Playdate im Test Schon mal an einer Spielkonsole gekurbelt?

Moderne Gaming-Konsolen sind zu kleinen Supercomputern geworden. Der Mini-Handheld Playdate ist ein Gegenentwurf aus einer anderen Zeit – und macht gerade deswegen Spaß.
Klein, aber fasziniert: das Playdate, ein Gerät von Panic und Teenage Engineering

Klein, aber fasziniert: das Playdate, ein Gerät von Panic und Teenage Engineering

Foto: Florian Zandt

Klar, ich habe mir eine Mini-Konsole für unterwegs bestellt. Aber als ich das quadratische, Playdate genannte Gerät aus seiner Verpackung hole, denke ich mir doch: Das Ding ist wirklich sehr klein. Auf den ersten Blick eher gemacht für Kinder- als für Erwachsenenhände. Ein Winzcomputer, der von Durchmesser, Größe und Breite her perfekt in das Scheinfach jedes mittelgroßen Geldbeutels passt.

Für eine derartige Spielerei ist das Gerät im Vergleich zu manch anderen Retro-Kleinstkonsolen aber enorm hochwertig verarbeitet. Die Knöpfe klicken satt, die Kurbel – zu ihr später mehr – rattert leicht hörbar, die Spaltmaße sind perfekt.

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Minikonsole Playdate: Quadratisch, praktisch, verspielt

Foto: Florian Zandt

Dieser Fokus auf die äußeren Werte ist nicht verwunderlich. Während die Firma Panic, die sonst iOS-Apps entwickelt und Spiele wie »Firewatch« oder »Untitled Goose Game« vertreibt, für Konzept und Software verantwortlich ist, stecken die Hipster-Instrumentenbauer von Teenage Engineering hinter dem Design. Die schwedische Firma baut eigentlich minimalistische Sequencer, Synthesizer und neuerdings auch PC-Gehäuse, für die Design- und Technik-Nerds teilweise über tausend Euro ausgeben. Dagegen wirkt der Straßenpreis von 180 Dollar für die quietschgelbe Kleinstkonsole fast schon niedrig.

Der Mix aus Idee, Design und Preis erklärt vermutlich am besten, warum die erste Marge von 22.000 Stück relativ schnell ausverkauft war. Wer jetzt noch ein Playdate ordert, muss ein Jahr Wartezeit einplanen. Die Pandemie beeinträchtigt auch hier die Lieferketten.

Jeden Tag ein neues Spiel

Auch das Innenleben des Playdate fasziniert. Die Menüführung und das Interface sind herrlich verspielt, angefangen bei der Start-Animation, in der man einmal alle Knöpfe drücken und an einer Kurbel drehen muss. So aus der Zeit gefallen das Gerät aber auch wirkt, dahinter versteckt sich moderne Technik mit Beschleunigungsmesser sowie aktuellen WLAN- und Bluetooth-Standards. Per USB-Kabel und einem eigenen Programm namens Mirror lässt sich das Spielgeschehen auch auf den PC streamen und, Bluetooth-Funktionalität des Rechners vorausgesetzt, eine Verbindung mit gängigen Konsolencontrollern herstellen.

Im Praxistest mit einem Xbox-Controller hat diese Verbindung tadellos funktioniert und konnte mein größtes Problem beheben: zu große Hände für ein zu kleines Gerät. Dem Sinn einer portablen Konsole, deren Ästhetik auf die minimalistischen Game-and-Watch-Geräte aus den Achtzigerjahren anspielt, entspricht diese Art der Bedienung natürlich weniger.

In Sachen Games geht der Handtaschencomputer einen relativ neuen Weg, der an einen Streamingdienst erinnert. Statt einen proprietären Shop anzubieten, ist beim Kauf der Konsole eine ganze Staffel Spiele inkludiert. Heißt: Zwölf Wochen lang gibt es jede Woche zwei neue Spiele oder Spielereien, teilweise von renommierten Indie-Entwicklern produziert, teilweise von selbst in der Szene eher Unbekannten. Während man bei vielen Digital-Shops wie Steam nur eine Spiellizenz kauft und auf die Langlebigkeit des jeweiligen Stores angewiesen ist, kann man die auf eine einzige Datei komprimierten Playdate-Games auch nach Ende der Staffel dauerhaft behalten.

Je nach dem Anspruch, den man an sein Spielerlebnis stellt, kann einen das Playdate aber auch enttäuschen. Und damit ist nicht mal die Tatsache gemeint, dass sich mit dem Gerät und seinem winzigen monochromen LCD-Display nur bei guter Beleuchtung vernünftig spielen lässt, was nach einer Lupenlampe als Zubehör schreit – wie einst zu Game-Boy-Zeiten.

Manche Playdate-Games sind eher Spielereien, die nicht für mehr als fünf Minuten unterhalten. In »Whitewater Wipeout« etwa muss ein Surfer mittels der Kurbel auf sein Brett gehievt und mit weiteren Kurbelbewegungen auf einer Welle hoch- und runterbewegt werden. Und »Snak« ist nur ein leicht angepasster Klon des klassischen Handyspiels »Snake«. Außerdem gibt es eine »Asteroids«-Kopie und einen an »Mario Paint«-Composer erinnernden Sequencer mit tanzenden Pizzastücken und Pandas namens »Boogie Loops«. Wirklich kreativ nutzt kaum eines dieser Spiele die Kurbel, die sich je nach Bedarf aus- und einklappen lässt.

Von hüpfbereiten Park Rangern, Yeti-Jägern und Inventar-Messis

Weitaus ambitionierter ist »Spellcorked«. Hier braut man Tränke nach Kundenwunsch. Kaffeebohnen etwa werden in einem Mörser mit kräftigen Kurbelbewegungen zermahlen und in kochendem Wasser bis zur richtigen Konsistenz herumgerührt. »Sasquatchers« ist ein rundenbasiertes Strategiespiel, in dem ein Team von Bigfoot-Jägern mit unterschiedlichen Fertigkeiten Karten erkunden und gegen Likes und Views Fotos von mysteriösen Kreaturen schießen muss. »Forrest Byrnes: Up in Smoke« ist ein launiges 2D-Jump’n’Run mit einem Park Ranger in der Hauptrolle.

»Inventory Hero« wiederum kopiert die Erfolgsformel des Endlos-Rollenspiels »Loop Hero«, in dem der Held oder die Heldin automatisch gegen Gegner kämpft und der Spieler nur die aufgesammelten Items anlegen oder wegwerfen muss. Und in »Zipper« von Indie-Ikone Bennett Foddy kämpfen sich Spieler Feld für Feld durch eine japanische Festungsanlage und können Gegner nur erledigen, wenn sie in einem Zug an ihnen vorbeirauschen.

Die Auswahl der Spiele ist so bunt und vielfältig, aber manches wirkt wie Füllmaterial. Offenbar will Panic zeigen, was selbst auf kleinstem Raum möglich ist. Allen Titeln gemein, selbst ernster wirkenden Spielen wie »Zipper«, ist allerdings der Spaß am Experiment und ein selbstironischer Blick auf die Gameplay-Standards der Spielebranche. Das Ganze ist jedoch kein Mittelfinger in Richtung der Blockbuster, eher ein Augenzwinkern.

Kleine Macken, großes Potenzial

Fast noch interessanter als für Spieler dürfte das Playdate in Zukunft für Entwickler sein. Panic bietet Software-Entwicklungskits zum Gratis-Download an, und mit Playdate Pulp gibt es ein niedrigschwelliges Online-Tool, mit dem sich Spiele ähnlich wie im Web-Baukasten Bitsy zusammenklicken und als sogenannte Pdx-Datei exportieren lassen. Diese Datei lässt sich wiederum von Entwicklern frei verkaufen und über das Web-Interface auf das eigene Playdate aufspielen. Das wirkt auf eine angenehme Art rebellisch und unangepasst – und ist eine gute Sache für den Indie-Markt, obwohl die Zielgruppe naturgemäß eher klein ist.

Die Frage, ob sich Playdate für den Normalo-Spieler lohnt, ist schwer zu beantworten. Aus Design-Sicht ist die Mini-Konsole den Preis wert, das Potenzial für interessante Hacks, Modifikationen und spannende, kleine Spiele ist da. Und auch diejenigen aus der Generation Ü40, die ein Retro-Gefühl im neuen Gewand suchen, dürften ihren Spaß mit dem Gerät haben.

Warten müssen potenzielle Käufer aber sowieso – und vielleicht schafft es Panic in der Zwischenzeit ja, eine beleuchtete Lupe auf den Weg zu bringen. Die bräuchte ich ziemlich dringend.