Sparprogramm Ein Tonstudio für unter 300 Euro

Mit der richtigen Technik zum Hobby-Tonmeister - den Traum vom Wohnzimmerstudio kann man sich mit kleinem Budget erfüllen: schon für wenige hundert Euro.
Mischpult im Tonstudio: Heute für kleines Geld als Software zu haben

Mischpult im Tonstudio: Heute für kleines Geld als Software zu haben

Foto: dapd

Früher waren Tonstudios Plattenfirmen und Musikprofis vorbehalten. Man brauchte riesige Mischpulte, edle Mikrofone, Schränke voller Spezial-Equipment und vor allem sehr viel Geld. Heute reichen für nahezu professionelle Aufnahmen ein Computer, ein wenig Audio-Hardware und die passende Software. Sounds, die man einst nur nobler Spezial-Equipment zustande bekam, werden von virtuellen Effektgeräten bereitgestellt. Synthesizer-Burgen sind Musik-Plug-Ins gewichen. Das Mischpult existiert oft nur noch auf dem Bildschirm.

Es ist also, um es kurz zu sagen, eine verdammt gute Zeit für Hobbymusiker, Soundtüftler und Ton-Afficionados, über den Einstieg in die Heimstudiowelt nachzudenken. Denn dazu braucht man nicht viel: Ein bisschen Ausrüstung aus dem Audioladen, ein paar Grundlagen der Aufnahmetechnik - und Mut zur Lücke.

Natürlich ist so eine Hobbyausrüstung auch immer ein Kompromiss. Mit den akustischen Eigenschaften eines entsprechend gedämmten und klangoptimierten Studios, der brillanten und zuverlässigen Tonwiedergabe hochpreisiger Monitorboxen und den jede Schwingung einfangenden Mikrofonen zum Preis eines Kleinwagens wird das Wohnzimmerstudio nicht mithalten können.

Aber egal wie viel Geld man auch in die Ton-Hardware stecken mag: Am Ende ist immer entscheidend, mit wie viel Lust und Spaß die Musik, der Soundtrack, die eigene Hörbuchvertonung aufgenommen wurde.

Nicht der Preis ist wichtig

Das ist mehr als eine Plattitüde. Die Funken, die im Studio fliegen, landen immer auf der Aufnahme. Die Aufgabe der technischen Ausrüstung ist es, diesem kreativen Funkenflug nicht im Weg zu stehen. Sie muss nicht nur möglichst klar und dynamisch aufzeichnen können, sondern die gute Laune, die Inspiration und Atmosphäre möglichst ungehindert zur Aufnahme dringen lassen.

Für ein Heimstudio bedeutet das: Man kann viel sparen. Mikrofon, Soundkarte und Abhöre (Monitorboxen oder Kopfhörer) sind der größte Kostenfaktor im kleinen Studio. Aber auch mit minderwertiger Ware lässt sich viel Spaß einfangen. Hauptsache sie tut, was man will, und das sofort.

Auf den nächsten Seiten zeigt SPIEGEL ONLINE, wie Sie für unter 300 oder für unter tausend Euro ein hervorragendes kleines Studio und für unter hundert Euro einen Audio-Spielplatz einrichten können, was es beim Kauf der Hardware zu beachten gilt - und was nicht - und welche günstigen Möglichkeiten es für einen Bruchteil des Preises von Profi-Hardware gibt.

M-Audio Soundkarte: Unser Tipp

Audiointerface M-Audio Fasttrack: Guter Sound für 80 Euro

Audiointerface M-Audio Fasttrack: Guter Sound für 80 Euro

Ohne eine Soundkarte geht nichts. Sie ist das Bindeglied zwischen Tonaufnahme, -speicherung und -wiedergabe. Eine schlechte Soundkarte rauscht und fiept, verfälscht das Tonsignal, reicht Tonsignale zu langsam weiter (wenn die sogenannte Latenz zu groß ist) und hat schlicht nicht die notwendigen Eingänge und Ausgänge, die Sie für die Aufnahme ihre Tonquellen benötigen.

Wollen Sie Gesang, akustische und elektrische Musikinstrumente aufnehmen? Dann brauchen Sie eine Soundkarte mit Klinken-, besser noch XLR-Eingang, wie er bei Mikrofonen üblich ist. Damit fällt eine interne Soundkarte, wie sie in vielen Standardrechnern eingebaut ist, für Sie flach.

Handlich und problemlos sind externe Soundkarten, sogenannte Audio-Interfaces, die man per USB- oder Firewire-Kabel an den Rechner anschließt.

Unser Tipp: M-Audio Fast Track (80 Euro) oder Fast Track Pro (150 Euro). Beide haben Klinkenstecker und XLR-Eingang für Instrumente und Gesang, können hochwertige Mikrofone mit Spannung versorgen (man nennt das, nicht lachen, Phantomspeisung) und werden außerdem mit einer abgespeckten, meist völlig ausreichenden Version der Aufnahmesoftware Pro Tools geliefert.

Wollen Sie nur bereits vorliegendes Tonmaterial, also Audiodateien, zurechtschneiden und bearbeiten? Dann reicht auch - solange Sie auf eine wirklich originalgetreue Wiedergabe verzichten können - die Soundkarte Ihres Computers. Aber auch hier gilt: Um das Tonmaterial wirklich einschätzen zu können, bedarf es einer guten Soundkarte und eines guten Kopfhörers oder guter Lautsprecher - und das kostet eben ein wenig.

Aber was wäre eine Wiedergabe ohne die Aufnahme: das Mysterium Mikrofon.

Allround-Mikrofon, Kondensator, Bändchen, Membran: Das Mikrofon

Mikrofon: Das Kernstück des Studios, wenn man Gesang und Instrumente aufnimmt

Mikrofon: Das Kernstück des Studios, wenn man Gesang und Instrumente aufnimmt

Die wohl schwierigste und am schwersten zu beantwortende Frage ist die nach dem passenden Mikrofon für's Wohnzimmer-Studio. Mikrofone sind Geheimwissen und Geschmacksfrage. Darüber, wie welches Mikrofon klingt und wie man es am Besten positioniert, führen Experten gerne stundenlange Dispute. Fragen Sie bloß niemals einen Ton-Fachmann danach. Sie werden dabei nichts gewinnen, aber viel Zeit verlieren.

Aber man darf sich da nicht verrückt machen lassen. Fangen Sie einfach mit einem günstigen Mikrofon an und versuchen Sie herauszufinden, ob Ihnen das gewählte Modell nicht womöglich schon ausreicht. Ein solides, günstiges Allround-Mikrofon ist das T.Bone MB75 (30 Euro), für Vokalaufnahmen ist das Rode NT1-A erheblich besser geeignet, das aber auch rund 170 Euro kostet. Nur, um das ins richtige Verhältnis zu setzen: Für gute Studiomikrofone werden hemmungslos Preise zwischen 2000 und 6000 Euro aufgerufen.

Wichtig ist: Mikrofone sollte man nicht beim Versandhandel bestellen, sondern im Laden ausprobieren. Ob eines gut ist oder schlecht, kann auch ein Laie am Klang erkennen. Grundsätzlich gilt, dass man für jede Nutzungsart ein bestimmtes Mikrofon braucht - eigentlich. In der Not und im Wohnzimmer tut es aber eigentlich fast jedes.

Beim Kauf ist zu beachten, dass viele Mikrofone eine sogenannte Phantomspeisung brauchen. Das heißt, sie müssen über das Mikrofonkabel mit Strom versorgt werden. Die oben vorgestellten externen Soundkarten können das. Wer so ein Mikro an die PC-Soundkarte anschließen will, braucht hingegen einen Phantomspeisungs-Adapter (ab 20 Euro), den man zwischen Mikro und Soundkarte klemmt. Achten Sie also beim Kauf darauf, ob eine "Phantomspeisung" benötigt wird oder nicht.

Eine günstige Alternative zu Mikro und Soundkarte ist das Handaufnahmegerät.

Alternative zur Soundkarte und Mikro: Handaufnahmegeräte

Handaufnahmegerät: Günstiger Zwitter aus Mikrofon, Soundkarte und Aufnahmemedium

Handaufnahmegerät: Günstiger Zwitter aus Mikrofon, Soundkarte und Aufnahmemedium

Wollen Sie nicht verschiedene, sondern nur ein Instrument aufnehmen (oder zum Beispiel nur Gesang), reicht ein Mikrofon. In diesem Fall können Sie auch ein Handaufnahmegerät kaufen. Das sind Soundkarte und Mikrofon in einem, und darüber hinaus ist das Ganze auch ohne Computer funktionsfähig. Und es kann billig sein. Ab 70 Euro sind solche Gerät zu bekommen.

Unser Tipp: Das Zoom H2 (130 Euro) mit einem Stativ und extralangem USB-Kabel als Zubehör oder dessen Nachfolger, das Zoom H2N (180 Euro).

Eine günstige Alternative zum Handaufnahmegerät sind USB-Mikrofone wie das T.Bone SC440 (60 Euro) oder das (etwas wacklige) Behringer C1U (39 Euro). Die können direkt an den Rechner angeschlossen werden und ersetzen zumindest bei der Aufnahme die Soundkarte. Dafür darf man keine überwältigende Tonqualität erwarten, muss Probleme mit Verzögerungen bei der Aufnahme in Kauf nehmen und sich mit allgemein minderer Produktqualität abfinden.

Eine gute Soundkarte oder ein Aufnahmegerät bringen aber nur etwas, wenn man die Aufnahmen unverfälscht abhören kann.

Klingen besser ohne Klangfarbe: Die Abhörboxen

Abhörboxen: Können teuer sein, müssen es aber nicht

Abhörboxen: Können teuer sein, müssen es aber nicht

Wer von lärmenden Computerlautsprechern auf Monitorboxen umsteigt - und seien es auch besonders günstige - wird seinen Ohren kaum trauen: Musik kann so gut und klar klingen. Leider sind gute Monitorboxen teuer. Eine gute und relativ günstige Alternative sind die M-Audio Studiophile BX5A für 180 Euro. Die günstigsten Monitorboxen mit recht guten Bewertungen sind die M-Audio AV40 Studiophile - am besten aber wühlt man sich tatsächlich bei den Audio-Versandhäusern durch die Nutzerkommentare oder probiert die Boxen zu Hause oder im Audiogeschäft aus - das eigene Ohr sollte entscheiden, welcher Box es bald nächtelang zuhören will.

Die billige Alternative zu Abhörboxen ist es, die Soundkarte einfach an die Stereoanlage im Wohnzimmer oder - oh Graus - an die 15-Euro-Tischlautsprecher aus dem Supermarkt anzuschließen. Wer aufs Budget schauen muss, kann damit leben, ein guter Kompromiss ist es nicht. Denn Monitorboxen sind darauf ausgelegt, Aufnahmen möglichst unverfälscht wiederzugeben. Hifi-Boxen oder PC-Lautsprecher dagegen haben meist ein ganz eigenes, prägnant eingefärbtes Klangbild.

Aber es gilt: Wer Boxen hat und Live-Signale aufnehmen will, braucht Kopfhörer - die zugleich eine günstige und nachbarschaftsverträgliche Alternative zu den Boxen sind.

Aufnehmen unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Die Kopfhörer

Kopfhörer: Finger weg von Hifi-Headphones

Kopfhörer: Finger weg von Hifi-Headphones

Sollten Sie mehrere Tonspuren nacheinander zu einem Metronom oder einfach in Ruhe aufnehmen wollen, werden Sie um einen die Ohren umschließenden Kopfhörer nicht herumkommen. Sollten Sie mit dem Kopfhörer abmischen wollen, sollten Sie keinen Hifi-Kopfhörer kaufen, diese verändern das Klangbild zu stark.

Recht günstig für ihre Leistung sind die ATH-M50 von Audio Technica (150 Euro). Zwar geht es zwar noch viel billiger, doch meist geben Lowcost-Kopfhörer den Ton verfälscht wieder. Sie betonen meist Bass und Höhen, damit's bei Computerspielen und Krawallmusik mehr kracht und dröhnt. Für Wohnzimmerproduzenten taugen sie nicht viel.

Eine günstige Variante, zum Beispiel als Aufnahmekopfhörer, ist der Superlux HD681 für 20 Euro.

Ein endloses Lied: Die Software

Musiksoftware Reason: Ein virtuelles Mehrspur-Studio

Musiksoftware Reason: Ein virtuelles Mehrspur-Studio

Die Aufnahmesoftware ist für jeden Wohnzimmerproduzenten Lust und Last zugleich. Sie sollte viele Möglichkeiten bieten und gleichzeitig so wenig Aufmerksamkeit wie möglich benötigen, also einfach bedienbar sein.

Etliche Musikprogramme sind richtig günstig zu bekommen. Einsteigerprogramme bekommt man problemlos für hundert Euro. Aber die Profipakete kosten noch immer mindestens 500 Euro. Für die Hälfte davon bekommen Sie meist abgespeckte Versionen.

Unser Tipp: Die günstigsten Programme können erstaunlich viel. Lassen Sie sich etwa nicht vom Billigheimer-Image des Magix Music Maker abschrecken. Die Premium-Variante eignet sich ideal fürs Anfänger-Wohnzimmerstudio, ist wirklich nutzerfreundlich und voller virtueller Instrumente, Effektgeräte und vorgefertigten Sounds. Und sie kostet nur hundert Euro.

Wer gerne am Klang tüftelt, Spaß an einem virtuellen Studionachbau mit Kabelsalat-Simulator und einer Million möglicher Signalwege hat, der sollte sich Reason 6 oder die abgespeckte Variante Reason Essentials (405 Euro, 279 Euro) anschauen. Das kommt dem Ideal eines virtuellen Achtspur-Rekorders schon sehr nahe.

Gar nichts kostet hingegen das Freeware-Programm Audacity, mit dem man mehrspurig aufnehmen, bearbeiten und mischen kann. Das sieht zwar nicht so gut aus und ist hie und da etwas hakelig, hat aber viele Funktionen, die es auf Augenhöhe mit Kaufsoftware bringen.

Kabelsalat und Ständer: Das Zubehör

Mikrofonständer: Auch im Heimstudio unerlässlich

Mikrofonständer: Auch im Heimstudio unerlässlich

Es ist erstaunlich, wie viel Geld man für Audiozubehör ausgeben könnte: vergoldete Kabel, Mikrofonständer aus Titan. Dabei ist die Sache für's Heimstudio ganz einfach: So günstig, wie möglich! Mikroständer für zehn Euro, Kabel für fünf Euro, Popschutz aus Kleiderbügel und Strumpfhose.

Vergessen Sie Schalldämmmaterial: Die Akustik Ihres Wohnzimmers werden Sie nie in den Griff bekommen. Einfacher ist es, einen so genannten Micscreen hinterm Mikrofon aufzuspannen (einen Halbring aus Schaumstoff) und eine schallschluckende Wand hinter dem Mikro aufzubauen (Bettdecke über die Tür werfen).

Sollten Sie dann einmal in die Verlegenheit kommen, mit nur zwei Soundkarten-Eingängen eine ganze Band auf einen Schlag aufnehmen zu wollen, seien Sie pragmatisch: Leihen Sie sich für die Aufnahme ein kleines Mischpult im Audioladen um die Ecke. Das ist allemal billiger als selber eines zu kaufen.

Sechs Faustregeln für Hobby-Tonmeister

  • Benutzen Sie so wenige Geräte wie nötig.
  • Nicht die Zahl der Funktionen ist wichtig, sondern dass man sie beherrscht.
  • Immer schön der Reihe nach: Aufbauen, Aufnehmen, Bearbeiten, auch wenn man alleine ist.
  • Nur was im Studio gut klingt, kann auch auf der Aufnahme gut klingen.
  • Während der Aufnahme: Finger weg von Effektegeräten!
  • Beim Schneiden und Bearbeiten dem Ohr regelmäßig Pausen gönnen.
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