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05. Januar 2015, 18:34 Uhr

Fotophänomen

Selfie-Stange - cool oder peinlich?

Von und

Mittlerweile ist sie auch in deutschen Städten zu sehen: die Selfie-Stange, als Armverlängerung zum Sich-selbst-Fotografieren. Die Erfindung des Jahres? Oder nur peinlich? Hier sind wichtige und unwichtige Fragen und Antworten zum Gadget.

Selfie? Stange? Um was geht es hier?

Was ein Selfie ist, dürfte sich herumgesprochen haben - immerhin kürte das Oxford Dictionary den Begriff zum britischen Wort des Jahres 2013. Gemeint sind üblicherweise Porträtfotos, die Smartphone-Nutzer von sich selbst machen - per ausgestrecktem Arm. Ein derartiges Bild ist etwa bei den letztjährigen Oscars entstanden und anschließend um die Welt gegangen:

Die Selfie-Stange, auch bekannt als Selfie-Stick, ist ein Hilfsmittel zum Knipsen solcher Bilder. Mit der Stange, die als Armverlängerung dient, sind Aufnahmen des ganzen Körpers möglich. Auch Sehenswürdigkeiten, Promis und Freunde bekommt man dank der Stange leichter mit aufs Bild.

Wer benutzt Selfie-Stangen?

Eigentlich eignen sich solche Stangen vor allem für Sportler, die sich mit Actionkameras filmen. Die größte Nutzergruppe der Apparaturen dürften aber Touristen sein: in erster Linie Alleinreisende, aber auch Menschen, die in der Gruppe unterwegs sind, wie unsere Bildstrecke zeigt. Vielleicht möchten viele ihre Handys nur ungern einem Passanten in die Hand drücken, wie man es früher freimütig mit dem Fotoapparat getan hat.

Die Selfie-Stange sei gerade dabei, Manhattan zu erobern, schrieb am Freitag die "New York Times". An Silvester sei es kaum möglich gewesen, New Yorks Touristenziele zu begehen, ohne von einer Stange gestupst oder gestoßen zu werden. Überall wurden Selfies gemacht. Auch Sehenswürdigkeiten anderer Städte sind mittlerweile Hochburgen der Stangenfotografie. In Deutschland begegnet man den Selfie-Sticks noch vergleichsweise selten.

Anders als man denken könnte, gibt es neben jungen Leuten auch viele Erwachsene, die Selfie-Stangen benutzen: In zahlreichen Familien scheint die Stange ein beliebtes Weihnachtsgeschenk gewesen zu sein. Ende Dezember präsentierte das Onlinemagazin "The Daily Dot" eine Auswahl von Twitter-Fotos, die stolze Väter beim Ausprobieren ihrer neuen Selfie-Sticks zeigt.

Wo kommen die Stangen her?

Grundsätzlich gilt die Selfie-Stange als asiatisches Phänomen, sie wird aber auch von Firmen aus den USA oder Deutschland angeboten. Seinen weltweiten Durchbruch hatte das Gadget vergangenes Jahr. "The Daily Dot" weist aber darauf hin, dass ähnliche Hilfsmittel schon vor Jahrzehnten beim Fotografieren benutzt wurden. Als Beweis zeigt das Magazin eine Aufnahme von Arnold Hogg. Das Bild aus dem Jahr 1926, das den Mann und seine Frau zeigt, wurde offenkundig mit einer Kamera gemacht, die an eine Stange befestigt wurde. "Arnold Hogg ist der erste Mensch in der aufgezeichneten Geschichte, der das benutzt hat, was wir heute als 'Selfie Stick' bezeichnen", behauptet "The Daily Dot".

Wie funktioniert das Fotografieren?

Die meisten Selfie-Stangen bestehen aus einem rutschfesten Griff, einem Teleskoprohr und einem Schraubgewinde mit Adapter, in den das Smartphone geklemmt wird. Anschließend zieht man das Teleskoprohr in die Länge und drückt den Auslöser am Griff. Der schickt das Signal über Bluetooth an die Kamera. Die Länge des Teleskoprohrs lässt sich variieren, bei manchen Stangen ist mehr als ein Meter Länge möglich. Wer kein Smartphone hat, kann auch seine alte Digitalkamera auf das Gewinde schrauben - dann fällt nur das Auslösen per Bluetooth weg.

Wo kann man die Stangen kaufen?

Im Internet, aber auch im Elektronikhandel und in manchen Ramschläden. Mittlerweile gibt es Selfie-Stangen sogar als Prämien für Zeitschriften-Abos, auch beim SPIEGEL. Die günstigsten Sticks gibt es online für knapp zwei Euro, hochwertigere Modelle kosten im Elektronikladen um die 40 Euro.

Sind Selfie-Stangen nun cool oder peinlich?

Entscheidend ist wohl die Frage, ob man Selfies verachtet oder gelegentlich selbst welche knipst. Wer Selfies hasst, für den ist die künstliche Armverlängerung vermutlich nur der nächste Schritt des Wahnsinns. Im Netz wird die Stange manchmal mit dem Begriff "Narcissistick" umschrieben - einem Mix aus den englischen Begriffen für Narzissmus und Stange. Das Magazin "Time" dagegen zählte den Selfie-Stick kürzlich zu den 25 besten Erfindungen 2014, neben einem smarten Ring und einem Microsoft-Laptop.

In der "Stuttgarter Zeitung" hieß es kürzlich, ein Selfie-Stick sei "wie eine Wünschelrute, mit der der moderne Mensch neue Quellen der Selbstdarstellung erschließt. Das Ego-Labsal zusätzlicher Likes für das auf Facebook hochgeladene Foto entschädigt auch dafür, im realen Leben wie ein stöckchentragender Idiot auszusehen." Einige Wochen zuvor hatte die Zeitung einen Selfie-Stick online als Weihnachtsgeschenk und als "cooles Tool" empfohlen.

Gibt es noch seltsamere Gadgets, um Selfies zu machen?

Oh ja. Etwa eine Kameradrohne, die vom Handgelenk aus losfliegt. Oder eine Selfie-Haarbürste, in die man sein Handy stecken kann.

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