Alternative zur App Dieses Armband soll bei Corona-Kontakten warnen

Der Bund unterstützt Wissenschaftler aus Kiel bei der Entwicklung eines Corona-Warn-Armbands mit rund 100.000 Euro. Technisch sieht alles gut aus. Doch ein paar gravierende Alltagsprobleme sind noch ungelöst.
Corona-Armband aus Kiel: Die Bundesregierung investiert 100.000 Euro in das Projekt

Corona-Armband aus Kiel: Die Bundesregierung investiert 100.000 Euro in das Projekt

Foto: Benjamin Walczak / Groschendreher.de

Das Gesundheitsministerium will sich nicht allein auf die Corona-Warn-App verlassen, um Infektionsketten zu unterbrechen. Damit auch Menschen ohne oder mit einem zu alten Smartphone über Risikokontakte informiert werden können, investiert der Bund in die Erforschung eines Warn-Armbands, das Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel seit Juli zusammen mit einem Sozialverein und einer Internetagentur entwickeln.

Das Armband sieht aus wie ein Fitness-Tracker, hat aber nur eine Funktion: die Trägerin oder den Träger informieren, ob sie einer positiv auf Covid-19 getesteten Person für eine kritische Zeit zu nahe gekommen sind. Das ist die gleiche Aufgabe, die auch die Corona-Warn-App der Regierung erfüllt.

Der aktuelle Entwicklungsstand klingt vielversprechend: Rein technisch klappt alles, sagt Informatikprofessor Olaf Landsiedel von der Kieler Universität im Gespräch mit dem SPIEGEL. »Das Warn-Armband ist zu 100 Prozent kompatibel mit der App.«

Die Alltagstauglichkeit soll nun in einem Pilotprojekt getestet werden. Wie die »Welt« berichtet, sollen in den kommenden Wochen bis zu 1000 Armbänder in Pflege- und Altenheimen in Kiel verteilt werden, um zu überprüfen, ob das Armband auf die gewünschte Weise Daten mit Smartphones in seinem Umfeld austauscht. Unter anderem sollen auf diese Weise Infektionsketten nachvollziehbar werden.

Weniger als die Hälfte der Senioren hat ein Smartphone

Die Entscheidung, das Gerät zuerst in Pflege- und Altenheimen zu testen, ist kein Zufall: Zielgruppe des Armbands sind vor allem Senioren, die kein Smartphone haben, auf dem sie die Corona-Warn-App installieren könnten. Laut Statista verwenden gerade einmal 41 Prozent der Menschen über 65 Jahren ein Smartphone.

Das Gesundheitsministerium investiert 100.000 Euro in das Projekt. Eine Sprecherin erklärte auf Anfrage, dass man verschiedene Optionen prüfe, um den Zugang zur Corona-App auszuweiten. »Trägerinnen und Träger des Armbands sollen von der Corona-Warn-App als Kontakte erkannt werden und umgekehrt soll das Armband Kontakte zu anderen Armbändern und Smartphones erkennen.« Das Ministerium weist darauf hin, dass die Daten, genau wie in der App, pseudonym gespeichert werden sollen.

Dass es sich um ein Armband handelt, scheint für das Ministerium nicht entscheidend zu sein. Der Regierung geht es um die Technik dahinter. »Im Vordergrund der Förderung stehen die technische und prozessuale Interoperabilität mit der Corona-Warn-App sowie die Akzeptanz seitens der Nutzenden«, teilt die Sprecherin mit.

Bis zu zwei Wochen Akkulaufzeit

Die Hardware unter der verspiegelten Plastikkappe ist überschaubar: Im wasserdichten Gehäuse stecken eine Platine, ein Bluetooth-Chip und eine mehrfarbige LED. Der Akku hält nach Angaben der Wissenschaftler derzeit drei Tage, die Laufzeit soll aber auf bis zu zwei Wochen verlängert werden. Das Linux-Betriebssystem Zephyr steuert die Bauteile und sogt dafür, dass regelmäßig Schlüsselcodes gesendet und empfangen werden.

Die Forscher hatten die Technik bereits im September mit rund 300 Armbändern auf der Kieler Woche getestet. »Da lief alles glatt«, sagt Landsiedel. Jetzt gehe es darum auszuprobieren, wie die Menschen das Armband akzeptieren und ob sich Verbesserungen aus der Pilotphase ergeben.

Technik für rund 20 Euro: Der Akku des Warn-Armbands soll bis zu zwei Wochen halten

Technik für rund 20 Euro: Der Akku des Warn-Armbands soll bis zu zwei Wochen halten

Foto: Benjamin Walczak / Groschendreher.de

Unter anderem haben sich bei den Testläufen auch soziale Hürden gezeigt. So müssen die Forscher noch klären, wie der Träger des Armbands gewarnt wird, wenn ein Risikokontakt gemeldet wird. Schließlich wolle niemand, dass beim Einkaufen die LED plötzlich rot aufleuchtet, sagt der IT-Experte. Eine Lösung könnte sein, dass die Warnlampe nur beim Aufladen eine bestimmte Farbfolge anzeigt. Mit einem Leuchtcode soll der Nutzer auch informiert werden, wenn der Akku leer ist.

Ein ziemlich großes Problem ist allerdings, dass das Band keinen direkten Zugriff auf das Internet hat. Der ist aber für den Abgleich der Begegnungsdaten nötig. Nur dann kann das Armband feststellen, ob ein Kontakt in der Zwischenzeit positiv getestet wurde. Doch die Forscher haben weder einen WLAN-Empfänger noch ein Mobilfunkmodul für das Armband vorgesehen. Die Begründung: Nur so sei ein Stückpreis von rund 20 Euro möglich.

Der Datenabgleich muss daher über einen Umweg erfolgen: Derzeit aktualisieren tragbare Computer die Daten per Bluetooth. Nach der Pilotphase könnten die Updates den Wissenschaftlern zufolge über Tablets von Pflegern oder über Rechnerstationen an zentralen Plätzen wie Rathäusern eingespielt werden.

Richtig knifflig wird es zudem, wenn sich der Träger eines Armbands mit Sars-CoV-2 infiziert. Hier fehlt dem Gerät eine Kamera, um den in einem solchen Fall zugestellten QR-Code des Gesundheitsamts mit der Infektionsbestätigung einzuscannen. »Derzeit geht das nur auf Zuruf«, also manuell, sagt Olaf Landsiedel.

Aber dieser Weg wird sich wohl in der Praxis kaum umsetzen lassen, da infizierte Nutzer ja unerkannt bleiben sollen. Der IT-Professor sagt: »Das ist eine der Herausforderungen, die wir noch lösen müssen, wenn wir von einem Hunderte Euro teuren Telefon auf ein 20-Euro-Armband wechseln.«