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Das Highend-Meego-Handy: Nokia N9

Foto: LEHTIKUVA/ REUTERS

Smartphone N9 Das hätte Nokias Gewinner sein können

Da können Nokia-Fans glatt wehmütig werden: In Singapur hat der Mobilfunkkonzern sein neues Flaggschiffmodell, das Nokia N9, vorgestellt. Ein Handy, das alles hat, alles kann, was man sich von einem modernen Smartphone wünscht - und dabei auch noch gut aussieht. Nur kommt es leider zu spät.

Hamburg - So wie Nokia-Manager Jussi Mäkinen das N9 vorführt, hat man sich Nokias Top-Handymodell eigentlich immer gewünscht: Das Gerät braucht keine Tasten, reagiert stattdessen auf simple Fingergesten. Einmal von rechts nach links über den Bildschirm wischen, bringt den Anwender zuverlässig zu einer Übersicht der gerade aktiven Programme zurück. Und, das ist das nächste Highlight, diese Anwendungen laufen wirklich parallel. Eine kleine Demonstration beweist das eindrucksvoll, als Mäkinen ein laufendes Video langsam mit dem Finger zur Seite schiebt und darunter eine Übersicht der installierten Apps zum Vorschein kommt.

Schade, dass dieses Handy erst jetzt kommt. Schade, dass es nur eine Pflichtübung ist.

Denn auf dem N9 läuft das Betriebssystem Meego. Nokia hatte sich 2009 mit Intel verbündet, um diese Linux-Variante voranzutreiben. Künftig sollten Highend-Smartphones von Nokia mit Meego ausgeliefert werden. Zumindest war das bis Februar so. Da verkündete der neue Nokia Chef Stephen Elop, man werde künftig doch lieber eng mit Microsoft zusammenarbeiten und deren Betriebssystem Windows Phone 7 für die Topmodelle verwenden.

Dass Nokia jetzt noch ein Meego-Smartphone vorlegt, habe wohl weniger vorwärtsgerichtete als vertragliche Gründe, vermutet "The Register"  und legt damit nahe, das N9 sei nur entstanden, weil man noch Verpflichtungen aus dem Meego-Bündnis mit Intel habe. Denn außer großspurigen Ankündigungen ist aus Meego bisher nichts geworden. Eigentlich hätte es nicht nur auf Handys, sondern auch auf Netbooks, Tablets und sogar Fernsehern laufen sollen. Allein: Bisher lässt sich Meego auf einer handvoll Fernsehern und zwei verschiedenen Handys installieren, ist in einer Version für Pkw-Entertainment-Systeme verfügbar - und auf dem N9.

Plastik statt Alu, der Technik wegen

Interessant ist dabei, dass Nokia selbst kein Wort über Meego, verliert, nirgends erwähnt, welches Betriebssystem auf dem N9 läuft. Immerhin hat der Konzern ein paar technische Daten verraten. Sein Prozessor ist mit 1 GHz mäßig schnell, die Funkausstattung mit HSPA, W-Lan 802.11a/b/g/n und Bluetooth 2.1 ordentlich. Wenig verwunderlich, dafür zukunftskompatibel ist der NFC-Chip, durch den man das Handy künftig als Digital-Portemonnaie benutzen soll. Die Kamera soll 8 Megapixel auflösen, wird bei Dunkelheit von zwei LED-Lämpchen unterstützt. Der eingebaute Speicher soll bis zu 64 Gigabyte groß sein - das wäre respektabel.

Bemerkenswert ist vor allem das Design: Das Display besteht aus kratzfestem Gorillaglas, ist zum Rand hin so gebogen, dass es nahtlos in das Gehäuse übergeht. Das Gehäuse selbst ist aus einem Block Polycarbonat gefräst. Das ist durchaus wichtig denn beim aktuellen Topmodell N8 hatte Nokia Probleme mit dem Materialmix. Während der Rumpf Apple-like aus einem Stück Aluminium hergestellt wird, werden Anschlüsse und Antennen oben und unten von Kunststoffdeckeln geschützt. Das verbessert den Empfang von Funksignalen, bringt aber Probleme bei der Farbgestaltung mit sich. Die Farbtöne von Kunststoff und Metall aneinander anzupassen, hatte Nokia große Probleme bereitet. Bei dem Kunststoffchassis des N9 dürfte es solche Schwierigkeiten nicht geben. Zudem profitiert der Mobilfunkempfang der innen liegenden Antennen von der guten Durchdringbarkeit des Polycarbonats.

Ein Windows-Nokia noch in diesem Jahr

Mit dieser Kombination aus Design und Technik hätte Nokia durchaus gegen Apple und Google, die den Finnen seit Jahren Marktanteile abnköpfen, punkten können. Doch dem N9 hängt der Makel an, dass es ein Einzelstück bleiben könnte - wenig attraktiv für App-Entwickler. Denn wie es mit Meego und Nokia weitergehen wird, ist unklar. Sicher ist dagegen, dass Nokia möglichst schnell seine ersten Windows-Handys auf den Markt bringen möchte. In Singapur sagte Stephen Elop: "Ich bin zuversichtlich, dass wir unser erste Gerät auf Basis der Windows-Phone-Plattform später in diesem Jahr vorstellen und ab 2012 große Stückzahlen liefern können."

Keine Frage also: Nokia hat Kurs auf Windows genommen. Alles, was in der Zwischenzeit passiert, ist Beifang. Das gilt auch für die Massenmarktmodelle C2-02, C2-03 und C2-06, die Nokia mit seinem Brot- und Butter-Betriebssystem Symbian Series 40 ausstattet. Aufgewertet mit Navigationsfunktionen und Dual-Sim-Fähigkeit, sollen diese Modelle sich überall dort anbieten, wo Smartphones nicht gewünscht oder schlicht zu teuer sind. Bis zu zehn neue Varianten solcher Smartphones mit Symbian-Software sollen innerhalb der nächsten zwölf Monate kommen. Ob Nokia danach selbst weitere Symbian-Modelle herausbringen oder diesen Markt gänzlich Lizenznehmern überlassen wird, ist bisher nicht klar.

Windows oder nichts

Wohl aber lässt sich beobachten, dass Nokia seine angestammte Plattform Symbian zu vernachlässigen scheint. Zwar kündigt der Konzern an, die Modelle Nokia N8, E7, C7 und C6-01 ab Juli mit der neuen Symbian-Version namens "Anna" ausliefern zu wollen. Anwender, die bereits eines der genannten Handys besitzen, müssen sich aber noch bis Ende August gedulden, bis sie ein entsprechendes Update für ihre Geräte herunterladen können. Vielleicht ein Zeichen, dass alle verfügbaren Entwickler daran gesetzt sind, die ersten Windows-Nokias präsentationsfertig zu machen.

Und das ist wohl auch richtig so, denn wenn Nokia jetzt noch eine Chance gegen die Smartphone-Übermacht der Konkurrenz haben will, muss es krachen, wenn die ersten Windows-Nokias kommen. Wie sehr der einstige Branchenprimus an Boden verloren hat, zeigte sich Ende Mai, als das Unternehmen Anleger mit einer Gewinnwarnung schockierte. Nachdem er sich einmal für diese Stoßrichtung entschieden hatte, verkündete Nokia-Boss Elop: "Unsere primäre Smartphone-Strategie ist, uns auf Windows Phone zu konzentrieren."

Wenn es damit nicht klappt, könnte es irgendwann vorbei sein mit den Versuchen, zu den Touchscreen-Topsellern aufzuholen.

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