein reifer Markt, man kann also nicht von heute auf morgen einen großen Marktanteil ergattern. Sowas dauert lange.

SPIEGEL: Apropos Lieferketten: Der globale Chip-Engpass setzt auch Computer- und Handyhersteller unter Druck. Könnte das auch die neuen Pixel-6-Smartphones treffen?

Osterloh: Die Lieferengpässe sind ein riesiges Problem. Aber wir glauben, dass wir die Sache im Griff haben und die Geräte wie geplant im Herbst ausliefern können.