Projekt Neon Samsung will digitale Menschen erzeugen

Sie sehen aus, bewegen und benehmen sich wie echte Menschen. In Wahrheit sind die "Neons", die auf der CES präsentiert wurden, digitale Gebilde. Aber wofür braucht man sie eigentlich?
Aus Las Vegas berichtet Matthias Kremp
Sieht aus wie eine Schauspielerin, ist aber das Konstrukt eines Computers: eine der Figuren aus dem Projekt Neon

Sieht aus wie eine Schauspielerin, ist aber das Konstrukt eines Computers: eine der Figuren aus dem Projekt Neon

Foto: Matthias Kremp/ DER SPIEGEL

Tage vor Beginn der CES kursierten im Web Gerüchte, Samsung wolle auf der Hightech-Messe einen “künstlichen Menschen” zeigen. Als die Presse-Tage dann ganz ohne Erwähnung einer solchen Technik durch Samsung verstrichen, machte sich Enttäuschung breit. Die jedoch wich Verwunderung, als am Dienstag erstmals die Messehallen geöffnet wurden. Nicht unweit des riesigen Samsung-Auftritts zeigt die Samsung-Tochterfirma Star Labs ihr Projekt Neon.

Die großspurige Bezeichnung “künstlicher Mensch” aus der Pressemitteilung ist dabei zwar arg weit hergeholt, hat aber einen wahren Kern. Denn offensichtlich hat jede der rund ein Dutzend unterschiedlichen Figuren, die bei Star Labs auf den Bildschirmen erscheinen, einen eigenen Charakter. Und sie wirken alle ausgesprochen lebensecht.

So sehen die digitalen Menschen aus

So sehen die digitalen Menschen aus

Foto: Matthias Kremp/ DER SPIEGEL

Zwar habe man an der zugrunde liegenden Technik schon länger gearbeitet, doch der Auftrag, daraus ein vorzeigbares Produkt zu machen, sei erst vor gut fünf Monaten erteilt worden, sagt Star-Labs-Manager Bo Moon, der für die Strategie zuständig ist. Ein Team von knapp 50 Mitarbeitern habe in dieser Zeit daran gearbeitet, aus den Ergebnissen von zwei Jahren Vorarbeit etwas zu entwickeln, das sich auf der CES vorzeigen lässt. 

Wie ambitioniert dieser Zeitplan war, zeigt ein Tweet des Star-Labs-Chefs Pranav Mistry vom 4. Januar: “Fliege morgen zur CES, und die Software funktioniert endlich :)”

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Das Ergebnis ist allerdings beeindruckend. Die "Neons", so nennen Star-Labs-Mitarbeiter die vom Computer geschaffenen Figuren, wirken derart realistisch, dass sie von vielen Messebesuchern für Schauspieler gehalten werden, die vor einer Kamera agieren. Tatsächlich aber wird jede Bewegung, jede Regung vom Computer berechnet. 

Vorläufig liefern noch echte Models, die in 3D gescannt werden, die Vorlage dafür. Rund einen Tag dauert es, auf diese Weise eine solche Figur zu erschaffen, erklärt Bo Moon. Künftig aber wolle man Neons vollständig digital erzeugen, könne dabei jedes Detail selbst vorgeben, jeden Knochen und jeden Muskel beliebig formen.  

Der Ton kommt kaum nach

Dass die Neons so realistisch wirken, liegt auch daran, dass die künstliche Intelligenz, die das Ganze steuert, ständig neue Variationen entwickelt. So wie bei einem echten Menschen jedes Lächeln ein klein wenig anders ausfällt, verhält es sich auch bei den Computerpersönlichkeiten: Jede Bewegung und jeder Gesichtsausdruck wird von der Software selbstständig neu berechnet, statt aus einem vorgefertigten Satz immer gleiche Ausdrücke zu wählen.

Dasselbe gilt auch für die Art, wie die Neons sprechen. Zwar wird die grundsätzliche Aussage einer Antwort, die sie auf eine Frage geben, von einer KI vorgegeben. Doch wie genau sie diese formulieren und artikulieren, ist nicht vorhersehbar. Genau das lässt sie menschlich erscheinen. Bei einer Vorführung der Technik konnte eine der Neons zudem in diversen Sprachen, darunter Englisch, Französisch, Chinesisch und Hindi, antworten. 

Dass sich die Lippen der Figuren dabei nicht synchron zur Textausgabe über Lautsprecher bewegen, erklärt Manager Moon mit der aufwendigen Soundinstallation auf dem Messestand: Während die Tondaten auf dem Weg zum Lautsprecher etliche Kabel und Verstärker durchlaufen, gelangen die Bilddaten über kurze Kabel direkt in die Bildschirme.

Die wiederum würden von extrem leistungsstarken Rechnern angesteuert, sagt Bo Moon. Herkömmliche Computer wären bei Weitem nicht in der Lage, die komplexen Berechnungen, von denen die Neons erzeugt werden, schnell genug zu bewältigen. 

Den Charakter wird man nicht mehr los

Unklar ist vorläufig noch, wofür die Neons künftig genutzt werden. Star Labs hat zwar ein paar Beispiele entwickelt, will selbst aber nicht als Betreiber aktiv werden. Vielmehr ist das Ziel, die digitalen Charaktere an Firmen zu vermieten. Bei denen könnten sie dann beispielsweise als Supportmitarbeiter, Yogalehrer, Firmen- oder Nachrichtensprecher eingesetzt werden. 

Foto: Matthias Kremp/ DER SPIEGEL

Die kommerziellen Mieter müssten dabei mit einer weiteren Eigenheit zurechtkommen, die die Neons von Avataren oder Frage-Antwort-Robotern unterscheidet: Sie haben eine Persönlichkeit. Zumindest insofern, als dass sie mit bestimmten Charaktereigenschaften versehen würden, die nicht veränderbar sind. Wer einen Neon nutzt und nach einiger Zeit feststellt, dass dieser ihm zu kratzbürstig oder zu aufgedreht erscheint, wird sich damit arrangieren müssen. 

Einmal in Betrieb genommen, könne man den Charakter eines Neon nicht mehr beeinflussen, erklärt Bo Moon. Auch das gehöre zum besonderen Realismus, denn einen Mitarbeiter aus Fleisch und Blut könne man schließlich auch nicht mehr nach Belieben verändern, nachdem man ihn angestellt hat.

Auf die Frage, ob denn nicht auch die Pornoindustrie Interesse an dieser Technik habe, nickt Moon zustimmend. In diesem Zusammenhang dürfte dann auch die Möglichkeit verlockend sein, mit den digitalen Personen über eine VR-Brille zu kommunizieren. Die nämlich würde den Figuren noch mehr Realität  verschaffen, indem sie sie dreidimensional im Raum erscheinen ließe. Das könnte der nächste große Schritt hin zu vollkommen künstlich erschaffenen Neons sein, die kaum noch von echten Menschen zu unterscheiden sind.