Der erste Eindruck ist positiv. Samsungs Gear Live fühlt sich gut an, nicht so billig wie es ihr Hauptmaterial, Plastik, vermuten lässt. Am Arm getragen schmiegt sie sich gut an. Offenbar ist die Wölbung der Unterseite gut der menschlichen Anatomie angepasst. Der mit 1,63 Zoll winzig erscheinende Amoled-Bildschirm ist brillant und funktioniert auch im Freien gut. Es gibt nur einen Knopf, den zum Einschalten. Alles andere erledigt man am Touchscreen oder per Sprachbefehl.
Schon während der Ersteinrichtung bekommt man innerhalb der Android-Wear-App eine kleine Anleitung zu sehen, die die grundlegenden Gesten der Uhr erklärt. Einmal aufs Display tippen oder den Arm heben beendet den Ruhezustand. Indem man von unten nach oben über das Display wischt, arbeitet man sich durch die verschiedenen Benachrichtigungen, die auf der Uhr eingegangen sind.
Google weiß, wohin ich will
Mit einem Wisch nach rechts wird eine zweite Informationsebene aufgerufen. Wird beispielsweise gerade der Wetterbericht angezeigt, gelangt man mit der Handbewegung zu einer Vier-Tage-Vorschau. Je nach Benachrichtigungstyp gibt es unterschiedlich viele solcher Ebenen. Hat man beispielsweise gerade am PC oder Smartphone bei Google oder Google Maps eine Adresse gesucht, wird auf der Uhr die voraussichtliche Fahrtzeit dorthin angezeigt.
Ein erster Wisch nach rechts fördert eine Karte mit der Route zutage, nach einem zweiten bekommt man die Option "Navigation starten", die bei unserem Testgerät nicht funktionierte - möglicherweise ein Fehler in der Vorab-Software. Problemlos konnte ich aber ein weiteres Mal nach rechts wischen, um die Option "Auf Telefon öffnen" auszuprobieren, welche auf dem gekoppelten Handy den Assistenten Google Now mit der entsprechenden Routenempfehlung öffnet.
Die Uhr versteht nur deutliche Ansagen
Die Option, eine Anwendung auf dem Handy zu öffnen, tauchte während des kurzen Tests ohnehin immer wieder auf. Sie zeigt, dass Smartwatches mit Android Wear nicht ganz so schlau sind, wie man es sich wünschen würde. Die vermeintlich klugen Uhren sind eben doch in erster Linie ein zweiter Bildschirm, der Informationen wiedergibt, die auf dem Telefon gespeichert sind oder empfangen werden.
Diese Aufgabe erledigt Android Wear sehr lässig. Im Grunde handelt es sich um ein System geordneter Informationskarten, die von der Uhr übersichtlich präsentiert werden. Wie vermutet, basiert das System auf den Infokarten der Google-Now-App, die es für Android und iOS gibt. Allerdings werden auf dem kleinen Bildschirm nicht alle, sondern nur die wichtigsten Informationen wiedergegeben. Sonst würde das Lesen auf dem kleinen Display zu anstrengend. So jedoch lassen sich die Infohäppchen schnell aufnehmen.
Ausgerechnet die Sprachsteuerung, die dem Nutzer das lästige Tippen auf den Bildschirm abnehmen soll, funktioniert nicht vollkommen zuverlässig. Um brauchbare Ergebnisse zu erzielen, muss man auf eine deutliche Aussprache achten. Aber selbst dann sind die Ergebnisse oft unbefriedigend, was womöglich auch an der geringeren Tiefe der Datenverknüpfung beim deutschen Google liegt. Ein Beispiel: Die Frage nach der aktuellen Abflugzeit eines Linienflugs beantwortet die US-Version mit aktuellen Angaben über etwaige Verspätungen. Die deutsche Version liefert eine Liste von Webseiten, auf denen man sich die gewünschten Informationen selbst zusammensuchen soll.
Vorläufiges Fazit
Abgesehen von diesem Manko fehlen der Gear Live und Android Wear vor allem noch Apps. Mindestens zwanzig Anbieter sollen ihre Programme bereits an das neue System angepasst haben. Für die Allgemeinheit werden diese Apps aber erst Anfang Juli erhältlich sein, wenn die Android-Smartwatches von Samsung und LG in den Versand gehen.
Abgesehen von diesem leicht erklärbaren Mangel sind es zwei Dinge, die meine Begeisterung für die neue Smartwatch mindern. Zum einen der noch eingeschränkte Nutzen: Statt das Handy aus der Tasche zu ziehen, muss ich jetzt den Arm heben und mit Wischbewegungen von einer Meldung zur nächsten scrollen.
Zum anderen ist es die Akkulaufzeit. Samsung sagt selbst, dass nicht mehr als ein Tag drin ist - und selbst das wird wohl nur klappen, wenn man die Uhr lediglich maßvoll verwendet. Für Android-Wear-Anwender bedeutet das, dass sie künftig nicht mehr nur ihr Handy, sondern auch ihre Uhr regelmäßig an die Steckdose anschließen müssen.
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Samsung Gear Live: Obwohl sich der koreanische Konzern mit seinen Smartwatches Gear 2 und Gear Fit gerade von Android gelöst hat und auf das Tizen-Betriebssystem umgeschwenkt ist, bringt er nun doch ein Modell mit Googles Software auf den Markt.
Unterbau: Die Rückseite weist dieselben Merkmale auf wie Samsungs bisherige Smartwatches. Oben sind die Kontakte für das Ladegerät zu sehen, darunter der optische Pulsmesser.
Es kann nur einen geben: Der Einschaltknopf an der Seite ist das einzige physische Bedienelement.
Adapter: Weil Samsung-Uhren keinen USB-Anschluss haben, muss man sie über einen solchen Adapter an ein Ladegerät anschließen. Schlecht, wenn man ihn verliert.
Kontakt hergestellt: Ist der Ladeadapter eingesteckt, lässt sich die Gear Live nicht mehr um den Arm binden.
Geschafft: Das Ende der Software-Installation bildet ein sehr kurzes Tutorial zu den verfügbaren Gesten.
Kopplung: Die beiden bisher verfügbaren Android-Wear-Smartwatches haben kein NFC. Also muss man sie manuell per Bluetooth koppeln.
Companion App: Über dieses kleine Programm lassen sich einige Funktionen der Uhr festlegen.
Weitere Optionen legen beispielsweise fest, ob Benachrichtigungen auf dem Handy und der Uhr oder nur auf einem von beiden Geräten angezeigt werden.
Startschwierigkeit: Bevor sich das Testgerät zur Mitarbeit bewegen ließ, musste es sich erst einmal ein neues Android-Wear-System installieren.
Qual der Wahl: Im Auslieferungszustand wird die Gear Live mit 13 verschiedenen Uhr-Oberflächen bestückt.
Einstellmenü: Es lässt sich auch ein Flugmodus aktivieren. Bluetooth wird dann abgeschaltet.
Frequenzabfrage: Der integrierte Pulsmesser kann per Handy oder Sprachbefehl aktiviert werden.
Befehlsverzeichnis: Beginnt man nach Aufsagen des Codeworts "OK Google" nicht gleich damit, Befehle oder Fragen zu formulieren, blendet die Gear Live eine Liste möglicher Sprachbefehle ein.
Der Wetterbericht: Man kann die Uhr auch einfach fragen, wie das Wetter zu Hause ist.
Prognose: Wischt man von der Wetteransicht einmal nach rechts, bekommt man die Vorhersage für die nächsten Tage zu sehen.
Kartendienst: Die Zusammenarbeit der Systeme funktioniert. Die Uhr zeigt mir an, wie weit es zu einem Ort ist, den ich mir in Google Maps angesehen habe.
Maps-Integration: Wischt man dann einmal nach rechts, gelangt man zu einer Kartendarstellung der berechneten Route.
Termine, Termine: Auch der Google-Kalender wird von der Gear Live ausgewertet. Die Ereignisse sind gut lesbar.
Miniatur-Google-Now: Im Grunde zeigt Android Wear ähnliche Informationen an wie die Google-Now-App, nur auf das Wesentliche reduziert.
Geht alles: Man kann die Sensoren der Samsung-Smartwatch auch für ganz profane Dinge nutzen. Etwa, um einen Kompass nachzubilden.
Kopplung: Die beiden bisher verfügbaren Android-Wear-Smartwatches haben kein NFC. Also muss man sie manuell per Bluetooth koppeln.
Foto: SPIEGEL ONLINEMelden Sie sich an und diskutieren Sie mit
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