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Sex und Technik "Spannender als jeder Porno - und etwas erschreckend"

Sind erotische Erlebnisse in der virtuellen Realität bald Alltag? Zwei Sexualpädagogen diskutieren über den Sex der Zukunft: über die Schwächen von Liebesrobotern und Eifersucht auf Avatare.

Als Jan Winter die blonde, vollbusige Chantal anfassen soll, kriegt er erst einmal einen Lachanfall. Er hält seine Hände vor sich in die Luft gestreckt - für Außenstehende sieht es aus, als würde er ein Stück Luft streicheln, seine Finger lockern. Winter trägt eine Virtual-Reality-Brille auf dem Kopf, seine HTC Vive wurde mit einem zweiten Gadget kombiniert, einem Leap-Motion-Sensor, der die Bewegungen seiner Finger ins Spiel überträgt.

Chantal, wie Winter sie getauft hat, ist eine digitale Frau aus der App "VR Titties", aber vor allem ein Sexobjekt. Nutzer können sie virtuell betatschen, alternativ können sie sie aus jeder erdenklichen Perspektive anstarren oder ihr einen Klaps geben.

Die Digitalfrau liefert vor allem starke optische Reize, wirklich berühren lässt sie sich nicht. Dafür hat sie jede Menge Grafikfehler. "Wenn sie ihren Mund aufreißt, sieht sie aus wie ein Alien", sagt Winter, "da krieg ich Angst."

Eintauchen in VR-Welten

Jan Winter ist Sexualpädagoge und beantwortet auf seinem YouTube-Kanal "61MinutenSex"  Fragen über Sex - fast 380.000 Abonnenten interessiert das. Bei einem Besuch bei SPIEGEL ONLINE haben wir Winter und die Hamburger Sexualpädagogin Anja Drews  jeweils zum ersten Mal in die Welt des VR-Sex abtauchen lassen, wo Anwendungen wie "VR Titties" zwar oft abstürzen, aber immerhin interaktiv sind.

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Sex-Apps für VR-Brillen: Pixeliges Vergnügen

Foto: VirtualRealPorn

SPIEGEL ONLINE: Frau Drews, Herr Winter, wie groß ist der Unterschied zwischen VR-Sex-Apps und klassischen Pornos?

Anja Drews: Wenn ich mir einen Porno anschaue, bin ich nur Konsument. Ich interagiere nicht. Als ich die VR-Brille aufgezogen habe, stand eine Frau vor mir, ich habe mich nicht mehr allein gefühlt. Sie hat mich direkt angeschaut und mit ihrem Blick im Raum verfolgt. Das ist realer, spannender als jeder Porno - und etwas erschreckend. Ich befürchte, dass Menschen durch solche VR-Sex-Anwendungen in ihren sozialen Beziehungen verarmen.

Jan Winter: Solche Bedenken gab es beim Aufkommen jeder technischen Neuerung. Jedes Mal führen wie die Diskussion, wie nah die neue Technik an die Realität kommt. Wenn man die Technik dann benutzt, merkt man, dass es tatsächlich neue Impulse gibt - aber dass die Technik nie an eine menschliche Beziehung herankommt.

Drews: Ich könnte mir vorstellen, dass Pornos mit VR-Komponente für einige Menschen noch stärker zum Beziehungsersatz werden. Die Figuren wirken so real.

SPIEGEL ONLINE: Wenn in Zeiten von VR auch Pornos realer wirken, birgt das aber auch für Paarbeziehungen Konfliktpotenzial, oder?

Winter: In Beziehungen kracht es nicht, weil jemand einen Porno schaut. Da hapert es an der Kommunikation. Viele Deutsche haben verstanden, dass Selbstbefriedigung eine eigenständige Form der Sexualität ist. Da ist es auch egal, wenn sie in den virtuellen Raum abwandert und mit einem real wirkenden Avatar passiert.

Zur Person: Anja Drews und Jan Winter
Foto: SPIEGEL ONLINE

Autorin und Diplom-Sexualpädagogin Anja Drews  stellt sich in ihrer Arbeit seit vielen Jahren Fragen rund um Liebe und Sexualität und sagt: "In der Liebe gibt es nichts, was es nicht gibt."

Sexualpädagoge Jan Winter  klärt auf seinem YouTube-Kanal 61 Minuten Sex  seit 2010 eine junge Zielgruppe direkt und unaufgeregt auf.

SPIEGEL ONLINE: Man sollte als Partner also nicht auf einen Avatar eifersüchtig sein?

Winter: Das Verständnis eines Außenstehenden für die Erfahrung in VR ist vermutlich viel geringer, denn ich sehe nicht, was in der Brille passiert. Diese Ungewissheit könnte für Paare schon zum Problem werden und zu starken Abwehrreaktionen führen.


Info: Tatsächlich streiten schon heute viele Paare darüber, wie viel Technik ins Schlafzimmer gehört: etwa darüber, ob das Smartphone neben das Nachtlicht gehört, darüber, ob man es zum Schlafen oder beim Sex nicht ganz ausstellen sollte. Bei der Selbstbefriedigung dagegen ist Technik für viele Menschen mindestens ein notwendiges Übel: Wer beispielsweise Internetpornos schauen will, braucht eben ein Gerät dafür.


SPIEGEL ONLINE: Wie stark wird Technik künftig das Sexleben prägen?

Drews: Ich beobachte zwei gegenläufige Trends. Zum einen ist Sexualität gerade bei jungen Menschen stark an Zweisamkeit gekoppelt. Was man allein macht, wird dagegen immer stärker technisiert, vom Porno aus dem Netz bis hin zu Gadgets wie vernetzten Vibratoren.

Winter: Wir benutzen die Technik aber immer nur als Helfer. Das Wesentliche muss in einem selbst passieren. Man muss sich seine eigene Lust erlauben, auch mal loslassen können.

Drews: Aber genau das wird immer schwerer. Sex bekommt ein cleanes Image. Früher hieß es: Ich darf nicht, will aber. Heute gilt: Man muss wollen. Wir hören ständig, wie gesund Sex ist. Sex steht nicht mehr für sich, er hat das Dranghafte verloren.

Winter: Technik könnte unseren Optimierungswahn verstärken. Wir denken heute schon: Alles muss beim Sex genau so sein, wie ich mir das vorstelle. Dabei sind oft nicht mal mehr eigene Fantasien im Spiel, sondern das, was ich in Pornos gesehen habe.


Info: Um Fantasien auszuleben, bieten Apps wie "VR Titties" neue Möglichkeiten. So kann man sein - bisher stets weibliches - Gegenüber nach seinen Wünschen gestalten. Man kann etwa die Brust- und die Pogröße sowie den Taillenumfang festlegen, ebenso die Kleidung, die auf Knopfdruck schnell wieder verschwindet. Durch die VR-Brille betrachtet, wirkt die Frauenfigur später sehr präsent - ein Eindruck, der sich mit Screenshots allein schwer vermitteln lässt.


SPIEGEL ONLINE: Noch sind die meisten VR-Sex-Apps unfertig wirkende Prototypen (siehe Video). Welches Potenzial bieten die Programme?

Winter: Noch sind allein die schweren VR-Brillen ein Abturner, das muss alles noch einfacher werden. Andererseits bietet VR zum Beispiel für die Aufklärungsarbeit tolle Perspektiven. Ich arbeite selbst schon an entsprechenden Konzepten.

Drews: Das Potenzial ist groß. Ich stelle mir gerade vor, ich fahr mit der S-Bahn nach Hause, setze mir die VR-Brille auf, und sitze plötzlich in einer Limousine mit einem attraktiven Gegenüber.

Winter: Solange du in der S-Bahn nicht zu masturbieren anfängst, und um dich rum zehn Leute sind, die keine Brille aufhaben, wäre das ja kein Problem.


Info: Außer an Sex-Software für VR-Brillen arbeiten Tech- und Lifestyle-Firmen derzeit auch an Liebesrobotern. Sie sind größtenteils ebenfalls noch lange nicht marktreif: Aber die Vision vom immer geilen, menschenähnlichen Roboter, bei denen man auch körperlich etwas fühlt, fasziniert viele Entwickler.


SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Sex-Roboter in absehbarer Zeit im Alltag ankommen?

Drews: Ich finde die Vorstellung merkwürdig, mit einer Puppe zu leben. Überhaupt, Sex mit Robotern - was ist das für ein Sex? Für Sex braucht es ja mehr als ein Duracell-Männchen, das ein bisschen Rein-Raus macht. Und ein Sexroboter, egal wie lebensecht, wird nie mit mir lachen können.

Winter: Das weißt du nicht. Die Technik entwickelt sich so schnell, vielleicht ist das bald möglich, dank künstlicher Intelligenz etwa. Mit der Rechenpower, die in Smartphones steckt, sind sie einst zum Mond geflogen.

Drews: Sex mit einem Sexroboter ist meiner Meinung nach trotzdem kein richtiger Sex: Die Beziehungsdimension fehlt da völlig. Ich würde mir daher wünschen, dass der Sex der Zukunft nicht so technisch wird.

SPIEGEL ONLINE: Kann nachgeahmter Sex den realen jemals ersetzen?

Winter: Nein, unmöglich. Wir wollen es uns etwa in VR einfach machen. Je realistischer der Sex wird, den wir in VR haben können, desto mehr Menschen werden merken, dass sie diese Art des Realismus gar nicht wollen. Denn echter Sex ist kompliziert. Und wenn der VR-Sex ihm ähnlich wird, heißt das, dass auch er immer komplizierter wird.

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