Nach massiver Kritik an Update Sonos erwägt offenbar, seine alte App neu zu veröffentlichen
Sonos-Soundbar: Nur mit App richtig nutzbar
Foto:Matthias Kremp / DER SPIEGEL
Anfang Mai veröffentlichte Audio-Spezialist Sonos eine neue App für seine vernetzten Lautsprecher. Es sollte die »umfassendste Aktualisierung« in der Firmengeschichte werden und die Geräte fit für die Zukunft machen. Nach gut 20 Jahren war es an der Zeit dafür. Doch der neuen Version fehlen einige Funktionen, die Nutzerinnen und Nutzer des Systems über die Jahre lieb gewonnen hatten. Die Möglichkeit, die Lautsprecher als Musikwecker zu verwenden beispielsweise, wurde erst Wochen nach der Veröffentlichung nachgeliefert. Auch die Fähigkeit, Musik von vernetzten Festplatten, sogenannten NAS-Systemen, abzuspielen, war nach dem Update verschwunden.
Auf Reddit , Facebook und X machten genervte Anwenderinnen und Anwender ihrem Ärger Luft. Auch in den App-Stores von Apple und Google findet man fast nur noch negative Kritiken. Im App Store etwa lauten die drei jüngsten Einträge »Unverantwortlich«, »Einfach nur Schrott« und »Nur schlecht!«, jeweils versehen mit der Minimalbewertung von einem Stern. Im Play Store sieht es nicht anders aus. Bei fast 200.000 Bewertungen liegt der Durchschnittswert bei 1,2 von 5 möglichen Sternen.
Neue Sonos-App: Für die Zukunft gerüstet, für die Kunden kaum brauchbar
Foto: SonosWelche Tragweite das App-Desaster für Sonos mittlerweile hat, zeigte sich, als das Unternehmen vor wenigen Tagen seine Quartalszahlen bekannt gab. Bei einer Telefonkonferenz mit Analysten und Journalisten sagte Firmenchef Patrick Spence , die Probleme mit der neuen App hätten zu einem »Gegenwind bei den Produktverkäufen« geführt. Daher wolle man sich nun »vor allem anderen« darauf konzentrieren, diese Probleme zu beheben. Spence: »Das bedeutet, dass wir die beiden für das vierte Quartal geplanten größeren Produktveröffentlichungen verschieben müssen, bis unsere App das Qualitätsniveau erreicht, das wir, unsere Kunden und unsere Partner von Sonos erwarten.«
Welche Produkte genau gemeint sind, verrät der Manager natürlich nicht. Spence hatte sich vorgenommen, mit Sonos mindestens zwei neue Produkte pro Jahr auf den Markt zu bringen. Dieses Ziel ist längst erreicht: Im Mai kamen der Mobillautsprecher Roam 2 und der erste Kopfhörer des Unternehmens, der Ace (hier unser Testbericht), auf den Markt. Eines der beiden weiteren Produkte, die Sonos in diesem Jahr veröffentlichen wollten, ist einem Bericht von »The Verge« zufolge eine neue Version der Highend-Soundbar Arc (hier unser Testbericht), die unter dem Codenamen Lasso entwickelt wurde.
Sonos Roam: Im Mai kam eine neue Version
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELNun berichtet »The Verge« , das Unternehmen hoffe, die neue Soundbar wenigstens noch im Oktober auf den Markt bringen zu können. Zu spät, um sie Anfang September im Rahmen der Unterhaltungselektronikmesse Ifa in Berlin zeigen zu können, aber gerade noch rechtzeitig für das wichtige Weihnachtsgeschäft.
Wie das Magazin berichtet, wird im Management mittlerweile auch schon ein weiterer Schritt diskutiert, der dem Unternehmen mit Blick auf Bestandskunden etwas Zeit verschaffen könnte: die Neuveröffentlichung der alten App.
Nicht der erste App-Ärger
Das Gemecker in den Foren könnte man damit möglicherweise beenden, aber der Schritt würde neue Probleme schaffen. Denn mit dem Update auf die neue App veröffentlichte Sonos auch Softwareupdates für die Lautsprecher. Damit die wieder mit der alten App laufen, müsste man diese Systemupdates möglicherweise zurücknehmen, eine alte Software auf die Lautsprecher einspielen. Kaum ausdenkbar, wie viele Fehler dabei passieren könnten. Zudem könnten Kunden, die auf die alte App umschalten, nicht mehr die neue verwenden. Das wiederum würde den Prozess ausbremsen, mit dem Sonos sein System moderner und agiler machen wollte, um neue Funktionen schneller einführen zu können.
Und schließlich würde es im Sonos-Ökosystem zu einer Dreiklassen-Gesellschaft führen. Denn neben der aktuellen App gibt es von Sonos noch die sogenannte S1-App, zur Steuerung älterer Sonos-Lautsprecher, die mit der aktuellen Version nicht kompatibel sind. Diese Zweiteilung war 2020 mit der Begründung eingeführt worden, dass diese Geräte »in Bezug auf Arbeitsspeicher und Rechenleistung inzwischen an ihre technischen Grenzen gekommen sind.« Stammkunden hatten sich schon damals im Stich gelassen gefühlt.
Damals konnte sich das Unternehmen noch mit einem Sonderangebot aus der Malaise retten: Bestandskunden bekamen 30 Prozent Rabatt auf den Kauf eines neuen Produkts, wenn sie eines der alten, nicht mehr unterstützten außer Betrieb nahmen.
Doch die aktuelle Krise scheint schwerer zu wirken. Mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekamen ein Kündigungsschreiben, also sechs Prozent der Belegschaft. Das sei eine »schwierige, aber notwendige Maßnahme, um kontinuierliche, sinnvolle Investitionen in die Produkt-Roadmap von Sonos zu gewährleisten und gleichzeitig die Voraussetzungen für den langfristigen Erfolg von Sonos zu schaffen«, erklärte Manager Spence gegenüber »Techcrunch« .
Anmerkung der Redaktion: Ursprünglich hieß es in diesem Text, die Weckfunktion sei in der neuen Version der Sonos-App nicht mehr vorhanden. Tatsächlich wurde sie einige Wochen nach Veröffentlichung der App nachgeliefert. Wir haben den Text entsprechend angepasst.