Neue Smartglasses Ich sehe was, was du nicht siehst

Auf der CES zeigt Bosch, was die nächste Generation smarter Brillen für den Alltag können soll - und was lieber nicht. Unser Reporter hatte bereits einen Prototypen auf der Nase.
Aus Las Vegas berichtet Matthias Kremp
So oder ähnlich könnten Datenbrillen mit Boschs Technik einmal aussehen. Für das Foto hat sich unser Redakteur ein funktionsloses Modell aufgesetzt. Es sah einfach besser aus als der funktionierende Prototyp.

So oder ähnlich könnten Datenbrillen mit Boschs Technik einmal aussehen. Für das Foto hat sich unser Redakteur ein funktionsloses Modell aufgesetzt. Es sah einfach besser aus als der funktionierende Prototyp.

Foto: Matthias Kremp

Datenbrillen? Da war doch was.

Jahre nach Googles gescheitertem Versuch, ein solches Gadget populär zu machen , und mit anderem Fokus als komplizierte und schwere Produkte wie Microsofts HoloLens , startet nun Bosch einen Versuch, Hightech-Brillen zur Massenware zu machen. Der Ansatz des Unternehmens: Die technischen Funktionen bewusst einschränken - dafür sollen die aufgerüsteten Brillen kaum von normalen Brillen zu unterscheiden sein.

Nur etwa 40 Gramm werden die angedachten Geräten wiegen, sagte Bosch-Manager Lucas Ginzinger dem SPIEGEL auf der Technikmesse CES. Die Akkulaufzeit werde "locker" 14 Stunden oder mehr erreichen, durch den Tag würde man damit also kommen. 

Zudem soll die Technik in ganz normale Brillen mit Korrekturgläsern eingebaut werden. Damit wären - so hofft man bei Bosch - alle Menschen, die im Alltag Brillen benötigen, potenzielle Nutzer. Andere Interessierte könnten sich ungeschliffene Gläser oder Sonnenbrillengläser einsetzen lassen, auch damit soll Boschs System funktionieren.

Mit dem Laser direkt ins Auge 

Das System wirkt wie eine Mischung aus uralter und hochmoderner Technik. Das Bild wird von winzigen Lasern erzeugt, die in den Bügel der Brille eingebaut sind. Die Laserstrahlen treffen im Brillenglas auf eine sogenannte holografische Folie, die sie in einem klar definierten Winkel so reflektiert, dass sie direkt auf die Retina treffen.

Dieses Technikmodul steckt im Bügel der Bosch-Brille

Dieses Technikmodul steckt im Bügel der Bosch-Brille

Ohne Optiker geht das nicht

Damit das klappt, muss die Brille von einem Optiker angepasst werden, der dazu beispielsweise den Augenabstand vermisst. Exakt so wie gedacht wird eine solche Datenbrille also immer nur bei demjenigen funktionieren, an den sie angepasst wurde.

Angst vor Augenschäden müsse man wegen der Lasertechnik nicht haben, sagt Ginzinger. Die Leistung der Laser sei dafür viel zu niedrig. 

Die Brille, die ich mir auf der CES auf die Nase setzen lasse, ist ein vergleichsweise klobiger Prototyp. Um das System auf der Messe möglichst vielen Menschen zeigen zu können, haben die Ingenieure eine modulare Brille entwickelt, die sich durch den Austausch einiger Teile grob an den jeweiligen Brillenträger anpassen lässt. Bei kommerziellen Modellen müsste diese Arbeit ein Optiker übernehmen.

Der Prototyp der Bosch-Brille kann nicht verhehlen, dass er nicht für öffentliche Auftritte geeignet ist

Der Prototyp der Bosch-Brille kann nicht verhehlen, dass er nicht für öffentliche Auftritte geeignet ist

Foto: Matthias Kremp

Die Prozedur dauert knapp zehn Minuten, dann kann ich die Datenbrille zum ersten Mal aufsetzen. Der Effekt ist ganz anders als etwa bei Microsofts HoloLens oder Google Glass. Das Bosch-Modell fühlt sich wie eine normale Brille an, sie beschränkt den Blick nicht, wenn man sie trägt. Erst als mir eine Nachricht eingespielt wird, merke ich überhaupt, dass hier etwas anders ist.

Der Text steht genau in der Mitte meines Blickfeldes, sodass ich ihn lesen kann, ohne die Blickrichtung meiner Augen zu verändern. Mein Gegenüber würde es also gar nicht bemerken, wenn ich mitten in der Unterhaltung einen Hinweis eingeblendet bekäme und lesen würde. Bei einer Google Glass beispielsweise war das anders, dort musste man stets nach oben schauen, was auffiel. 

Überschaubarer Nutzen

Und noch etwas bemerke ich. Während ich etwa bei Microsofts HoloLens immer den Eindruck hatte, in mein Blickfeld würde ein kleiner Bildschirm eingeblendet, stehen die Buchstaben und Zeichen bei Boschs Brille einfach im Raum.

Viel mehr als Texte und Symbole gibt es aber auch nicht zu sehen. Von dem, was man gewöhnlich als Augmented Reality bezeichnet, ist das weit entfernt. Das sei jedoch bewusst so gemacht worden, sagt Ginzinger. Nur so sei die gute Akkulaufzeit erreichbar und nur so lasse sich das System unauffällig in den Alltag einbinden.

So ungefähr kann man sich vorstellen, was dem Nutzer von der Datenbrille ins Blickfeld eingeblendet wird

So ungefähr kann man sich vorstellen, was dem Nutzer von der Datenbrille ins Blickfeld eingeblendet wird

Foto: marog-pixcells

Wenn man so will, ist diese Idee die Fortführung dessen, was mit den Smartwatches begonnen hat. Während Smartwatch-Nutzer nicht mehr aufs Handy, sondern auf die Uhr schauen, um neue Nachrichten zu lesen, werden Smartglasses-Träger künftig nicht mal mehr das tun. Sie bekommen Mitteilungen einfach direkt ins Auge projiziert.

Bloß keine Kamera

Während der Prototyp einfach nur eine Brille ist, könnten kommerzielle Smartglasses mit Boschs Technik noch zusätzliche Funktionen haben. So gehören zu Boschs Angebot auch Sensoren, die zum Beispiel genutzt werden könnten, um Funktionen der Brille durch Antippen des Brillengestells zu steuern. Außerdem könnten Hersteller Mikrofone und Kopfhörer integrieren, um die Brille auch zum Telefonieren nutzbar zu machen.

Nur vom Einbau einer Kamera raten Boschs Entwickler ab. So etwas könnte von anderen als Eingriff in ihre Privatsphäre gesehen werden, heißt es, und tatsächlich war die eingebaute Kamera einer der großen Kritikpunkte an der Google Glass.

Es geht noch mehr

Selbst als Brillenhersteller in den Markt einsteigen will Bosch nicht. Die Entwicklung, das Design und die Vermarktung der neuen Technik wolle man anderen Unternehmen überlassen, sagt Ginzinger. Der Konzern selbst verdiene dann an den Lizenzgebühren. Man sei mit Interessenten im Gespräch, dürfe aber noch nicht verraten, welche Firmen das sind.

Neben traditionellen Brillenherstellern könnten dazu auch branchenfremde Unternehmen gehören, Hersteller von Smartphones oder Kopfhörern beispielsweise. 

Wie teuer Brillen mit der von Bosch auf der CES gezeigten Technik sein werden, wenn die ersten Modelle Mitte 2021 auf den Markt kommen, ist unklar. Lucas Ginzinger schätzt, dass die Preise unter 1000 Euro liegen werden, vielleicht auch deutlich darunter. Die Preisgestaltung liege letztlich bei den Herstellern, die Boschs Technik lizenzieren. Es ist aber wohl realistisch anzunehmen, dass es zuerst Premiumanbieter sein werden, die solche Brillen anbieten.

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