Aufklärung von Autounfällen Wenn das Handy ins Röhrchen pustet

Wer am Steuer auf dem Handy tippt, ist abgelenkt. Die New Yorker Polizei könnte bald Geräte von Unfallfahrern daraufhin untersuchen, ob sie kurz zuvor benutzt worden sind. Eine umtriebige Firma bietet schon die technische Lösung an.
Handy am Steuer (Symbolbild)

Handy am Steuer (Symbolbild)

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ picture alliance / dpa

Auf dem Heimweg vom Büro schnell via WhatsApp mit der Freundin klären, ob zu Hause noch Lebensmittel fehlen, und schon ist es passiert: Der Vordermann hat gebremst, der mit seiner Liebsten textende Fahrer hat's nicht bemerkt und schon ist der Auffahrunfall da. Aus diesem Grund ist die Nutzung von Smartphones und Tablets am Steuer streng verboten.

Um im Nachhinein festzustellen, ob Unfallbeteiligte möglicherweise abgelenkt waren, weil sie auf dem Handy tippten, und damit zumindest eine Teilschuld tragen, müssten die Geräte auf ihre Nutzung überprüft werden.

Bislang war das nicht ohne weiteres möglich. Doch die israelische Tech-Firma Cellebrite besitzt ein Technikkonzept, das Polizisten die Ermittlung und Analyse von Computerdaten im Außeneinsatz ermöglichen soll. Unter dem Namen UFED Field verbirgt sich ein Tool, mit dem Daten aus angeschlossenen Geräten extrahiert  und untersucht werden können.

Cellebrite bewirbt sein Produkt  tatsächlich für diesen Zweck. Der erfährt gerade besondere Aktualität durch einen Gesetzesvorschlag, der im Senat des US-Bundesstaates New York  eingebracht wurde. Die Initiative sieht vor, dass unfallbeteiligte Fahrer im Rahmen der polizeilichen Kontrolle ihre Smartphones auf etwaige Nutzung unmittelbar vor dem Crash untersuchen lassen.

Wer sich der Überprüfung verweigere, könnte sogar seinen Führerschein verlieren. Damit soll verhindert werden, dass Autofahrer durch Handynutzung am Steuer abgelenkt werden und Unfälle verursachen, die oft Verletzte oder gar Tote zur Folge haben.

Ähnliche Beeinträchtigungen wie Alkohol

Die Senatspolitiker haben dabei mit der Betroffenenorganisation Distracted Operators Risk Casualties (DORCs, etwa "Abgelenkte Fahrer riskieren Opfer") zusammengearbeitet, die sich der Bekämpfung dieser Unfallursache widmet. DORCs-Mitgründer Ben Lieberman, dessen 19-jähriger Sohn 2011 von einem abgelenkten Autofahrer getötet worden war, erklärte, es sei Zeit zu erkennen, dass die Benutzung eines Handys am Steuer zu ähnlichen Beeinträchtigungen führe wie Alkohol. Daher solle dieses Verhalten auch gleich behandelt und bestraft werden.

"Die breite Öffentlichkeit weiß um die Problematik der Handynutzung am Steuer", so Lieberman, "doch wenn die Leute wüssten, welchen Schaden dieses Verhalten anrichtet, wären sie erstaunt."

Die Gesetzesinitiative trage dabei dem besonderen Wert Rechnung, den die US-Verfassung dem Schutz der Privatsphäre zumisst. Der Alkotester fürs Handy soll daher auf keine persönlichen Daten des Nutzers zugreifen. Der Inhalt von Chats bleibt ebenso unberührt wie Telefonnummern, Fotos oder E-Mails, er solle nur ermittelt werden, ob das Telefon kurz vor dem Unfallzeitpunkt in Gebrauch war. Ob es dafür einen Zugriff auf die ebenfalls sensiblen Metadaten bedürfte, ist eine von vielen offenen Fragen bei diesem Projekt.

Riskantes Verhalten, aber wenig Einsicht in Deutschland

Die Firma Cellebrite, die angeblich dem FBI kürzlich beim iPhone-Hack geholfen hat, arbeite im Bereich der Untersuchung von Digitalgeräten im Außeneinsatz schon seit Jahren mit der Polizei zusammen, sagte Unternehmenschef Jim Grady dem Technik-Portal "Ars Technica". Er freue sich darauf, "DORCs und die Strafverfolgungsbehörden sowohl in New York als auch im ganzen Land dabei zu unterstützen, Handynutzung am Steuer einzudämmen".

Auch in Deutschland tippen viele Autofahrer unterwegs in die Smartphone-Tastatur oder lesen Nachrichten. Aktuellen Zahlen zufolge hantiert jeder zwanzigste Fahrzeuglenker mit seinem Smartphone oder Tablet, anstatt die Augen aufs Verkehrsgeschehen zu richten. Der NDR berichtete am Montag von einer entsprechenden, noch unveröffentlichten Studie der Technischen Universität Braunschweig . Im Vergleich zu anderen Ländern sei das eine "alarmierend hohe Rate von Tippen während der Fahrt".

Zur Bekämpfung dieses riskanten Verhaltens setzen deutsche Verkehrspolitiker allerdings noch auf traditionelle Mittel der Abschreckung wie Geldbußen. Das schon bestehende Verbot der Handynutzung am Steuer könnte allerdings demnächst weiter verschärft werden. Die 60 Euro Bußgeld scheinen die Einsicht unter Autofahrern noch nicht im gewünschten Ausmaß gefördert zu haben.