Qualitätsmängel US-Militär fürchtet Bedrohung durch gefälschte Chips

Nachgemachte und gefälschte Elektronikbauteile können tödlich für die Anwender sein, warnt ein US-Militär. In seinem Bericht für den US-Senat führt der Generalleutnant viele Beispiele für Qualitätsmängel bei Elektronik-Ersatzteilen auf.

Hightech-Cockpit des Kampfjets F-35: Bedroht durch mangelhafte Bauteile aus China?
REUTERS

Hightech-Cockpit des Kampfjets F-35: Bedroht durch mangelhafte Bauteile aus China?


Die US-Streitkräfte haben ein Problem mit minderwertiger Elektronik. Das legt ein Bericht nahe, den Generalleutnant Patrick O'Reilly einem Komitee des US-Senats vorgelegt hat. Demnach sind in den letzten fünf Jahren allein bei der US-Raketenabwehr sieben Fälle von offensichtlich nicht vom Originalhersteller stammenden, minderwertigen elektronischen Bauteilen aufgedeckt worden. O'Reilly erklärte, zwar seien die betroffenen Geräte nicht in Kampfsituationen zum Einsatz gekommen. Doch wäre dem so gewesen, hätten die Streitkräfte mit dem Verlust von Menschenleben rechnen müssen.

Die Lage ist schwierig, weil militärische Systeme oft jahrzehntelang verwendet werden. Sie sind oft weit länger im Einsatz, als die ursprünglichen Hersteller Ersatzteile vorhalten. Ein typisches Beispiel ist das Transportflugzeug Lockheed C-130 "Hercules", das seit 1956 ununterbrochen von den US-Streitkräften eingesetzt wird.

Für solches Militärgerät müssen benötigte Teile oft über Drittlieferanten beschafft werden, die die ansonsten unverkäuflich gewordenen Ersatzteile noch auf Lager haben. Es sei deshalb nicht mehr kontrollierbar, woher jedes einzelne Teil stammt. O'Reilly führt aus, das Pentagon versuche zwar mit allen Mitteln zu verhindern, dass gefälschte Chips beim Militär verwendet würden. Doch man habe kaum eine Chance gegen die Flut von Billigelektronik aus China anzukommen, die in vielen Geräten verbaut werden.

O'Reily führt eine Reihe von Fällen an, wo solche Teile dem Militär zu schaffen machten. So habe die Raketenabwehr an 1700 angeblich neuen Speicherchips Zeichen für eine vorherige Nutzung gefunden. Daraufhin mussten fast 800 bereits installierte Baugruppen aus Militärgerät demontiert werden. Im Bericht selbst werden sieben Fälle aufgelistet, in denen Militärflugzeuge mit gefälschten Elektronikbauteilen ausgerüstet worden waren.

Erkannte Fälschungen bleiben oft jahrelang im Einsatz

Der Chip-Betrug macht dem Pentagon auch aus finanziellen Gründen Sorgen. Vorgeblich neue Bauteile, die sich bei näherem Hinsehen als umetikettierte, gebrauchte Altteile entpuppten, können System lahmlegen, die ein Vielfaches kosten.

Der Bericht listet Dutzende weiterer Fälle auf, in denen nachgemachte elektronische Bauteile beim Militär verwendet wurden. Erschreckend: Selbst wenn die Teile als Fälschungen erkannt wurden, dauerte es bis zu anderthalb Jahre, bis sie entfernt und ersetzt wurden.

Abhilfe sieht O'Reilly in rigiden Grenzkontrollen. Er fordert, dass elektronische Bauteile sollten bei der Einfuhr in die Vereinigten Staaten ebenso überprüft werden wie man es bei Nahrungsmitteln tut. Schließlich könne man sich nicht darauf verlassen, dass China die Waren beim Export kontrolliere. Das, so der Generalleutnant, sei "seit langem bewiesen".

meu/mak

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wika 09.11.2011
1. Interessanter Aspekt …
… dass das amerikanische Militär irgendwann den chinesischen Billigprodukten erliegen könnte. Zwar kommt der amerikanische Tod noch lange nicht an den legendären deutschen Präzisionstod heran, aber jetzt die List der Chinesen zu beobachten - die bekanntlich langfristig denken - auf diese Art und Weise Amerika kleinzukriegen, die Idee find ich genial. Oder kommt jetzt bald der Rückschritt, wie in anderen Bereichen: *"US Army ersetzt Roboter durch Elite-Esel"* … Link (kleines Spott-Licht) (http://qpress.de/2011/06/02/us-elite-esel-ersetzen-roboter-bei-der-army/) auf die Rückbesinnung zu den Eseln im Gefechtsfeld, weil die Maschinen zu teuer waren. Krieg muss noch billiger gehen. Das Preis-Leistungsverhältnis ist immer noch nicht betriebswirtschaftlich durchoptimiert. Wenn es nicht ein gar so trauriges Thema wäre (kostenbewusst zu töten), dann könnte ich mich jetzt vor Lachen wegwerfen … (°!°)
king_pakal 09.11.2011
2. -
Zitat von wika… dass das amerikanische Militär irgendwann den chinesischen Billigprodukten erliegen könnte. Zwar kommt der amerikanische Tod noch lange nicht an den legendären deutschen Präzisionstod heran, aber jetzt die List der Chinesen zu beobachten - die bekanntlich langfristig denken - auf diese Art und Weise Amerika kleinzukriegen, die Idee find ich genial. Oder kommt jetzt bald der Rückschritt, wie in anderen Bereichen: *"US Army ersetzt Roboter durch Elite-Esel"* … Link (kleines Spott-Licht) (http://qpress.de/2011/06/02/us-elite-esel-ersetzen-roboter-bei-der-army/) auf die Rückbesinnung zu den Eseln im Gefechtsfeld, weil die Maschinen zu teuer waren. Krieg muss noch billiger gehen. Das Preis-Leistungsverhältnis ist immer noch nicht betriebswirtschaftlich durchoptimiert. Wenn es nicht ein gar so trauriges Thema wäre (kostenbewusst zu töten), dann könnte ich mich jetzt vor Lachen wegwerfen … (°!°)
Wäre dies nicht ein Grund China präventiv anzugreifen? Sie könnte in Zukunft böse Chips produzieren, die mit Absicht den US-Patrioten schadet.
Skarrin, 09.11.2011
3. China, China über alles
Gerüchteweise wurden schon vor einiger Zeit EC-Kartenleser gefunden, die bereits in der Hardware implementiert hatten dass Kartendaten und Geheimnummer gleich auch an einen Server in Hongkong übertragen werden. Aber Hauptsache billig und chinesisch, denn das bringt Rendite und stimmt den Hlg. St. Wachstum gnädig gegenüber seinen Gläubigen. Gruß Skarrin
nick999 09.11.2011
4. was ist daran neu
Die Industrie plagt sich mit dem Thema schon lange rum. Da ist eine Menge kriminelle Energie am Markt unterwegs. Dagegen gibt es Vermeidungsstrategien. Kostet aber wie eine Versicherung etwas Geld. Und es reicht nicht, zu sagen wir sind das US-Militär, bei uns darfst Du nicht betrügen. Es kann passieren, daß man mal an keine mit Sicherheit echten Bauteile herankommt. Dann kann man auf echte Teile warten. Mit mehr Geld kann man größere Sicherheit schaffen, man wird aber keine 100% erreichen. Andersherum, wenn irgendwo 40 Jahre alte Elektronik über Menschenleben entscheidet, fühle ich mich auch bei echten Bauteilen nicht mehr wohl. Und darüber muß sich jeder klar sein. Schaltkreise, insbesondere digitale Schaltkreise werden nur eine bestimmte Zeit gebaut. Danach lagert man entweder die Schaltkreise oder die Geräte. Die Fertigungsanlagen alter Geräte gibt es irgendwann nicht mehr. Firmen verschwinden vom Markt. Speicherbausteine können nach 10 Jahren ihr Programm vergessen... Ach so, den Chinesen ist 40 Jahre alte US-Militärtechnik egal. Sie wollen entweder ein Geschäft machen und verkaufen minderwertiges (z.B. ausgelötetes) Zeug, oder sie kümmern sich um neueste Technik. Für letztere gibt es die Bauteile noch auf dem legalen Markt, das Militär hat dann nur bei einem vermeintlichen Schnäppchen zugegriffen.
Dustinseven, 09.11.2011
5. fast getroffen - aber nur fast
Zitat von nick999Die Industrie plagt sich mit dem Thema schon lange rum. Da ist eine Menge kriminelle Energie am Markt unterwegs. Dagegen gibt es Vermeidungsstrategien. Kostet aber wie eine Versicherung etwas Geld. Und es reicht nicht, zu sagen wir sind das US-Militär, bei uns darfst Du nicht betrügen. Es kann passieren, daß man mal an keine mit Sicherheit echten Bauteile herankommt. Dann kann man auf echte Teile warten. Mit mehr Geld kann man größere Sicherheit schaffen, man wird aber keine 100% erreichen. Andersherum, wenn irgendwo 40 Jahre alte Elektronik über Menschenleben entscheidet, fühle ich mich auch bei echten Bauteilen nicht mehr wohl. Und darüber muß sich jeder klar sein. Schaltkreise, insbesondere digitale Schaltkreise werden nur eine bestimmte Zeit gebaut. Danach lagert man entweder die Schaltkreise oder die Geräte. Die Fertigungsanlagen alter Geräte gibt es irgendwann nicht mehr. Firmen verschwinden vom Markt. Speicherbausteine können nach 10 Jahren ihr Programm vergessen... Ach so, den Chinesen ist 40 Jahre alte US-Militärtechnik egal. Sie wollen entweder ein Geschäft machen und verkaufen minderwertiges (z.B. ausgelötetes) Zeug, oder sie kümmern sich um neueste Technik. Für letztere gibt es die Bauteile noch auf dem legalen Markt, das Militär hat dann nur bei einem vermeintlichen Schnäppchen zugegriffen.
Die Industrie plagt sich vor allem damit herum, dass sie den USA in den letzten Jahren zunehmend verloren ging. Und jetzt wollen die USA einen Teil ihrer Chipindustrie zurück. Ein paar Sicherheitsbedenken da, ein paar Zollschranken dort, sind die Mittel für diesen Zweck ... und mehr steht in dem Artikel doch eigentlich gar nicht drin.
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