Smartphone-Allianz "Nokiasoft" startet verzweifelte Aufholjagd

Gleich und gleich gesellt sich gern: Microsoft und Nokia haben den Smartphone-Trend verschlafen - jetzt wollten die Konzerne gemeinsam verlorenes Terrain zurückerobern. Analysten bezweifeln, dass das funktioniert.
Nokia-Smartphone: Keine Aussicht auf Erfolg mit dem eigenen System

Nokia-Smartphone: Keine Aussicht auf Erfolg mit dem eigenen System

Foto: LUKE MACGREGOR/ Reuters

Die Gerüchte haben sich bewahrheitet, Nokia verbandelt sich mit Microsoft. Der weltgrößte Handy-Hersteller und das weltgrößte Software-Unternehmen wollen nach eigenen Angaben die "Marktführerschaft bei Smartphones" zurückgewinnen. Die Versprechen sind gewaltig: Die beiden Neu-Partner versprechen ein Mobilfunk-Ökosystem von unerreichtem globalen Ausmaß, die Bündelung ihrer Kräfte bei der Hardware- und Software-Entwicklung.

Drum wird heftig getrommelt bei "Nokiasoft" - bislang aber erntet der Zusammenschluss mehr Häme als Anerkennung. Ein Twitter-User kommentiert: "Die Schlacht wird auf Nokias brennende Plattform verlegt." An der Börse wurde der Zusammenschluss zunächst skeptisch aufgenommen: Die Nokia-Aktie verlor zeitweise zehn Prozent an Wert, die Microsoft-Aktie veränderte sich im Vergleich zum Vortag kaum.

Die Reaktionen haben einen Grund: Der Zusammenschluss der beiden Giganten ist weniger eine Allianz der Starken als die Schicksalsgemeinschaft zweier wankender Riesen. "Diese Partnerschaft gründet auf der Angst beider Seiten, von Apple und Google an den Rand gedrückt zu werden", sagt Analyst Geoff Blaber von CCS Insight. "Sie tun, was sie können, um ihre verbleibenden Marktanteile zu retten", sagt Gartner-Analystin Carolina Milanesi SPIEGEL ONLINE.

Trends verschlafen

Tatsächlich haben beide Firmen in den letzten Jahren Trends verschlafen, Innovationen verschleppt - und sich durch diese Versäumnisse nach und nach selbst aus dem lukrativen Geschäft mit den Smartphones gekegelt.

Nokia etwa hielt Touchscreen-Handys lange für überbewertet, sah im iPhone ein Nischenprodukt und hatte dann Mühe, mit mehr als einem Jahr Verspätung endlich auch auf den Touchscreen-Zug aufzuspringen. Das dann aber auch nur halbherzig mit einem Symbian-Betriebssystem, das Apples Betriebssystem iOS und Googles Variante Android hoffnungslos unterlegen ist - ein Rückstand, den Nokia bis heute nicht aufholen konnte. Immer noch basiert Symbian auf schichtweise übereinandergelegten Menüstrukturen, mit tief verschachtelten Ordnern. Die sind zwar mittlerweile etwas einfacher per Finger bedienbar, aber immer noch nicht einfach zu durchschauen.

Auch Microsoft unterschätzte den Smartphone-Markt. Computer-Handys würden in erster Linie Business-Handys werden und nicht spaßige Gadgets für jedermann, prophezeite der Software-Riese. Viel zu spät entschied er, sein veraltetes Windows CE abzuwerfen und mit Windows Phone 7 eine komplett neue Smartphone-Plattform mit Zuschnitt auf Privatanwender zu entwickeln. Das Resultat ist ein Betriebssystem mit viel Potential - aber noch immer wenigen Funktionen.

Rapider Verlust von Marktanteilen

Die Versäumnisse rächten sich bitter. Während die Margen regulärer Handys immer kleiner werden, wächst der ungleich ertragreichere Smartphone-Markt rasant. Allein im vergangenen Jahr stiegen die Absätze um 72 Prozent. Knapp jedes fünfte Mobiltelefon war Ende vergangenen Jahres ein Smartphone.

Nokia und Microsoft verlieren in diesem Zukunftsmarkt rapide an Boden. Obwohl Nokia im Vergleich zum Vorjahr mehr Handys verkaufte, schrumpfte sein Marktanteil von 36,4 auf 28,9 Prozent, teilte das Marktforschungsunternehmen Gartner mit. Symbians Anteil am Weltmarkt ging im selben Zeitraum von 46,9 auf 37,6 Prozent zurück.

Auch Microsoft ist weit abgeschlagen: Im vierten Quartal 2010 wurden gerade zwei Millionen Handys mit Windows Mobile 7 an den Handel geliefert. Wie viele davon verkauft wurden, ist unklar. Weltweit kommt das Mobilfunk-Windows auf einen Anteil von 4,2 Prozent. Androids Anteil kletterte im selben Zeitraum von etwas mehr als drei auf 22,7 Prozent.

Mit ihrer Allianz wollen die Konzerne nun wieder konkurrenzfähig werden. Doch Analysten sind skeptisch. "Es ist eine Kooperation mit vielen Fragezeichen", sagt der Nokia-Analyst Robert Jacobsen von der Jyske Bank SPIEGEL ONLINE.

Was taugt die Allianz - und wer profitiert von ihr am meisten? Eine Analyse der wichtigsten Punkte.

Fragwürdige Smartphone-Strategie

Unter all den Punkten, die Microsoft und Nokia mit Blick auf ihre neue Allianz aufzählen, ist die neue Smartphone-Strategie der wichtigste. Ausgerechnet auf Microsofts Betriebssystem Windows Mobile will Nokia im Smartphone-Bereich umsteigen. "Das ist die Offenbarung, dass Nokia mit seiner Plattformstrategie auf ganzer Linie gescheitert ist", sagt Geoff Blaber von CCS Insight.

Für Microsoft ist die Allianz ein Vorteil. Der Konzern gewinnt für sein Betriebssystem einen gewaltigen Endgeräteabnehmer. Für die Finnen hat die Kooperation einen großen Nachteil: Sie geben einen großen Teil ihrer Eigenständigkeit auf.

Bisher zeichneten sich Nokias Produkte oft dadurch aus, dass sie etwas anders als die der Konkurrenz waren. Ein Nokia war immer als ein solches erkennbar, die Finnen haben ihren Stil gefunden. Ein Vorteil, den die Entwicklung von Software und Hardware im selben Haus mit sich bringt.

Nokias Windows-Phone-7-Handys dürfte diese Eigenständigkeit abhandenkommen. Schließlich hat Microsoft klare Vorgaben, welche Hardware in einem Windows-Handy stecken muss. Vorgaben, an die auch Nokia sich wird halten müssen, was vor allem Zulieferer wie Chip-Hersteller Qualcomm freuen dürfte.

Zudem werden Nokia-Smartphones durch den Umstieg auf Windows zwei ihrer herausragenden Merkmale verlieren. Zum einen, dass jeder Nokia-Nutzer jedes neue Nokia quasi blind und ohne Anleitung bedienen kann. Zum anderen, dass Nokia Smartphones bis unter den Deckel mit Funktionen vollgestopfte Schlachtschiffe sind, denn vieles von dem, was etwa ein Nokia N8 kann, lässt sich mit Windows Phone 7 noch gar nicht umsetzen.

Experten erwarten lange Phase des Zusammenwachsens

Mit der neuen Smartphone-Allianz soll ein neues Ökosystem entstehen, das das Beste aus beiden Welten verbindet. Wie das genau aussehen soll, erklärt "Nokiasoft" nur sehr schwammig: Dienste wie Ovi Maps, vielsprachige Anwendungen und Kamerafunktionen sollen Microsofts Betriebssystem aufmotzen; umgekehrt soll Microsofts Suchmaschine Bing auf allen Nokia-Handys installiert werden.

Für Microsoft ist das ein lukrativer Deal: Er steigert die Reichweite für seine Werbeplattform adCenter um ein Vielfaches - und hat durch die Mitnutzung von Ovi Maps eine handfeste Grundlage, ortsbezogene Werbeformate zu entwickeln - ein Markt, der in den kommenden Jahren stark wachsen wird. "Wenn es einen Gewinner dieser Allianz gibt, dann Microsoft", sagt Jacobsen von der Jyske Bank.

Andererseits bindet sich Microsoft durch die Kooperation stark an Nokia. "Nokia-Handys werden künftig besser auf Windows Mobile abgestimmt sein als die Handys der Konkurrenten", sagt Gartner-Analystin Milanesi. "Firmen wie HTC, LG oder Samsung werden sich das nicht bieten lassen - und sich von Microsoft abwenden."

Doch bis aus Nokia-Hard- und Software und Microsofts Betriebssystem kohärente Produkte entstehen, dürfte viel Zeit vergehen. "Die Software muss kompatibel gemacht werden, dann müssen Geräte entwickelt werden, auf denen das neue System läuft - und dann müssen noch Verhandlungen mit Netzbetreibern geführt werden", sagt Jacobsen. "Bis etwas Konkurrenzfähiges entsteht, können bis zu zwei Jahre vergehen."

Mit Blick auf den Smartphone-Markt sei das ein quälend langer Zeitraum. Die Konzerne dürften auf absehbare Zeit weiter Marktanteile verlieren. Milanesi drückt es noch drastischer aus: "Wenn Microsoft und Nokia bis Jahresende kein vorzeigbares Gerät entwickeln, dann sieht es sehr, sehr schlecht aus."

Letztes Aufbäumen im Markt der Billig-Handys

Auch wenn Nokia sich seine Smartphone-Software nun von Microsoft zuliefern lassen will: Symbian wird nicht aufgegeben. Zusätzlich zu den laut Nokia bisher ausgelieferten 200 Millionen Symbian-Handys will der Konzern in den nächsten Jahren weitere 150 Millionen Geräte verkaufen.

Und zum ersten Mal will der Konzern seine Symbian-Software auch an Dritthersteller lizenzieren. Ein verlockendes Angebot vor allem für manche asiatische Billig-Handy-Produzenten, die ihrer 08/15-Hardware auf diese Weise ein vor allem in Europa und Afrika wohlbekanntes Antlitz geben und von der Marke Nokia profitieren könnten.

Gerade diese Billiganbieter fressen schon jetzt Nokias Marktanteile - mit der Lizenzierung von Symbian versuchen die Finnen also, der wachsenden Konkurrenz zumindest noch ein wenig Geld abzuknöpfen.

Manche Experten sind allerdings skeptisch, wie groß die Nachfrage letztlich sein wird. Symbian wurde bereits vor gut einem Jahr zur Open-Source-Plattform weiterentwickelt - zu einem System, das von Entwicklern frei ausgebaut werden kann. "Bislang hat diese Umstellung nicht gerade großen Anklang gefunden", sagt ein Londoner Analyst. "Gut möglich, dass Nokia selbst bei der Lizenzierung gegenüber anderen Konkurrenten den kürzeren zieht."

Wie lange sich durch Lizenzenvergabe noch Geld verdienen lässt, ist ohnehin fraglich. Bei den aktuellen Wachstumsraten wird es nicht mehr lange dauern, bis der Markt der sogenannten Features-Phones, der Billig-Handys, zur Bedeutungslosigkeit verkümmert.

Von Android überholt

An die Stelle der Feature-Phones werden künftig Billig-Smartphones treten. Die Branche arbeitet bereits daran. Chip-Hersteller Broadcom etwa hat bereits Chips angekündigt, mit denen sich für weniger als 100 Dollar ein Smartphone bauen lasse. Es sei "schwer vorstellbar, warum in zwei Jahren noch jemand Nicht-Smartphones im Angebot haben sollte", orakelte Branchenexperte Horace Dediu kürzlich.

Billig-Smartphones aber dürften weder besonders oft mit Symbian und schon gar nicht mit Windows Phone 7 laufen. Gerade in diesem Bereich wird Googles Android glänzen, denn es kostet die Hersteller fast nichts und kann auch an einfache Hardware angepasst werden.

"Binnen etwa zwei Jahren wurde mit Android eine Plattform geschaffen, die Anwendungsentwickler, Telekomfirmen und Gerätehersteller anzieht", schreib Nokia-Boss Stephen Elop selbst in einem Brief an seine Mitarbeiter. Android habe bei teuren Smartphones angefangen. "Nun gewinnen sie das mittlere Preissegment - und bald werden sie auch bei Geräten unter 100 Dollar angekommen sein."

Gut möglich, dass die Smartphone-Revolution den Billig-Handy-Markt so schnell auffrisst, dass Nokia über Lizenzen noch nicht einmal mehr die Investitionen wieder hereinholt, die man in die Entwicklung von Symbian gesteckt hat.

Düstere Aussichten auf dem App-Markt

Auch auf einem anderen Zukunftsmarkt haben Nokia und Microsoft den Anschluss verpasst. 8,2 Milliarden der Software-Progrämmchen haben Smartphone-Besitzer 2010 heruntergeladen, schätzt Gartner. Geschätzte Einnahmen durch den Verkauf der Anwendungen und Werbung in den Apps: Rund 5,2 Milliarden Dollar; 2011 sollen die weltweiten Einnahmen auf 15,1 Milliarden Dollar wachsen.

Nokia und Microsoft sind in diesem Zukunftsmarkt schon jetzt abgehängt: 90 Prozent der diesjährigen Einnahmen gingen auf Apples Konto. Microsofts Marketplace und Nokias Ovi Store fallen kaum ins Gewicht.

Auch die Wachstumsperspektiven sind schlecht. Zwar werden ihre beiden App-Läden nun verschmolzen. Doch das bedeutet zunächst nur eins: Symbian wird als App-Plattform langsam sterben, da das Betriebssystem in Smartphones kaum mehr eingesetzt wird.

"Einige fähige App-Entwickler könnten dadurch für den Windows Marketplace gewonnen werden", sagt Gartner-Analystin Milanesi. "Genauso gut könnten sie aber auch zu Googles oder Apples Plattformen abwandern."

Fazit: Zwei Hennen machen noch keinen Adler

Auch wenn Microsoft und Nokia mit ihren Presseerklärungen jetzt vorpreschen: Schnelle Veränderungen sollte man nicht erwarten. In den letzten Jahren hatte es bei Nokia immer wieder Verzögerungen bei der Entwicklung neuer Smartphones gegeben. Zuletzt mussten Einführungsdaten der Nokia-Top-Modelle N8 und E7 mehrfach nach hinten verschoben werden.

Weil die Entwicklung neuer Highend-Smartphones dem Konzern also offenbar viel Kraft abverlangt, ist kaum vor Ende des Jahres mit einem Windows-Nokia zu rechnen, wahrscheinlicher aber erst 2012. Außer natürlich, wenn die Finnen heimlich schon vorgearbeitet hätten. Die Vorstellung eines Nokia-Smartphones mit Windows Phone 7 an Bord jedenfalls, wäre sicher eines der Highlight-Themen auf dem Mobile World Congress, der nächste Woche in Barcelona beginnt. Wahrscheinlich aber ist das nicht.

Und selbst wenn, was könnte ein solches Handy bieten, das die anderen nicht längts haben? Nichts. Mit dem Betriebssystem von Google hätte Nokia eine wesentlich mächtigere Waffe besessen.

Vielleicht hätte Nokia auf Eldar Murtazin, Chefredakteur der etablierten russischen Gadget-Website mobile-review, hören sollen. Der deklarierte die Allianz bereits als wirkungslos, als sie erst gerüchtehalber kolportiert wurde. Um seine Meinung zu untermauern, zitierte er ausgerechnet einen Nokia-Manager, der die Fusion von Siemens Mobile mit BenQ mit diesen Worten kommentierte:

" Wenn man zwei Hennen zusammenbringt, wird daraus noch lange kein Adler."

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