Rundfunk- und Breitbandtechnik Neue Chance für Internet-TV

Ein neuer Standard namens HbbTV kombiniert Rundfunk- und Breitbandtechnik. Nach etlichen Versuchen, Internet und Fernsehen zu verschmelzen, könnte damit endlich der Weg zum interaktiven TV frei werden.
Von Chris Löwer
Vorreiter eines neuen Marktsegments: HbbTV-fähige Settop-Box von VideoWeb

Vorreiter eines neuen Marktsegments: HbbTV-fähige Settop-Box von VideoWeb

Wer immer schon wissen wollte, womit die Kleiderschränke angehender Models bestückt sind, der könnte seine Neugier künftig mit einem Klick auf die TV-Fernbedienung befriedigen. Für die Dokusoap "Die Model-WG" hat der ProSieben-Ableger SevenOne Intermedia gezeigt, wie er sich das interaktive Fernsehen der Zukunft vorstellt: Drückt ein Zuschauer während der Sendung auf einen roten Knopf seiner Fernbedienung, kann er etwa virtuell die Garderobe eines Models durchstöbern und die schicken Teilchen mit ein paar weiteren Klicks gleich beim Otto- Versand bestellen. Auch Infos zu den Models selbst kann sich der Nutzer einblenden lassen, um anschließend zu schauen, was gerade über welches Model im sozialen Netz diskutiert wird.

Die Demonstration der interaktiven Model-WG basiert auf dem neuen Standard "Hybrid broadcast broadband TV" (HbbTV). "Hybrid" heißt das Verfahren deshalb, weil hier nicht das Internet auf den Fernsehschirm geholt wird oder das Fernsehen ins Netz, sondern sich beide Medien ineinander verschränken. Sender können beispielsweise mit dem Fernsehsignal eine Art Link mitschicken, der per Knopfdruck direkt zu einem begleitenden Online-Angebot führt.

Neben der ProSiebenSat.1-Gruppe arbeiten auch zahlreiche andere Sender an eigenen HbbTV-Inhalten. Die ARD hat bereits auf der vergangenen Internationalen Funkausstellung in Berlin (Ifa) einen Ausblick auf ihr kommendes HbbTV-Angebot gegeben. Darunter befinden sich die ARD-Mediathek zum Abruf von vergangenen Sendungen sowie eine elektronische Programmvorschau (EPG) samt Trailern. So weit nichts Neues und aus dem Internet bekannt. Dazu kommen aber noch Angebote mit direktem Bezug zu einzelnen Sendungen, etwa Biografisches zu Talk-Gästen. Bei Bedarf können solche Inhalte transparent über das laufende Fernsehbild geblendet werden.

Ähnliches wird das ZDF bieten. Und auch RTL möchte noch im Laufe des Jahres unter dem Namen "HD Text" HbbTV-Dienste auf die Mattscheibe bringen. "Der neue RTL-Digitaltext wird erstmals hochauflösende Bilder enthalten und ermöglicht die Integration von Bewegtbildern wie beispielsweise Kompaktnews oder Programmtrailer", verrät Marcus Dimpfel, Bereichsleiter Strategische Unternehmensentwicklung von RTL Deutschland - eine Art Videotext de luxe also.

Wie das Internet Teil der täglichen Fernsehroutine werden kann

Branchenexperten werden geradezu euphorisch angesichts der Möglichkeiten von HbbTV. "Genau wie in der mobilen Welt, wo das Internet gerade Einzug hält, werden Internet-TV-Anwendungen auch die Fernsehnutzung nach und nach erweitern", sagt Mathias Birkel, Berater bei der Berliner Marktforschungsgesellschaft Goldmedia. "So kann das Internet zunehmend Teil der täglichen Fernsehroutine werden." Und Matthias Greve, Geschäftsführer des jungen Karlsruher Geräteherstellers VideoWeb, schwärmt: "Das vormals starre Wohnzimmer-Unterhaltungsgerät wird zum flexiblen Multimedia-Terminal. Es entsteht eine eigene Nutzungswelt für Fernsehinhalte."

Mit einer HbbTV-Box lässt sich vom Sofa aus auch auf Internetdienste wie Facebook, Google Maps, Twitter und Picasa zugreifen, doch dies unterstützt HbbTV nur in abgespeckter Form, etwa um in Picasa-Fotoalben zu blättern, nicht aber, um Bilder zu bearbeiten. Dafür ist der Computer dann doch das bessere Gerät. Greve stellt klar: "Ziel ist nicht, das Internet aufs Fernsehen zu bringen, was unserer Meinung nach unsinnig wäre. Ziel ist, echten Mehrwert durch neue Dienste zu schaffen."

Mit solchen Worten wurde allerdings schon so manche TV-Revolution angekündigt. Bisher sind alle diese Ansätze am Henne-Ei-Problem gescheitert: Solange es nicht genügend Inhalte gibt, interessiert sich kaum ein Nutzer für einen neuen Dienst. Und ohne Nutzer lohnt es sich nicht, neue Inhalte zu produzieren. "Jeder Anbieter verfolgte bisher ein eigenes System, was ein technologisch fragmentiertes Feld hinterlassen hat", sagt Klaus Merkel, als Projektleiter am Münchner Institut für Rundfunktechnik (IRT) einer der Väter von HbbTV.

Der Charme der HbbTV-Technik liegt in ihrer Einfachheit

Die prominentesten Fehlschläge waren die interaktive Fernbedienung Betty der Swisscom sowie die Multimedia Home Platform (MHP) eines internationalen Industriekonsortiums. Betty, still begraben, galt als bedienerunfreundlich und wenig nutzwertig. Was man der MHP nicht vorwerfen konnte, aber bei dieser Plattform war die auf der Programmiersprache Java basierende Erstellung von Inhalten zu aufwendig. RTL, ARD, ZDF und Otto-Versand haben ihre MHP-Dienste eingestellt. Heute gehen noch einige Hersteller ihren eigenen Weg zur Verknüpfung von Fernsehen und Internet, doch auch diese sind weit davon entfernt, eine kritische Masse zu erreichen.

Einiges spricht dafür, dass HbbTV nun den Teufelskreis durchbrechen kann. Entwickelt wurde HbbTV von einem Konsortium aus 60 Firmen und Institutionen unter der Leitung des IRT. Der Charme der Technik liegt in ihrer Einfachheit: "HbbTV baut auf bereits existierenden Rundfunkstandards und Internet- Technologien auf", erklärt Merkel. Im Wesentlichen basiert HbbTV auf CE-HTML, einer für Unterhaltungselektronik entwickelten Variante der Webseiten-Sprache HTML. Dadurch können Sender ihre Internetseiten vergleichsweise einfach in das HbbTV-Angebot überführen. Kleine Animationen laufen über JavaScript statt über aufwendigere Formate wie Flash, Videos werden mit dem Standard H.264 übertragen.

Am 1. Juli 2010 bekam HbbTV seinen Ritterschlag: Das Europäische Institut für Telekommunikationsnormen (ETSI), zuständig unter anderem für Mobilfunkprotokolle wie GSM und UMTS, hat HbbTV am 1. Juli als Industrienorm verabschiedet; damit hat es einen ähnlichen Rang wie etwa HTML. Und schon vor dem ETSI-Entscheid hatte sich ein eindrucksvolles Konsortium aus Hardware-Herstellern und TV-Sendern hinter HbbTV gestellt: Unter anderem LG, Philips, Samsung, Sony, Humax, Alcatel Lucent, Cisco, Eutelsat sowie die European Broadcasting Union (Ebu) - ein Zusammenschluss von 75 Rundfunkanstalten - unterstützen den Standard. Fraglich bleibt allerdings, ob HbbTV auch in Asien Chancen hat.

Zuschauer, die HbbTV nutzen wollen, brauchen nur zwei Dinge: ein Fernsehgerät oder eine Settop-Box mit HbbTV-fähigem Browser sowie einen breitbandigen Internetzugang. Das Fernsehprogramm kommt wie gewohnt über Kabel, Antenne oder Satellitenschüssel ins Haus. Die interaktiven Ergänzungen laufen über das Internet. Maus oder Tastatur sind nicht nötig, die Anwendungen sind darauf angelegt, mit roten, blauen, gelben und grünen Funktionstasten auf der Fernbedienung gesteuert zu werden.

Anfang 2011 sollen neue HbbTV-Geräten auf den Markt kommen

An der passenden Hardware wird es nicht fehlen: Bei der diesjährigen Ifa (3. bis 8. September) stand das Thema HbbTV bei Sendern und Geräteherstellern im Mittelpunkt. Zum Weihnachtsgeschäft werde fast jedes zweite neue Fernsehgerät über einen Internetanschluss verfügen, sagt der Branchenverband Bitkom voraus. In fünf Jahren, prognostiziert Goldmedia, werden 61 Prozent aller TV-Haushalte ein internetfähiges TV-Gerät haben. Zwar werden die wenigsten internetfähigen Fernseher vom Start weg HbbTV beherrschen, doch die technische Grundlage ist damit schon einmal gelegt. Pionier bei HbbTV-Geräten war der Hersteller Humax, der schon seit fast einem Jahr einen HbbTV-Satellitenreceiver anbietet. Andere folgen nun, wie etwa VideoWeb, das im Juli für 299 Euro eine HbbTV-fähige Settop-Box für Satellitenfernsehen herausgebracht hat. Merkel weiß von 20 weiteren Herstellern, darunter Loewe und Technisat, die voraussichtlich bis Anfang 2011 mit neuen HbbTV-Geräten auf den Markt kommen werden. Dabei wird nicht immer eine eigene Box nötig sein - Philips plant, seine Fernseher künftig standardmäßig mit einem HbbTV-Browser auszustatten.

Abgesehen von den Kosten für die Hardware und etwaige Internet-Gebühren sind die HbbTV-Angebote für die Zuschauer kostenlos. RTL-Mann Dimpfel erhofft sich von HbbTV aber neue Geschäftsmodelle, die via Videotext undenkbar waren, etwa die direkte Bestellung von beworbenen Waren per Fernbedienung. Der Hamburger Technologie-Dienstleister teveo interactive GmbH hat bereits eine Idee, wie HbbTV für Sender zur Einnahmequelle werden kann - nämlich durch kostenpflichtige Zusatzangebote. Teveo hat dazu den Dienst "TV-ID" entwickelt. Zuschauer brauchen sich nur einmal per Fernbedienung anzumelden, anschließend kann der Sender sie persönlich ansprechen - und Premiuminhalte wie hochwertige Eigenproduktionen, Einkäufe oder Dienstleistungen abrechnen. Das zum Patent angemeldete Verfahren soll nach Vorstellung des Teveo-Geschäftsführers Andreas Karanas zur zentralen Bezahl-Plattform für alle frei empfangbaren Fernsehsender werden. Ob die Zuschauer allerdings wirklich gewillt sind, für Extras zu bezahlen, steht auf einem anderen Blatt. Und was ist mit IPTV, dem vor allem von der Telekom vorangetriebenen Fernsehen über die Datenleitung. Kritiker argwöhnen, dass HbbTV nur ein Lückenbüßer sei, bis sich IPTV flächendeckend durchsetzt. IRT-Mann Merkel widerspricht: Die IPTV-Angebote seien so etwas wie eine Videothek auf Abruf. Zusatzangebote oder Interaktion mit dem laufenden Fernsehprogramm wie bei HbbTV gebe es bei IPTV bisher nicht. "Beide Angebote ergänzen sich prima", meint Merkel.


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