Tech-Festival "South by Southwest" Der Silicon Dream ist aus

Mark Zuckerberg und Elon Musk, so hießen üblicherweise die Helden des US-Festivals "South by Southwest". Doch jetzt sind die cool, die Tech-Firmen regulieren wollen - darunter Politikerinnen aus Europa.

South by Southwest (SXSW) im Austin Convention Center
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South by Southwest (SXSW) im Austin Convention Center

Aus Austin berichtet


Elektroscooter surren durch die Straßen, Bands spielen in den Kneipen, die Sonne scheint - und in den Konferenzräumen der Hotels wird beraten, wie man Google, Facebook und andere Internetfirmen am besten zerschlägt.

Lange Zeit war das jährliche Treffen der Tech-Branche im texanischen Austin, die " South by Southwest", eine optimistische Leistungsschau des Silicon Valleys. Das ist vorbei. Die Kritik an den gut verdienenden Plattformen, die sich bisher recht erfolgreich vor ihrer gesellschaftlichen Verantwortung drücken, kommt nicht mehr als Gimmick, sie ist allgegenwärtig.

Die streitbare Senatorin Elizabeth Warren etwa fordert die Aufspaltung großer Techkonzerne. "Zerschlagt sie", ruft die Demokratin unter großem Applaus.

Senatorin Elizabeth Warren
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Senatorin Elizabeth Warren

Warren ist eine der möglichen Kandidatinnen für die nächste Präsidentschaftswahl. So wie ihre Kollegin Amy Klobuchar, die auf der "South by Southwest" neben dem Kartellrecht eine neue Steuer für die Onlineriesen ansetzen will. Die Konzerne hätten keineswegs das Interesse der Nutzer im Blick, sagt Klobuchar: "Privatsphäre ist die oberste Priorität", sagt sie.

Hier ein Townhall-Meeting, da noch eine Antrittsrede: Politiker vor allem der Demokraten testen in Austin ihre Slogans für den nächsten Wahlkampf. Auch früher schon waren Politiker zu Gast auf der Konferenz, nicht zuletzt vor drei Jahren der damalige Präsident Barack Obama. Doch das war sozusagen nettes Begleitprogramm.

Gekommen, um sich zu beschweren

In den vergangenen Jahren strömten die Besucher zu Tausenden zu Talks von Facebook-Chef Mark Zuckerberg oder Tesla- und Space-X-Gründer Elon Musk, um sich verzaubern zu lassen. Mondreisen, schnelle Autos, eine vernetzte, bessere Welt. Völlig grenzenlos war dieser Optimismus zwar schon einige Zeit nicht mehr. Die Snowden-Enthüllungen, Fake News und die Trump-Wahl offenbarten die dunklen Seiten des Internets.

Doch jetzt ist AOC der Superstar auf der "South by Southwest", die Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez. Die 29-jährige Abgeordnete ist eine Hoffnungsträgerin der Demokraten: mit dem Internet groß geworden, auf Social Media so zu Hause wie in Brooklyn. Auf dem Festival verbreitet Ocasio-Cortez ihre deutlich linken Positionen. In ihrem Wahlbezirk hat sie gerade geholfen, ein riesiges Bauprojekt von Amazon zu verhindern. Wo früher Start-up-Gründer und ihre Apps gehypt wurden, gilt der Applaus jetzt Politikern mit Regulierungsanspruch.

Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez
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Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez

Ocasio-Cortez spricht über Klimapolitik und über die Einwanderungspolizei, die sie am liebsten abschaffen will. Automatisierung mache ihr keine Angst, sagt Ocasio-Cortez auch: Weniger Arbeiten dank Robotern, das sei nur deswegen ein Schreckensszenario, weil Menschen ohne Arbeit in der Gesellschaft als wertlos gelten würden.

Technik, die nicht mehr begeistert

Margrethe Vestager, die EU-Kommissarin für Wettbewerb, zeigt derweil, wo es langgehen könnte, sollten die Demokraten einmal Trump und die Republikaner von der Macht abgelöst haben. Die EU-Kommissarin führt Verfahren gegen Google und hat Facebook zu einer Strafe verdonnert, weil Daten von Facebook- und WhatsApp-Nutzern hintenrum verknüpft wurden.

In Austin kann Vestager dieser Tage beobachten, wie die Stimmung gegenüber den Tech-Firmen kippt. Kann auf einmal Europa als Vorbild dienen?

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Dorothee Bär, die deutsche Staatsministerin für Digitalisierung, wird auf der "South by Southwest" zu ihrem bislang erfolglosen Kampf gegen Uploadfilter befragt.

Der Einsatz solcher Filter droht Tech-Firmen im Zuge der geplanten EU-Urheberrechtsreform. Seit Wochen gehen vor allem junge Menschen gegen den entsprechenden Reformteil, gegen Artikel 13, auf die Straße. Die meisten Netzpolitiker sind sich einig, dass solche Filter gefährlich sein können, weil sie potenziell schnell auch Satire oder unliebsame Meinungen schlucken. Auch Dorothee Bär ist gegen die Filter, aber ihr Einfluss reicht wohl nicht, um sie zu stoppen.

Facebook malt Fassade an

Facebook hat unterdessen einen eigenen Weg gefunden, damit umzugehen, dass viele Nutzer dem Unternehmen mittlerweile kritisch gegenüberstehen. Statt öffentlich auf Pinnwänden sollen Nutzer künftig vor allem hinter verschlossenen Türen in Gruppen posten. Auf der "South by Southwest" stellt der Konzern diesen Plan aber nicht offensiv zur Schau. Stattdessen lässt er Künstler die Fassade eines Hauses in der Nähe des Kongresszentrums bunt besprühen.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg trat dieses Jahr nicht in Austin auf, dafür ist seine Frau da, Priscilla Chan. Die Ärztin skizzierte, wie Zuckerberg und sie ihr gemeinsames Milliardenvermögen in ihrer Stiftung für Bildung und Forschung nutzen will. Für eine höhere Besteuerung von Reichen ist sie auch.

Für die Macher der Konferenz könnte es nicht besser laufen: Ursprünglich war der "Interactive"-Teil der "South by Southwest", der sich vor allem um Tech-Themen dreht, nur ein Anhängsel eines Musik- und Filmfestivals: Nerds und ihre Apps, Gründer und ihre Träume. Jetzt, wo das Internet nicht mehr Nische, sondern überall ist, kommen rund 75.000 Teilnehmer und diskutieren die Regeln des Zusammenlebens.

Immer wieder geraten dabei gerade die großen Plattformen in den Fokus, die nicht nur Geschäftsmodelle disrupten, sondern mehr oder weniger fahrlässig das Leben von Menschen. Dazu zählt der Bewohner eines alten Hauses, das über Instagram zum Touristenmagnet wurde, oder die Komikerin Kathy Griffin, die nach einer Kunstaktion mit abgeschnittenen Trump-Kopf zur Zielscheibe von Rechtsradikalen auf Twitter wurde.

"Keep Austin weird"

Straßenzug in Austin
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Straßenzug in Austin

Auch die Einwohner von Austin sorgen sich: Apple, Google, Facebook und Amazon schaffen hier Tausende neue Jobs, Start-ups werden gegründet, neue Hochhäuser hochgezogen. Keine Metropolregion in den USA wächst rasanter. Die Mieten sind in den vergangenen fünf Jahren um 40 Prozent gestiegen und liegen jetzt über dem Landesdurchschnitt.

"Keep Austin weird", ist das Motto der Stadt, aber immer mehr "weirde" Leute, Künstler, Musiker, können sich die Stadt nicht länger leisten. Wohin das führen kann, zeigen San Francisco und das Silicon Valley: gnadenlose Gentrifizierung, eine Spaltung in Superreiche und Abgehängte.

Wenn sich auf der "South by Southwest" eins zeigt, dann dies: Es wird nicht reichen, nur das Internet zu reparieren und ein paar neue Regeln aufzustellen.



insgesamt 14 Beiträge
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weltverbesserer75 11.03.2019
1.
Es ist sehr schön zu sehen, dass in den USA immer stärker Politikerinnen im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Der Kongress ist aktuell so weiblich wie nie zuvor. Ich bin optimistisch, dass sie ihre Sache besser machen werden als die älteren Männer, die bislang meist das Zepter der Macht in den Händen hielten. Man kann die USA zu dieser Entwicklung nur beglückwünschen.
dulcineadeltoboso 11.03.2019
2.
Google, Facebook etc. habe unzweifelhaft die Welt in kurzer Zeit so verändert, wie wenige Firmen zuvor. Ob zum Guten oder zum Schlechten, sei mal dahingestellt (wenn zum Schlechten, dann muss wohl auch die ganze Menschheit, die auf den Plattformen rumhängt, genau so schlecht sein!). Jedenfalls habe sie es mit Kreativität, Risiko und Anstrengung geschafft. Nun kommen die, die nicht ansatzweise eine solche Kreativität aufbringen mit ihren von Neid getriebenen Träumen von Bestrafen, Verbieten und Zerschlagen. Na, da wird ja endlich alles wieder gut!
nic 11.03.2019
3. Hier ein Townhall-Meeting
Ein Treffen in der Stadthalle hört sich auf Englisch natürlich viel viel "Cooler" an bei den ab 12 Jährigen..
kzs.games 11.03.2019
4. Wettbewerb
bitte zerschlagt die Konzerne die sich im fairen Wettbewerb durchgesetzt haben und ein neuen Standard gesetzt haben. der Konsument ist besser dran denn je, Dank diesen unternehmen!
frankfurtbeat 11.03.2019
5. grundsätzlich ...
grundsätzlich richtig schaffen diese Tech-Giganten Arbeitsplätze ... aber letztendlich drücken sich diese Konzerne wie viele andere erfolgreich vor einer korrekten Besteuerung der eingefahrenen Gewinne, drängen Geringverdiener aus Regionen weil sie die Mieten nicht mehr leisten können ... Zuckerberg dealt ohne zu fragen mit den Daten und wusste nichts davon ... alles gut ... es gibt ecosia, fratzenbook und den ganzen anderen Schronz braucht man nicht wirklich - daher kann man den ganzen digitalen Müll - social media genannt - gerne komplett einstampfen.
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