Sandy Bridge Intel verschmilzt Chip und Grafik

Der Chiphersteller Intel geht auf Schmusekurs mit der Filmindustrie: Seine neueste Chipgeneration "Sandy Bridge" hat den Kopierschutz für gestreamte Videos gleich eingebaut. Gute Nachrichten gibt es aber auch für Anwender: Sandy-Bridge-Chips sollen energiesparende Raser werden.

Sandy-Bridge-Wafer: Im Großhandel werden die Chips zwischen 117 und 1096 Dollar kosten
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Sandy-Bridge-Wafer: Im Großhandel werden die Chips zwischen 117 und 1096 Dollar kosten


Was Intel auf der am Dienstag in Las Vegas beginnenden Consumer Electronics Show CES vorstellen wird, nennt der weltgrößte Chip-Entwickler vollmundig die "Intel Core Prozessoren der zweiten Generation". Die Bezeichnung Sandy Bridge steht für eine Chip-Architektur, die erstmals den eigentlichen Prozessor (CPU) mit dem Grafikchip (GPU) und dem PCI-Controller auf einem Intel-Chip integrieren wird. Das damit verbundene Versprechen: Höherer Datendurchsatz, mehr Effizienz, mehr Multimedia-Power.

In ersten Tests konnte das Konzept durchaus beeindrucken - zumal bei HD-Filmen. Für aufwendige Spiele reicht die Kraft der integrierten Grafik dann aber doch nicht (Intel HD 2000/3000, nur fit bis DirektX 10), Daddler anspruchsvollerer Spiele werden weiter eine dedizierte Grafikkarte brauchen. Der Blick auf Energieverbrauch und Prozessorgeschwindigkeiten zeigt die ersten Sandy-Bridge-CPUs jedoch als sparsame Renner.

Allerdings gehören alle vorab an ausgewählte US-Medien gegebenen Test-CPUs zur absoluten Oberklasse der Plattform, die zunächst 29 verschiedene Chips für unterschiedliche Ansprüche umfassen wird - vom Tablet- und All-in-One-PC bis hin zum Laptop- und Desktop-Boliden mit Vierkern-CPU i7. Die neue Plattform hat das Potential, den PC-Verkauf anzukurbeln: Sandy-Bridge-Chips kann man nicht einfach als Ersatz für ältere Intel-CPUs in einem Update einsetzen, es braucht zumindest ein neues Motherboard mit passendem Sockel - die meisten Endkunden kaufen da eher gleich einen neuen Rechner.

Intels will aufs Sofa

Intel hatte bei der Entwicklung offensichtlich eine sehr klare Vorstellung davon, wozu Sandy Bridge dienen soll - die Brücke zur Unterhaltungselektronik zu schlagen. Alle Chips sollen in bester Qualität 1080p-HD Bilder verarbeiten, Blu-ray inklusive.

Zum Chipsatz gehört auch "Wi-Di 2.0": Die drahtlose Übertragung von HD-Inhalten (Wi-Di = "Wireless Display") auf große Bildschirme wie beispielsweise LCD-Fernseher soll die Eroberung des Wohnzimmers ermöglichen. Während TV-Entwickler noch meist relativ umständliche, zumeist auch abgespeckte Internet- und On-Demand-Film-Lösungen zu bieten haben (auch das kürzlich gelaunchte Google TV konnte hier noch nicht wirklich glänzen) verspricht Intel mit der neuen Plattform die nahtlose Übertragung auf den Großschirm mit einer Form von WirelessHD.

Das dürfte ziehen beim Kunden, der zur Navigation von Web via TV das klassische Laptop-Keyboard einer Fernbedienung oder einer Bildschirm-Tastatur durchaus vorziehen mag.

Weniger deutlich weist Intel darauf hin, dass es in Sachen Übertragung noch mehr zu bieten hat - nämlich der Filmindustrie selbst: Sandy Bridge beinhaltet ein Digital Rights Management (Kopierschutz), mit dem die kommerzielle Übertragung von Filminhalten zwischen Anbieter und den mitunter sehr vervielfältigungsfreudigen Kunden kopiergeschützt abgesichert werden soll. Warner Brothers hat angeblich bereits zugesagt, die DRM-Technik nutzen zu wollen, Verträge mit allen anderen großen Studios werden angestrebt.

Sandy Bridge scheint darauf ausgelegt, solche kommerziellen Angebote zu befördern: Der Chipsatz verfügt über Synchronisierungs-Features, die dazu gedacht sind, vorhandene Filme innerhalb rekordverdächtiger Zeit für mobile Geräte zu konvertieren. Da lassen sich DRM-definierte Pakete denken, die Filme beispielsweise parallel zum DVD-Start zum Download bieten, die nach dem Vorbild früher Musik-Downloads dann auf eine kontrollierte Zahl anderer Displays und Geräte übertragen werden dürfen. Übrigens: Die Musikindustrie hat sich von solchen vermeintlich attraktiven Angeboten inzwischen vielfach wieder verabschiedet. Die Kundschaft lehnte DRM ab.

AMD greift wieder an

Intel behauptet, mit der Sandy-Bridge-Plattform in allen Leistungskategorien merkliche Leistungszuwächse bieten zu können, ohne dass dabei der Energieverbrauch steige - die Integration verschiedener, sonst separat stromfressender Bauteile macht es möglich. Schlechte Nachrichten sind das vor allem für den zuletzt reichlich gebeutelten Dauer-Konkurrenten AMD - den letzten Chip-Entwickler, der Intel auf dem Endkundenmarkt überhaupt noch Paroli bieten kann. Denn AMD verfolgt seit dem Aufkauf des Grafik-Entwicklers ATI eine durchaus ähnliche Strategie: Eine Optimierung des Zusammenspiels von CPU und GPU, idealerweise in einem Chip.

Genau das will auch AMD auf der CES vorstellen - in Form seiner auf den Namen "Fusion" getauften, vor allem auf Mobilrechner zielenden neuen Chip-Generation. Auch AMD verschmilzt hier CPU und GPU zu einem einheitlichen, Accelerated Processing Unit (APU) getauften Doppelchip. Erstmals seit etlichen Jahren ergibt sich Anfang 2011 somit eine Konstellation, die an die Zeiten des "Gigahertz-Rennens" erinnert, als sich Intel und AMD ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Takt-Geschwindigkeitsrekorde bei CPUs lieferten.

AMDs Fusion wird man auf der CES in etlichen Geräten finden. Informationen über kommende Geräte von Lenovo, Toshiba, Acer, MSI und anderen waren bereits in den letzten zwei Wochen durchgesickert - einige Hersteller wollen offenbar ab Marktstart beide Plattformen bedienen.

Wer am Ende die Nase vorn haben wird, ist dabei längst nicht ausgemacht - die PC-Plattform steht offenbar vor einem Entwicklungssprung. Lenovos ThinkPad X100e, ein 11-Zoll-Netbook, soll über eine gegenüber AMDs Vorläufer-Mobilchip-Plattform Neo 65 Prozent bessere Grafik-Performance verfügen - bei gleichzeitiger Senkung des Energiebedarfs um satte 30 Prozent. Vor allem in dieser Disziplin hatte AMD ein Aufholen allerdings auch bitter nötig: Im Vergleich zu den letzten Generationen Intel-Chips fielen AMD-Chips stets etwas stromhungriger aus - was einen Erfolg auf dem boomenden Netbook- und Tablet-Markt nicht gerade begünstigt. Auch die Neo-Chips, AMDs Antwort auf Intels Brot-und-Butter-Chip Atom, konnten kaum punkten: Auf dem Netbook-Markt beispielsweise spielt AMD bisher nur eine marginale Rolle.

pat

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