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Riesiger Touchscreen-PC Die Fummelmaschine

Vollgestopft mit Multimedia-Technik, fette Festplatte und vor allem ein riesiger Touchscreen-Bildschirm: Der Medion-PC The Touch soll den Weg ins Wohnzimmer der Zukunft weisen. Matthias Kremp hat den Anfass-Computer ausprobiert - und sich dabei die Finger schmutzig gemacht.

An diesem PC ist Apple Schuld, irgendwie. Zwar nicht als Hersteller oder Entwickler, wohl aber als Ideengeber und Trendsetter. Denn der Medion X9613, in der Marketing-Lyrik des Herstellers auch als The Touch bezeichnet, vereint Eigenschaften, die durch iMac und iPhone populär geworden sind: Er beherbergt sämtliche PC-Bauteile samt Display in einem Gehäuse und lässt sich per Fingerzeig bedienen, braucht weder Maus noch Tastatur - theoretisch zumindest.

Doch fangen wir mit den Äußerlichkeiten an. Das Design des Medion-Rechners folgt im weitesten Sinne dem Vorbild des iMac, das heißt, die Hardware ist hinter einem 24-Zoll großen Flachbildschirm eingebaut. Der thront allerdings nicht, wie beim Apple, auf einem Aluminiumfuß, sondern wird von einer abklappbaren Stütze auf der Rückseite gehalten. Das ist stabil, braucht aber mehr Platz als Apples Lösung. Vor allem aber ist der Bildschirm dadurch auf einen bestimmten Neigungswinkel festgelegt, lässt sich nicht an die Sitzposition anpassen. Das ist blöd, wenn man den Rechner mal am Schreibtisch als Arbeits- und Spielgerät, mal vom Sofa aus als HD-Fernseher benutzen will.

Damit er das ohne Ruckeln schafft, hat Medion reichlich Hardware in das große Kunststoffgehäuse eingebaut. Das fängt beim Quadcore-Prozessor an, der zwar für Notebooks entwickelt wurde, im Medion-PC aber nicht nur für ordentlichen Vortrieb, sondern auch für Ruhe sorgt, weil er vergleichsweise wenig Abwärme erzeugt. Ihm zur Seite stehen großzügige 4 Gigabyte Arbeitsspeicher und eine 1-Terabyte-Festplatte, die reichlich Platz für Filme, Musik und Bilder bietet. Ein Upgrade wird da auf absehbare Zeit kaum nötig sein, höchstens in Form einer externen Festplatte zur Datensicherung.

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Medion The Touch: Ein PC zum Anfassen

Foto: SPIEGEL ONLINE

Weil der The Touch als Wohnzimmer-PC konzipiert ist, wird er mit mehreren TV-Tunern ausgeliefert. Direkt im Gerät befinden sich Empfangsteile für analoges und Satelliten-TV sowie DVB-T samt zweier Anschlüsse für Kabel-TV beziehungsweise Satellitenschüssel. Zu meiner Verwunderung war zusätzlich eine DVB-T-Steckkarte in den Expresscard-Steckplatz eingestöpselt und eine dazu passende Zimmerantenne beigelegt, beides Zubehörteile, von denen im Handbuch nichts geschrieben steht. Macht nichts, für den dadurch blockierten Steckplatz gibt es sowieso kaum Nutzungsmöglichkeiten. Für das Blu-ray-Laufwerk dafür umso mehr. Nicht, weil es hochauflösende Filme abspielen kann und damit bestens zum Bildschirm mit seiner Full-HD-Auflösung von 1920 x 1020 Bildpunkten passt. Sondern weil es auch CDs und DVDs brennen kann.

Anstrengende Fingerübungen

Was dagegen weniger zu der restlichen Ausstattung des Rechners passt, ist die Fingerfertigkeit des Bildschirms. Wie beim iPhone kann man darauf Objekte hin und her schieben, indem man sie auf dem Display mit dem Finger berührt. Ebenso lassen sich Menüpunkte auswählen. Und weil der Bildschirm die Bewegungen mehrerer Finger zugleich verfolgen kann, lassen sich mit ähnlichen Gesten wie beim iPhone Bilder verkleinern, vergrößern oder drehen.

Was sich zunächst verlockend anhört, erweist sich in der Praxis als umständlich. Während man Smartphones meist noch einhändig bedienen kann, beim Tablet PC mit einem leichten Schwenk der Hand den kompletten Desktop überquert, erfordert das Finger-Interface auf einem 24-Zoll-Monitor richtigen Körpereinsatz. Den "Schließen"-Knopf eines vollflächig geöffneten Fensters bekommt man nur mit ausgestrecktem Arm zu fassen. Eine Zeit lang ist das ganz lustig, wird aber anstrengend, wenn man länger an dem Rechner arbeitet, dabei Fenster öffnet, schließt und verschiebt.

PC für User mit Putzfimmel

Vollkommen absurd wird es aber, wenn man außerdem noch die virtuelle, also auf dem Bildschirm eingeblendete Tastatur zur Texteingabe benutzt. Im Verhältnis zur Größe des Displays ist die ausgesprochen klein geraten, verschenkt reichlich Bildfläche und macht es Menschen mit großen Fingern damit unnötig schwer, die Buchstaben zuverlässig anzutippen. Erschwerend kommt die katastrophal unergonomische Haltung hinzu, die man einnehmen muss, um auf dem leicht geneigten Bildschirm zu tippen.

Gut, dass dem Rechner eine drahtlose externe Tastatur beiliegt, auf der es sich bequemer tippen lässt. Gut auch, dass im Karton ein Putztuch liegt. Dieser Lappen hat sich bei mir als das am häufigsten benutzte Zubehör erwiesen. Nicht nur, weil ich damit ständig den Bildschirm freizurubbeln versuchte, der schneller verschmutzt, als man putzen kann. Auch um den schwarzen Kunststoff im Klavierlack-Look zu reinigen, der das Display einrahmt und Staub und Fingerfett magisch anzuziehen scheint.

Immer nur anfassen

Für faule Ästheten also ist The Touch kaum empfehlenswert, außer sie haben eine Putzhilfe, die ständig auf der Suche nach Dreck durch die Wohnung eilt. Für Technik-Freaks, die unbedingt alles per Touchscreen bedienen wollen, ist er ebenso wenig geeignet - außer, sie wollen ihre Oberarm-Muskulatur trainieren. Als bequemer Multimedia-PC für die Ein-Zimmer-Wohnung dagegen macht er eine gute Figur, ist schnell, leise und ersetzt problemlos auch den Fernseher. Nur zu teuer ist er für einen solchen Einsatz.

Günstigere Alternativen bietet nicht nur Hewlett Packard, sondern auch Medion selbst an. Doch um die Touch-Technik scheint man bei aktuellen Windows-All-in-one-PCs auch bei anderen Anbietern nicht herumzukommen.

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