Schwarz-Weiß-Tablet reMarkable im Test Ein Blatt Digitalpapier für 500 Euro

Digital Notizen machen - und trotzdem die gute alte analoge Haptik erhalten: kritzeln, durchstreichen, Seiten zerknüllen. Ein neues Tablet bietet genau das. Taugt es auch?

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Vom papierlosen Büro ist seit Mitte der Achtzigerjahre die Rede, trotzdem sind nach wie vor viele Schreibtischjobs auf Papier gebaut, die Digitalisierung hinkt bei Verwaltungsakten hinterher.

Aber natürlich gibt es Menschen, die schwören auf die Vorteile von Papier bei Korrekturen und Anmerkungen zu Texten oder beim Scribbeln von Ideen. Das Kratzen eines Stifts auf einem Blatt, wildes Durchstreichen, beherztes Zerknüllen von Seiten mit fehlgeschlagener Explorationen, all das fehlt ihnen im Digitalen.

Eine norwegische Firma verspricht die Lösung: digitales Papier. Ein Tablet mit einem matten Schwarz-Weiß-Display, etwas größer als eine DIN-A5-Seite, auf dem man mit einem Stift schreiben kann. reMarkable heißt das Gerät. Vom Prinzip her ist es ein großer Ebook-Reader, der auf Berührungen und auf einen speziellen Stift reagiert. Das Display ist nicht beleuchtet, hat aber den von Ebook-Readern gewohnten hohen Kontrast und geringen Stromverbrauch.

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reMarkable im Test: Das digitale 500-Euro-Papier

Neu ist die Displaytechnik nicht, Sony bietet ein größeres Gerät mit vergleichsweise abgespeckter Software an, außerdem finden sich auf Amazon eine Reihe ähnlicher Produkte chinesischer Hersteller. Das reMarkable will mit minimalistischer Software hervorstechen. Es wird offensiv als Alternative zu Papier vermarktet, als Tablet ohne Ablenkung, ohne Social Media und Internetzugang, als regelrechte Denkmaschine. Weniger soll hier mehr sein.

Kritzeln wie auf Papier

Auf jeden Fall ist das reMarkable ein Arbeitsgerät: Notizen machen, PDFs lesen und darauf rumkritzeln, Ebooks lesen, mehr geht nicht. Es gibt WLAN, aber keinen Mobilfunkanschluss, keinen Browser, keine Spielereien.

Die virtuellen Notizzettel lassen sich in Büchern und Ordnern organisieren. Per WLAN werden sie in einer Cloud gesichert. Die so übertragenen Notizen kann man mittels einer App auch auf dem Desktop oder Handy anzeigen (aber nicht bearbeiten). Über die Apps lassen sich außerdem Dokumente und Bücher auf den reMarkable überspielen (ausgenommen Ebooks mit digitalem Rechtemanagement wie zum Beispiel von Amazon). Die Synchronisierung funktioniert bei vorhandenem WLAN ohne Zeitverzögerung und weiteres Zutun. Man muss ein neu eingetroffenes Dokument nur antippen, schon lässt sich auf PDF-Seiten malen wie auf Papier.

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Der Stift kratzt angenehm auf der rauen Plastikoberfläche, ganz anders als etwa bei einem iPad Pro mit seinem harten Glas. Aber das Papierfeeling hat seinen Preis: Die Plastikspitze des Stifts nutzt sich ab, nach ein paar Wochen, je nach Nutzung, muss man sie mithilfe einer kleinen Metallpinzette austauschen. Acht Spitzen werden mitgeliefert, ein Paket mit acht Ersatzspitzen kostet zwölf Euro.

Die Auflösung des Displays ist okay, mehr aber nicht: Mit 226 Pixel per Inch (PPI, analog zu sehen mit den DPI beim Drucker) liegt das reMarkable deutlich hinter einem aktuellen Kindle Paperwhite mit seinen 300 PPI. Beide Geräte können 16 Graustufen anzeigen. Trotzdem sieht Handschrift auf einem reMarkable im Vergleich pixelig aus. Ein iPad Pro zeigt übrigens 264 PPI an, dafür in Millionen Farben.

Schreiben, Malen und Zeichnen

Auf einer reMarkable-Seite lässt sich mit verschiedenen Stiften und in verschiedenen Strichstärken Schreiben, Malen und Zeichnen. Fürs Schreiben bietet sich eine Art Fineliner an, der eine satte, schwarze Linie produziert. Bleistift- oder Kugelschreiber-Imitationen führen schnell zu einem pixeligen Schriftbild. Mit einem Highlighter lässt sich Geschriebenes gräulich hinterlegen. Das Radiergummi lässt Fehler verschwinden, außerdem lassen sich ganze Bereiche löschen oder verschieben - allerdings immer nur auf der aktuellen Seite. Wer das reMarkable künstlerisch einsetzt, kann auf einer Seite verschiedene Ebenen einrichten (aber ein iPad Pro kann einfach viel mehr).

Für ablenkungsfreies Notizenmachen ist das reMarkable toll - aber mit rund 500 Euro recht teuer. In einem Meeting dürfte es noch eine Zeit lang als allemal höflicher gelten, statt Tablet oder Handy dieses selten anzutreffende Schwarz-Weiß-Gerät herauszuholen. Anschließend lässt sich das Geschriebene per Mail verschicken oder durch eine Texterkennung jagen, die versucht, die Handschrift zu lesen. Dazu muss man sich allerdings für eine Sprache entscheiden und diese einstellen. Außerdem benötigt diese Funktion eine aktive Internetverbindung per WLAN.

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Für den Einsatz als Brückentechnologie in einem Papierbüro fehlt dem reMarkable leider eine wichtige Funktion: eine E-Mail-Adresse. Einem Kindle kann man Bücher oder PDF-Dateien schnell per Mail schicken, weil der eine solche Adresse hat. Bevor ein Dokument auf dem reMarkable landet, muss man die zugehörige App auf seinem PC oder Smartphone starten und die Datei überspielen. Schade, denn in Verbindung mit einem Einzugsscanner, der Papier in windeseile in PDF-Dateien konvertiert und anschließend per E-Mail verschickt, könnte das reMarkable glänzen. So bleibt das reMarkable ein batteriebetriebener Notizzettel mit Back-up-Funktion, für nostalgische Haptikfreunde und Minimalismus-Verfechter.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort
Über welche Produkte wird im Ressort Netzwelt berichtet?
Über welche Produkte wir in der Netzwelt berichten und welche wir testen oder nicht, entscheiden wir selbst. Für keinen der Testberichte bekommen wir Geld oder andere Gegenleistungen vom Hersteller. Es kann aus verschiedenen Gründen vorkommen, dass wir über Produkte nicht berichten, obwohl uns entsprechende Testprodukte vorliegen.
Woher kommen die Testprodukte?
Testgeräte und Rezensionsexemplare von Spielen bekommen wir in der Regel kostenlos für einen bestimmten Zeitraum vom Hersteller zur Verfügung gestellt, zum Teil auch vor der offiziellen Veröffentlichung. So können unsere Testberichte rechtzeitig oder zeitnah zur Veröffentlichung des Produkts erscheinen.

Vorabversionen oder Geräte aus Vorserienproduktionen testen wir nur in Sonderfällen. In der Regel warten wir ab, bis wir Testgeräte oder Spielversionen bekommen können, die mit den Verkaufsversionen identisch sind. In einigen Fällen kaufen wir Produkte auch auf eigene Kosten selbst, wenn sie bereits im Handel oder online verfügbar sind.
Dürfen die Netzwelt-Redakteure die Produkte behalten?
In der Regel werden Testgeräte nach dem Ende des Tests an die Hersteller zurückgeschickt. Die Ausnahme sind Rezensionsexemplare von Spielen und sogenannte Dauerleihgaben: So haben wir zum Beispiel Spielekonsolen und Smartphones in der Redaktion, die wir über längere Zeit nutzen dürfen. So können wir beispielsweise über Softwareupdates, neues Zubehör und neue Spiele berichten oder Langzeiturteile fällen.
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Was hat es mit den Amazon-Anzeigen in manchen Artikeln auf sich?
Seit Dezember 2016 finden sich in einigen Netzwelt-Artikeln Amazon-Anzeigen, die sogenannte Partner-Links enthalten. Besucht ein Nutzer über einen solchen Link Amazon und kauft dort online ein, wird SPIEGEL ONLINE in Form einer Provision an den Umsätzen beteiligt. Die Anzeigen tauchen in Artikeln unabhängig davon auf, ob ein Produkttest positiv oder negativ ausfällt.


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