Smartphone-Hersteller Palm Die gespenstische Zuversicht des Jon Rubinstein

Wird Palm verkauft? Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kommentiert Unternehmenschef Jon Rubinstein die hartnäckigen Marktgerüchte - und redet sich die Lage schön, auch wenn die Firma im Handymarkt hoffnungslos abgehängt scheint. Doch sein Stuhl wackelt.

Palm-CEO Jon Rubinstein: Begnadeter Ingenieur, glückloser Firmenlenker
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Palm-CEO Jon Rubinstein: Begnadeter Ingenieur, glückloser Firmenlenker

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Die Hoffnungen, die Palm in Jon Rubinstein setzte, waren groß. Vor gut anderthalb Jahren holte das Unternehmen Chart zeigen den ehemaligen Apple-Mann aus der Frührente. Einst für die Entwicklung des iPods verantwortlich und Intimus von Apple-Chef Steve Jobs, war Rubinstein längst Millionär der Dotcom-Blase und lebte zurückgezogen in einer Villa an einem malerischen mexikanischen Strand.

Aus dieser Idylle holte ihn Palm zurück ins Business-Leben. Rubinstein wurde Chefentwickler für eine neue Generation Smartphones. Ihm traute man zu, die damals schon strauchelnde Firma wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Vor gut einem halben Jahr wurde Rubinstein zum Firmenchef befördert.

Doch alles Hoffen nützte nichts. Palm steht noch immer am Abgrund, und Rubinstein strahlt inzwischen vor allem eins aus: eine fast gespenstische Zuversicht, während sich um ihn herum das Universum aufzulösen scheint.

Seit Wochen halten sich Gerüchte, Palm wolle sich selbst zum Verkauf anbieten. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE will Rubinstein das weder bestätigen noch dementieren. "Palm ist ein börsennotiertes Unternehmen", sagt er gleichmütig. "Wenn jemand dem Aufsichtsrat ein vernünftiges Angebot macht, muss der das in Erwägung ziehen."

Und im nächsten Satz scheint das Palm-Universum wieder heil und ganz und zukunftsfest. Gerade hat die Firma zwei neue Smartphone-Modelle vorgestellt: das Pre Plus und das Pixi Plus, mit mehr Speicher, neuer Software und integrierter drahtloser Ladetechnik. Rubinstein sagt, er setze große Hoffnungen in diese Linie. Es gebe "viel Gutes zu berichten".

Verzweifelte Aufholjagd gegen Apple

Rubinstein, der Utopist, hat bei Palm in kurzer Zeit Erstaunliches zustande gebracht: Schon der Vorgänger von Pre Plus und Pixi Plus erregte viel Aufsehen. Nicht nur, weil es Palms erste komplette Neuentwicklung seit Jahren war. Kurz nachdem Rubinstein das Palm Pre auf der CES in Las Vegas präsentierte, wurde es von Testern in höchsten Tönen gelobt, denn es ist billiger und leichter zu bedienen als viele Konkurrenzprodukte.

Der gewünschte Erfolg blieb dennoch aus. Das Unternehmen lieferte weit mehr Geräte aus als verkauft wurden; heute stapeln sie sich in den Lagern der Händler. Seit nunmehr 11 Quartalen verbucht Palm nichts als Verluste und ist in der Aufholjagd gegen andere Smartphone-Hersteller weit abgeschlagen. Apple verkaufte im dritten Quartal 2009 gut 8,7 Millionen iPhones, Palm verkaufte 400.000 Pre.

"Unser Ziel ist es, nicht nur die Tech Nerds zu erreichen, sondern auch die Durchschnittskonsumenten", hat Rubinstein einmal über das Pre gesagt. Bislang ist er von diesem Ziel Lichtjahre entfernt.

"Es ist richtig, dass wir bisher nicht den kommerziellen Erfolg hatten, den wir gern gehabt hätten", sagt Rubinstein im Interview. Doch das soll sich jetzt ändern. "Wir werden den Vertrieb unserer Produkte verbessern", verspricht er. Das Verkaufspersonal soll besser geschult werden. Zudem sollen Palms Smartphones von mehr Netzbetreibern angeboten werden. Bisher gab es nur Exklusivvereinbarungen mit einzelnen Anbietern wie Sprint in den USA oder Telefonica in Europa. "Wir widmen uns unserer Aufgabe hingebungsvoll."

Die Frage, ob das Pre ein Kassenschlager geworden wäre, wenn nicht Palm, sondern Apple es vertrieben hätte, lacht Rubinstein weg. Dann sagt er: "Wir erwarten, dass unsere Verkäufe bald anziehen werden." Konkrete Zahlen nennt er nicht.

Palm droht der Brain Drain

Bisweilen scheint es, als sei Rubinstein der einzige, der sagt, dass Palm noch zu retten ist. Andere Top-Leute kehren der Firma, kehren Rubinstein bereits den Rücken. Letzte Woche erst hatte Palms Software-Chef Michael Abbott die Firma verlassen, um bei Twitter anzuheuern. Er war maßgeblich für die Entwicklung des neuen Palm-Betriebssystems webOS verantwortlich.

Nun wird gemeldet, dass auch Top-Managerin Caitlin Spaan das Unternehmen verlassen will. Für Rubinstein wäre das ein schmerzhafter Verlust. Spaan war Vice President des sogenannten Carrier Marketings, handelte also Verträge mit den Netzanbietern aus. Mit 14 Jahren Betriebszugehörigkeit gehört sie zu den Angestellten der ersten Stunde; sie hat noch mit Palm-Gründer Jeff Hawkins zusammengearbeitet.

Einen ähnlichen Brain Drain musste zuletzt noch eine andere Silicon-Valley-Legende kurz vor der Kapitulation verkraften: der Suchmaschinist Yahoo Chart zeigen, kurz bevor sein Kerngeschäft in einer weitgehenden Liaison mit Microsofts Chart zeigen Suchmaschine Bing aufging.

Doch Rubinstein will von solchen Untergangsszenarien nichts wissen. "Palm ist ein kleines Unternehmen", sagt er. "Wir müssen unsere Ressourcen bündeln." Das sei auch der Grund, weshalb Pre Plus und Pixi Plus erst Monate nach der Einführung in den USA in Deutschland angeboten werden. Zuerst müssten seine Ingenieure Smartphones für den US-Mobilfunkstandard CDMA entwickeln. Erst dann sei Zeit, sich der Anpassung und Zertifizierung für den europäischen Markt zu widmen. "Künftig wollen wir unsere Produkte aber schneller weltweit verfügbar machen", verspricht Rubinstein.

Rausschmissgerüchte auf "Techcrunch"

Doch die Frage ist, ob es noch künftige Produkte geben wird. Mag die Hardware der Palm-Smartphones konkurrenzfähig sein, die Software ist es nicht. Ein reichhaltiges App-Angebot ist für den Verkauf von Smartphones inzwischen unerlässlich. Die Entwickler aber machen einen Bogen um Palms webOS. Während Apple bereits mehr als 150.000 iPhone-Apps auflistet und Google 50.000 Programme für Androids vermelden kann, tummeln sich in Palms "App Catalog" gerade mal 2400.

Selbst dieser Tatsache kann Rubinstein noch etwas Positives abgewinnen. Ein Überangebot, wie man es in Apples App Store vorfindet, biete seiner nach Ansicht keinen echten Vorteil, sagt er. "Selbst wenn man 100.000 Apps anbieten kann, werden davon nur 1000 wirklich genutzt. Wir wollen genau diese 1000 anbieten", sagt Rubinstein. Das vergleichsweise geringe Angebot kein Mangel, es diene der Übersichtlichkeit: "Programme, die für das webOS entwickelt werden, werden viel leichter gefunden."

Ob Rubinstein sich mit solchen Argumenten gegenüber dem Aufsichtsrat behaupten kann? Das meist gut informierte Blog "Techcrunch" will erfahren haben, dass Palm eine grundlegende Umstrukturierung des Managements ins Haus steht. Und die, so heißt es, könnte auch Rubinstein selbst treffen. Der sei schließlich aus seinem Frührentner-Exil an der mexikanischen Küste zurückgeholt worden, um Palm dafür fit zu machen, es mit Apple aufzunehmen - und nicht, um beschädigte Ware zu verkaufen, ätzt "Techcrunch".

Offiziell will Rubinstein davon nichts wissen. An die Strände Mexikos, sagt er, habe er bislang noch nicht sonderlich oft gedacht.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
dunham 28.04.2010
1. Pferdewechsel
Zitat von sysopWird Palm verkauft? Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kommentiert Unternehmenschef Jon Rubinstein die hartnäckigen Marktgerüchte - und redet sich die Lage schön, auch wenn die Firma im Handymarkt hoffnungslos abgehängt scheint. Doch sein Stuhl wackelt. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,691320,00.html
Ein indianisches Sprichwort sagt "Wenn Du merkst, dass Dein Pferd tot ist, solltest Du absteigen". Es gibt 50.000 Anwendungen für Android und 100.000 für iPhone OS. Palm hat dasselbe Problem wie Nokia: wie holt man einen InterCity ein, der vor zwei Stunden losgefahren ist? Die Antwort: mit einer schnellen Lokomotive (Nokia gibt Maps frei) oder einer anderen Strecke (Palm versucht ein eigenes OS). Beides ist teuer und riskant. Nokia und Palm sollten sich an Sony Ericsson orientieren und auf den Zug aufspringen, auf dem "Android" steht. Oder sie müssen demnächst den Bus nehmen.
adarkn 28.04.2010
2. Titel:
Zitat von sysopWird Palm verkauft? Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kommentiert Unternehmenschef Jon Rubinstein die hartnäckigen Marktgerüchte - und redet sich die Lage schön, auch wenn die Firma im Handymarkt hoffnungslos abgehängt scheint. Doch sein Stuhl wackelt. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,691320,00.html
Der Artikel stellt ein paar Dinge falsch dar: 1. NICHT die Software ist das Problem, der Pre hat sehr viele Kinderkrankheiten und ist nicht besonders stabil gebaut 2. Entwickler machen keinen Bogen um WebOS, es sind einfach Profit orientierte Unternehmen, und 400.000 Palm Pres in einem Quartal sind einfach sehr wenig Bsp.: Gameloft und EA haben erst kuerzlich hochkaraetige Titel auf WebOS portiert 3. Es wird in keinster Weise darauf hingewiesen das der App Catalog zwar nur 2500 Apps enthaelt, die Homebrew Community jedoch noch viel mehr Software, sowie Patches bereitstellt. Sowas ist auf einem iPhone ohne Verletzung der Lizenz von Apple gar nicht moeglich 4. Wieder einmal wird reisserisch dargestellt, dass Palm die Leute weg rennen, das ist so gar nicht richtig. Es ist erst ein Mitarbeiter gegangen und eine zweite Mitarbeiterin moechte das Unternehmen verlassen. Diese Person sollte meiner Meinung nach nicht nur gehen, sondern entlassen werden! Wer die ersten Palm Werbespots gesehen hat weiss was diese Frau abgesegnet hat, das hat meiner Meinung nach auch zu dem schlechten Start des Pre beigetragen. In keinem Werbespot (der ersten Kampagne) wurde auf die ueberragenden Funktionen hingewiesen, die WebOS das beste Betriebssystem fuer Mobile machen. 5. Rubinstein hat massgeblich dazu beigetragen, dass ein wirklich revolutionaeres Geraet auf den Markt kommt, ihn zu entlassen waere die groesste Fehlentscheidung und wuerde Palm untergehen lassen. Ich hoffe das Palm WebOS lizensieren wird, an HTC besipielsweise, dadurch waere der Markt auch fuer Entwickler interessanter. Denn die einhellige Meinung die man auf diversen Tech Blogs und Foren zum Palm Pre hoert heisst nicht das die Hardware spitze ist udn die Software nicht mithalten kann, sondern das es zu viele Kinderkrankheiten (bspw. untertaktete CPU, wegen fehlerhafter erster Fertigungslinie) gab.
adarkn 28.04.2010
3. Auf Keinen Fall!
Zitat von dunhamEin indianisches Sprichwort sagt "Wenn Du merkst, dass Dein Pferd tot ist, solltest Du absteigen". Es gibt 50.000 Anwendungen für Android und 100.000 für iPhone OS. Palm hat dasselbe Problem wie Nokia: wie holt man einen InterCity ein, der vor zwei Stunden losgefahren ist? Die Antwort: mit einer schnellen Lokomotive (Nokia gibt Maps frei) oder einer anderen Strecke (Palm versucht ein eigenes OS). Beides ist teuer und riskant. Nokia und Palm sollten sich an Sony Ericsson orientieren und auf den Zug aufspringen, auf dem "Android" steht. Oder sie müssen demnächst den Bus nehmen.
Ich kann nicht energischer widersprechen! WebOS zu begraben waere der Ruin fuer Palm. Sie sollten sich mal Kritiken zu WebOS anlesen, durchgaengig positiv, einzig Geschwindigkeitsprobleme werden oft aufgezeigt, aber das Problem haengt mit dem untertakteten CPU und der ersten fehlerhaften CPU Lieferung zusammen, wo wir wieder bei Hardware und nicht Software waeren....
sgift 28.04.2010
4. Gespenstische Zuversicht
Es ist die selbe gespenstische Zuversicht mit der ein Steve Jobs in ein an der Wand stehendes Apple zurueckkehrte und eine fast bankrotte Firma komplett rumsteuerte und rettete. Man muss sich nur die entsprechenden Kommentare der Techpresse damals ansehen. Da war Apple auch unrettbar, hoffnungslos zurueckgelegen usw. Am Ende wird Rubinstein entweder wieder nach Mexico gehen oder Palm wird seinen Weg finden. Und wenn letzteres geschieht werden ihm die Presseschwaetzer wieder hinterherlaufen und erklaeren wie voellig unerwartet das alles doch war. Presse eben.
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