Preis-Attacke Amazons Antwort auf Apples iPad

Mit der Veröffentlichung des iPad schien die Zukunft der E-Book-Reader abrupt beendet. Warum sollte man ein Lesegerät kaufen, das nur Bücher darstellen kann, wenn es doch digitale Alleskönner gibt, die viel mehr bieten? Jetzt kommt Amazons Antwort: Weil es konkurrenzlos billig ist.

REUTERS

Erst drei Jahre ist es her, dass Amazon mit der Veröffentlichung des ersten Kindle einen ganz neuen Markt schuf, die Zeit des digitalen Buches einläutete. Inzwischen, war in den letzten Wochen zu erfahren, verkauft der weltgrößte Buchhändler mehr E-Books als Hardcover-Buchausgaben, und jüngst durchschlug ein Stieg-Larsson-Titel gar die magische Grenze von einer Million verkauften Exemplaren - wenn man bei E-Books von Exemplaren reden kann.

Trotzdem taten sich Amazon und seine Konkurrenten auf dem Reader-Markt schwer in diesem Jahr, denn für ihre Erfolge und Leistungen interessierte sich kaum mehr jemand: Seit Apple-Chef Steve Jobs im Januar das iPad vorstellte, fokussierte sich die mediale Aufmerksamkeit auf die neue Geräteklasse der Tablet PC. Die wollen nicht nur Lesegeräte sein, sondern Alleskönner, bieten deutlich mehr Features als die spezialisierten digitalen Bücher-Container der Kindle-Klasse.

Amazon reagierte mit einer radikalen Preissenkung und heizte die Kindle-Verkäufe noch einmal an. Anfang dieser Woche dann kam die Meldung, dass Amazons 189-Dollar-Kindle ausverkauft und es nicht sicher sei, dass es Nachlieferungen geben werde. Hatte Amazon aufgegeben?

Kindle gegen iPad? Unsinn: Das ist wie Fahrrad gegen Motorrad

Mitnichten: Der Buchhändler startet durch und veröffentlicht Ende August eine neue Kindle-Generation, die eine wohl adäquate Antwort auf Apples iPad darstellt - sie ist kleiner, flacher, leichter und vor allem viel, viel billiger als Apples Flachmann.

Mit einem Kampfpreis von 139 Dollar (zurzeit ca. 107 Euro) entzieht sich das Kindle Wifi erfolgreich dem direkten Vergleich mit Apples teurem Schmuckstück - und unterbietet auch den Hauptkonkurrenten auf dem US-Buchmarkt, Barnes & Nobles, der seinen Reader nook ab 149 Dollar anbietet. Für den Preis eines kleinen iPad könnte man nun fünf Kindles kaufen - Amazon-Chef Jeff Bezos gibt zurzeit in einer Mitteilung auf der auf der US-Seite des Unternehmens genau dieser Hoffnung Ausdruck. Er setzt darauf, dass mit der Senkung der Preisschwelle elektronische Lesegeräte aufhören, eine Anschaffung zu sein, über die man erst einmal groß nachdenken muss. "Mit einem Preis von 139 Dollar", schreibt Bezos, "erwarten wir, dass viele Leute mehrere Kindles für ihr Zuhause und ihre Kinder kaufen werden."

Dahinter steht die Rechnung, dass sich das alles lohnt, weil ein Anbieter von Readern sein Geld nicht mit Hardware machen muss, sondern vor allem mit dem Verkauf von Inhalten dafür. Mit 630.000 Titeln hat Amazon da weit mehr zu bieten als jeder andere Anbieter. Im digitalen Entwicklungsland Deutschland, wo Verlage und Handel nach wie vor mauern, herrscht zwar noch immer akuter Mangel an E-Books. Selbst hier aber könnte die Preiswert-Offerte Fans fremdsprachiger Bücher durchaus ansprechen: Die 107 Euro holt man durch den digitalen Rabatt der preiswerter verkauften E-Ausgaben der Bestseller schnell wieder herein.

Eine Wiederbelebung des E-Reader-Themas ist damit nicht unwahrscheinlich. Noch immer kann ein Kindle weit weniger als ein Tablet PC vom Schlag des iPad. Er ist aber auch viel kleiner, flacher, leichter (264 Gramm) - bei Licht betrachtet also ein ganz und gar anderes Gerät. Das hat nur wenige, aber große Vorzüge: Die Akkus des Gerätes halten Wochen, vier Gigabyte interner Speicher bieten Platz für bis zu 3500 Bücher, das Display ist zwar monochrom, aber unerreicht gestochen scharf. Wer will, legt 50 Dollar obendrauf und kauft sich eine Version mit Mobilfunk-Anbindung, mit der sich kostenfrei drahtlos in 100 Ländern dieser Welt jederzeit Bücher "saugen" lassen.

Die Chancen des Kindle sind somit nicht am Vergleich technischer Features festzumachen, sondern an seiner konsequenten Zielgruppenorientierung. iPads kaufen Leute, die alles in einem wollen, Kindles hingegen finden Käufer, die genau eine Sache wollen - Lesen. Was soll man da mit einem teuren, schweren iPad?

Update: Inzwischen werden die neuen Geräte auch über den deutschen Shop angeboten. Allerdings wie gehabt nicht direkt, sondern via USA: Inklusive Steuern, Zoll und Versand ergibt sich für das Wifi-Gerät ein Verkaufspreis von ca. 142 Euro.

pat



insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
ccmehil 29.07.2010
1. Kauf ich
Ich habe 2 iPads (für daheim und unterwegs) und nen Kindle FX. Ich lese manchmal auf dem einen iPad, öfter auf dem Kindle. Jetzt werde ich mir den neuen Kindle kaufen und nen Sony Reader. Es lohnt sich.
Romiman 29.07.2010
2. Kindle billiger
Na bitte, geht doch! Jetzt den Preis auf 99€ (brutto) runter, (epub-Format integrieren, Wifi raus, USB reicht), deutschsprachige E-Books ohne DRM (nur mit Signatur), natürlich günstiger als Taschenbücher, und ich schlage zu (und werde zu einer Leseratte...)
No.1, 29.07.2010
3. Meine kleine Welt...
Zitat von RomimanNa bitte, geht doch! Jetzt den Preis auf 99€ (brutto) runter, (epub-Format integrieren, Wifi raus, USB reicht), deutschsprachige E-Books ohne DRM (nur mit Signatur), natürlich günstiger als Taschenbücher, und ich schlage zu (und werde zu einer Leseratte...)
Immer wieder schön zu lesen, wenn ein Einzelner dem Rest der Welt vorschreiben zu können meint, was sein muss und was nicht. In diesem Fall: Schon mal überlegt, dass das Hantieren mit einem USB-Kabel (neben dem ebenfalls notwendigen Hochfahren eines PCs) bei einem Gerät, das auf weitestgehende Mobilität ausgelegt ist, umständlich sein könnte? Anders gefragt: Schon mal ein Buch mit Kabel gesehen?
Wade Wilson 29.07.2010
4. iPad als E-Book Reader ungeeignet
Ich finde es immer schrecklich, mit wie wenig Informationen man beliefert wird. Wer wirklich einen E-Book Reader will, um damit zum Beispiel Bücher lesen will, der soll auch zu einem richtigen reader greifen wie dem Kindle, aber blos nicht zu einem iPad oder anderem LCD-Display-"Pad".
Holgilein, 29.07.2010
5. Danke, Apple
Danke fuer die Konkurrenz iPad vs Kindle. Jetzt wird das bessere Lesegeraet zum Schnaeppchen... Zeit, sich einen Kindle zuzulegen. :-)
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