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02. Juni 2010, 14:49 Uhr

Selbstmordserie

Apple-Chef nimmt Foxconn in Schutz

"Ziemlich nett": Apple-Chef Steve Jobs hat die Arbeitsbedingungen beim weltgrößten Elektronikhersteller Foxconn gelobt, der von einer Selbstmordserie erschüttert wird und wegen Arbeitsbedingungen in der Kritik steht. Außerdem äußerte Jobs sich zu Google und zum Streit um das Flash-Format.

Der weltweit größte Elektronikhersteller Foxconn erhält Unterstützung - von Apple-Firmenchef Steve Jobs persönlich. Das chinesische Unternehmen Foxconn, das auch für Apple produziert, steht wegen einer Selbstmordserie von Mitarbeitern massiv in der Kritik. Auf der Branchenkonferenz "All Things Digital" im kalifornischen Pancho Palos Verdes fand Jobs jetzt trotzdem lobende Worte für den Geschäftspartner.

Angesprochen auf die Selbstmordserie äußerste Jobs große Sorgen. Allerdings nahm er das Unternehmen in Schutz: Der Konzern sei "kein Ausbeuterbetrieb", sagte er. Auf dem Fabrikgelände in Shenzhen gebe es "Restaurants und Kinos und Krankenhäuser und Schwimmbäder. Für eine Fabrik ist es da ziemlich nett." Vertreter von Apple prüften laut Jobs die Arbeitsbedingungen vor Ort: "Wir stecken überall drin", sagte er. Apple sei "eines der besten Unternehmen weltweit in seiner Branche, wenn nicht gar überhaupt", wenn es darum gehe, die Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette zu "verstehen". Foxconn stellt unter anderem das iPhone her - Arbeitsrechtler hatten wegen der Selbstmorde bereits einen Boykott des beliebten Smartphones angedroht.

Am Mittwoch bestätigte Foxconn den Tod eines Beschäftigten. Vorwürfe der Schwester, der 27-Jährige sei an Erschöpfung wegen Überarbeitung gestorben, wies das taiwanische Unternehmen allerdings zurück. Yan Li war am Freitag gestorben, nachdem er mehr als einen Monat lang nur Nachtschicht gearbeitet habe, wie die Arbeitsrechtsorganisation China Labor Watch die Schwester des Toten zitierte. Ein Foxconn-Sprecher erklärte, das Unternehmen habe den Tod untersucht. Nichts spreche dafür, dass er mit der Arbeit im Foxconn-Werk in der Sonderwirtschaftszone Shenzhen zusammenhänge. Die Schwester habe eine "gewisse Unterstützung" bekommen, um ihr "in dieser schweren Zeit" zu helfen.

Foxconn erhöht als Konsequenz auf die Selbstmorde die Löhne in seinen Werken in China um 30 Prozent. Die Lohnerhöhung gelte mit sofortiger Wirkung, sagte ein Vertreter des Konzerns am Mittwoch am Sitz der Firma in Taiwan. Foxconn reagiert damit auf Druck seitens seiner Kunden und der Öffentlichkeit. Die prozentual üppige Erhöhung ist möglich, weil Großverdiener unter Foxconns Arbeitern eher selten sind - die meisten gehen mit kleinen dreistelligen Euro-Gehältern im Monat nach Hause. Für chinesische Verhältnisse aber sind das keine Dumpinglöhne. Mit rund einer halben Million Arbeitern gehört Foxconn weltweit zu den größten Arbeitgebern im IT-Sektor.

Vom iPad zum iPhone zum iPad

Auch zur Entstehungsgeschichte des iPads äußerte sich Jobs. Demnach ist die Idee für den Plattrechner sogar älter als das iPhone: Jobs gab das populäre Handy erst in Auftrag, als er den größeren Prototyp eines Tablet-Computers gesehen hatte. "Dann haben wir den Computer zunächst einmal ins Regal getan und uns auf das Handy konzentriert", sagte er. Das iPhone kam 2007 auf den Markt, das größere Gerät unter dem Namen iPad vor zwei Monaten.

Am Anfang sei seine grundsätzliche Idee gewesen, ein Gerät ohne Tastatur zu entwickeln, das sich bequem mit dem Finger bedienen lasse. Es habe sechs Monate gedauert, bis der erste Prototyp vorlag. "Als ich die Bedienung gesehen habe, dachte ich: Daraus kann man wunderbar ein Handy machen", erinnerte sich der Apple-Chef. Sodann schuf er das iPhone und sah, dass es gut war.

Kampf gegen das Flash-Format

Und das auch ohne Adobes Flash-Player, der auf vielen Websites nicht nur zum Videogucken gebraucht wird. Das war angeblich nur eine technische Entscheidung: "Wir haben uns nicht vorgenommen, wegen Flash einen Krieg anzuzetteln", sagte Jobs. "Wir glauben nicht, dass Flash ein gutes Produkt ist." Apple begründet den Schritt unter anderem damit, dass Flash den Prozessor überlaste und die Batterielaufzeit verringere.

Allein das sei ausschlaggebend dafür gewesen, iPhone und iPad einen Flash-Multimediaplayer zu verweigern. Im April hatte Jobs einen offenen Brief veröffentlicht, in dem er das Ende der Flash-Ära prophezeite. Auf der D8 legte er nach: "Flash sieht nach einer Technologie aus, die ihre besten Tage hinter sich hat." Stattdessen zeichne sich HTML5 als neuer Standard ab.

Damit sei Apple wieder mal ganz vorne mit dabei, wie schon bei der Abschaffung von optischen Laufwerken beim MacBook Air oder beim Verzicht auf die Floppy-Disk. Apple beherrsche eben die Kunst des Weglassens: "Die Leute hielten uns für verrückt", so Jobs über die Pioniertaten seines Unternehmens.

Überhaupt, stichelte er weiter gegen Flash-Hersteller Adobe, würden derzeit keine Handys mit Flash ausgeliefert - dass es für Googles Mobilbetriebssystem Android und für Windows Mobile bald schon Flash-Player geben soll, höre er schon seit zwei oder drei Jahren. Dass Flash verzichtbar ist, zeigen Jobs die aktuellen Verkaufszahlen: "Die Leute scheinen das iPad zu mögen. Seit der Einführung haben wir alle drei Sekunden eines verkauft."

"Mein Sexleben ist sehr gut"

Eher widerwillig nahm er Stellung zur immer schärferen Rivalität mit dem Internetkonzern Google . "Sie wollten mit uns konkurrieren. Wir sind nicht ins Suchmaschinengeschäft eingestiegen", gab er dem Wettbewerber die Schuld an der heutigen Eskalation.

Bei der Internetsuche auf dem iPhone bleibt trotzdem alles beim Alten: Jobs wies Spekulationen zurück, nach denen er Google von dem beliebten Smartphone verbannen wolle. "Nein", sagte Jobs knapp auf eine entsprechende Frage.

Die einstigen Partner Apple und Google beharken sich seit Monaten. Das Fass zum Überlaufen brachte Googles Vorstoß auf den boomenden Markt der multifunktionalen Handys, der sogenannten Smartphones. Das iPhone ist Apples Gewinnbringer. In der Branche wurde spekuliert, der Elektronikkonzern könnte sich mit dem Erzrivalen Microsoft verbünden und dessen Suchmaschine Bing auf das iPhone bringen - dieser Plan ist offenbar vom Tablet.

"Nur weil man miteinander konkurriert, muss man nicht grob zueinander sein", sagte er. Google-Manager hatten jüngst bei einer Produktvorstellung mehrere Seitenhiebe gegen Apple losgelassen. Als die Gastgeber der Konferenz, die von einem Blog des "Wall Street Journal" veranstaltet wird, wissen wollten, ob sich Apple von Google betrogen fühle, beendete Jobs die Diskussion mit dem Satz: "Mein Sexleben ist sehr gut."

ore/dpa/AFP

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