Retro-Betriebssystem Haiku Die Rückkehr des BeOS

Einst war es ein Hoffnungsschimmer für Apple, künftig könnte es eine Alternative zu Windows, Mac OS X und Linux werden: Unter dem Titel Haiku feiert das in den neunziger Jahren entwickelten Betriebssystem BeOS seine Wiederauferstehung.

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Als Apple Ex-Entwicklungschef Jean-Louis Gassée Mitte der Neunziger sein Betriebssystem BeOS der Öffentlichkeit vorstellte, war er seiner Zeit weit voraus. Die Software konnte mit mehreren Prozessoren umgehen, Befehle verschiedener Programme gleichzeitig ausführen. Sie verwendete ein hochmodernes Dateisystem für Festplatten, konnte aber gleichzeitig mit Mac- und PC-Festspeichern umgehen und hatte eine Technik integriert, die dafür sorgte, dass nach dem Absturz eines einzelnen Programms der Rest des Systems weiter laufen konnte. Das war revolutionär.

Etwa 1996 wurde sogar gemunkelt, Apple könne die Be Inc., Hersteller von BeOS, übernehmen, um seine damalige Betriebssystemkrise zu überwinden. Apple steckte damals in der Altlastenfalle, schaffte es aus eigener Kraft nicht, sein seit 1984 ständig weiterentwickeltes Betriebssystem auf ein neues, modernes Fundament zu stellen. Apple ließ seinerzeit T-Shirts mit dem Slogan "To Be or not to Be" bedrucken. Aus dem Deal wurde aber nichts. Stattdessen übernahm der Konzern Steve Jobs Firma NeXT und damit dessen NeXT OS, das als Vorlage für das heutige Mac OS X genutzt wurde.

Als Reaktion darauf suchte Jean-Louis Gassée nach neuen Wegen, sein BeOS populär zu machen. Das war auch bitter nötig, denn obwohl dem System so viele Vorteile zugesprochen wurden, fehlte ihm ein substantieller Kundenstamm. Um den aufzubauen, bot Be PC-Herstellern 1999 an, sie dürften das BeOS kostenlos auf ihren Rechnern installieren, sofern parallel dazu noch Windows auf die Festplatte gespielt werde und der Nutzer beim Systemstart zwischen den Systemen wählen kann. Ein paar Hersteller nahmen das Angebot an, den Marktanteil des Systems konnte Gassée mit seiner Gratis-Aktion trotzdem nicht merklich erhöhen.

Daran änderte sich auch in den folgenden Jahren nichts, bis das Unternehmen 2001 schließlich Gläubigerschutz beantragen musste. Im März 2002 schließlich, wurden die letzten Pfründe des Unternehmens an seine Aktionäre ausgeschüttet. Magere 58 US-Cent bekamen die Anteilseigner pro Aktie.

Acht Jahre Entwicklung

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Programmierer Marcus Overhagen längst eine Community gebildet, die sich um ein Weiterleben des BeOS kümmern sollte. Mit dem Satz "So, let's start" begann sein Aufruf für die Entwicklung eines zunächst OpenBeOS genannten Betriebssystems, das zwar kompatibel zum Original sein, aber komplett auf Open-Source-Technologie basieren sollte. Dessen Entwicklung nahm freilich einige Jahre in Anspruch während der das System in Haiku umbenannt wurde. Erst jetzt, fast acht Jahre nach dem Anfang, ist es so weit, dass es als Alpha-Version, also als sehr frühe Vorabsoftware, verteilt werden kann.

Ganz wie es sich für ein so altes System gehört, sind die Anforderungen an die Hardware aus heutiger Sicht bescheiden. Sogar auf einem PC mit einem 400 MHz schnellen Pentium-II-Prozessor soll Haiku noch laufen. Mehr als 128 MB Arbeitsspeicher braucht es dafür nicht und belegt auch lediglich 600 MB auf der Festplatte. Verglichen mit Betriebssystemen wie Mac OS X, Ubuntu-Linux und Windows 7 geradezu lächerlich wenig.

Trotzdem macht es Haiku dem Wirtsrechner in der aktuellen Version nicht allzu leicht. Wir haben es zum Ausprobieren auf einem virtuellen Computer gestartet, der auf einem 2,16 GHz schnellen Notebook mit Doppelkern-Prozessor lief. Diese Unterlage füllte der moderne BeOS-Nachkomme allerdings problemlos aus.

Schnellstart

Was sofort auffällt: Haiku ist schnell da. Einmal installiert, braucht es nur wenige Sekunden, um zu starten und sich in den Speicher zu kopieren. Was man dann zu sehen bekommt, ist durch nichts vom Original zu unterscheiden. Fenster haben eine typische Titelleiste die auch dann nicht verschwindet, wenn man die Fenster auf vollen Bildschirmgröße aufzieht. Die Icons erscheinen in einem Design, das man vor der Jahrtausendwende als modern, gar futuristisch feierte.

Das wichtigste Element auf diesem Desktop ist jedoch die Systemsteuerung, die rechts oben auf dem Bildschirm zu finden ist. Hier sich alle Einstelloptionen, Programme und sogenannte Desktop-Applets untergebracht. Allein das was mit Haiku an Software ausgeliefert wird, sorgt schon für einen guten Grundstock. Weitere Programme lassen sich von externen Seiten wie Haikuware nachladen. Dort gibt es auch Software, die man ansonsten vermissen würde - Textverarbeitungsprogramme etwa.

Wo ist das W-Lan?

Doch, so komplett das alles wirkt, bei näherer Betrachtung offenbaren sich noch manche große Löcher in Haiku. So funktioniert der offenbar vom Mozilla-Browser Firefox adaptierte Webbrowser Bon Echo zwar prächtig, ist mit modernen Techniken wie Tabbed-Browsing ausgestattet, einen Flash-Player für Webanimationen gibt es dafür aber - noch - nicht. Eine andere, viel wichtiger, Fehlstelle sind W-Lans. Wohl, weil es so etwas zu Zeiten des BeOS noch nicht in der heutigen Fülle gab, erkennt auch Haiku drahtlose Netzwerke nicht.

Aber daran, diese Lücke zu füllen, arbeiten die Entwickler schon emsig. Und das ist gut so. Denn beispielsweise als günstiges, schnelles und wenig anspruchsvolles System für Netbooks und Notebooks, könnte sich Haiku sicher einen Platz am Markt erarbeiten. Noch aber zeigen Beigaben wie ein GCC-Compiler und die Programmierer-Tools Perl und Python, dass sich die aktuelle Alpha-Version vor allem an Programmierer richtet. Für jedermann ist Haiku noch nicht bereit, aber es ist toller Spielkram für Nerds.

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