Antreiber Steve Ballmer Microsoft startet durch

Steve Ballmer, lange rechte Hand von Bill Gates und nun seit 13 Jahren Vorstandschef von Microsoft, ist kein Mann für subtile Manager-Methoden. Wenn er etwas durchsetzen will, nimmt er den Vorschlaghammer und nicht das Skalpell.

Microsoft-Chef Steve Ballmer: "Schneller! Schneller! Schneller! Schneller!"
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Microsoft-Chef Steve Ballmer: "Schneller! Schneller! Schneller! Schneller!"

Von , San Francisco


Offiziell ist Steve Ballmer nach San Francisco gekommen, um zum Auftakt der dreitägigen Entwicklerkonferenz des Konzerns neue Microsoft-Produkte zu präsentieren. Allen voran eine neue Version von Windows. Aber eigentlich geht es ihm an diesem Morgen nur um eine simple Botschaft an die Tausenden Entwickler, Microsoft-Angestellten und Hardware-Partner. Kaum auf der Bühne, brüllt er in den Saal: "Schnellere Produktveröffentlichungen!"

Und so präsentiert Ballmer erst einmal keine Neuheiten, sondern diktiert dem Publikum nichts anderes ins Gedächtnis als die Anweisung: "Schneller! Schneller! Schneller! Schneller!" Für einen Moment ist das unterhaltsam, fast komisch, aber Ballmers Gesichtsausdruck erstickt schnell jedes Lachen in der Halle. Ballmer rennt auf und ab auf der fast 50 Meter langen Bühne, er legt nach: Drei Jahre, bis es ein neues Windows-Update gibt? "Vorbei. Für immer."

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Polierte Kacheln: Microsoft zeigt Windows 8.1

In den folgenden zwei Stunden macht der Chef deutlich, dass er ein neues Microsoft will: beweglich, innovativ, schnell. Nur muss er dazu das alte Microsoft erst ausradieren, das er selbst wesentlich mitgeschaffen hat: träge, arrogant, umständlich. Ballmer lachte einst über das iPhone, glaubte nicht an Touchscreens, lästerte über das Geschäftsmodell von Google. Man muss ihm nun aber zugutehalten, inzwischen sehr genau verstanden zu haben, dass sich die alten Industrieriesen nicht mehr auf ihrer Marktmacht ausruhen können. Oder Kreativität einfach zukaufen können. Andere haben das erst spät gemerkt, zu spät vielleicht. Dell etwa oder Hewlett-Packard. Einstige Größen, die zunehmend verzweifelt nach einem Platz in der neuen Branchen-Weltordnung suchen, die von rasant fallenden PC-Umsätzen und dem Aufstieg von Tablets, Smartphones und monatlichen Software-Updates bestimmt wird.

Ballmer dagegen will nicht mal mehr vom Windows-PC sprechen, für ihn gibt es nur noch "Windows-Geräte". Microsoft treibt seine Hardware-Partner inzwischen erbarmungslos zu größtmöglicher Vielfalt an: Tablets in allen Formen, Smartphones, Ultrabooks, Laptop-Tablet-Kreuzungen. Ein Element soll jedoch allen gemein sein, so fordert es Ballmer mit der inzwischen bekannten Methode endloser Wiederholung: "Touch, Touch, Touch, Touch, Touch. Und noch mal: Touch."

Arbeitstier statt Revolution

Diese Fixierung hat einen einfachen Grund. Windows 8 funktioniert weitaus besser mit dem Touchscreen als per Maus und Tastatur. Und Windows 8 ist unverändert Kern der Konzernstrategie: ein gewagter Neuentwurf des Betriebssystems, veröffentlicht gerade erst im November 2012. Gelobt als wegweisend und hervorragend gestaltet. Fortschrittlicher auf einmal als Apple und erstaunlich elegant. Aber zu radikal für viele gestandene Nutzer, die lieber ein brauchbares Arbeitstier wollen als eine Revolution.

Nun hat Microsoft mit dem in den kommenden Monaten erhältlichen Windows 8.1 schnell einen halben Schritt zurück gemacht. Ballmer spricht allerdings lieber von "neuer Mischung":

  • Es gibt wieder einen Start-Button (mehr Details dazu hier).
  • Beim Hochfahren können sich Anwender entscheiden, ob sie direkt mit dem altbekannten Desktop oder der neuen Kachel-Oberfläche starten wollen.
  • Insgesamt ist Windows 8.1 einfacher zu navigieren.
  • Die Suchmaschine Bing und der Cloud-Service SkyDrive sind tiefer integriert.

Aber Ballmer macht auch klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Das lässt sich schon allein an der Wortwahl ablesen. Die neue Kacheloptik nennt er "das moderne Windows" im Gegensatz zum "alten Desktop". Das klingt fast ein wenig abschätzig. Auch die Software-Entwickler scheinen klar auf der Seite des "modernen" Windows.

In den vergangenen zwei Tagen konnte ich mit vielen Programmiereren, Hardware-Experten, Konzernmitarbeitern und Entwicklern sprechen. Keiner von ihnen will zurück zum alten Microsoft. Auch wenn allen dabei inzwischen klar geworden ist, dass ein großer Umbruch im Gange ist, der nicht ruckelfrei ablaufen kann. Microsoft ist dabei eine Mischung aus Hard- und Softwarekonzern zu werden, ein Geräte- und Dienstleistungsanbieter. Zu neuer Strategie und Philosophie gehören meist auch neue Strukturen.

Nächste Woche schon könnte Ballmer deswegen angeblich auch einen Umbau der Konzernorganisation bekanntgeben. Gibt es zum neuen Microsoft auch einen neuen Steve Ballmer? Ruhiger, reifer, überlegter statt wie früher gerne schreiend, springend, schwitzend? Fast scheint es so. Dieses Mal ist kaum eine Spur von dem überdrehten, hemdsärmeligen Ballmer zu bemerken, der berüchtigt ist für seine theatralischen Motivationsauftritte bei Betriebsveranstaltungen. Vielleicht spürt er, dass die neuen Zeiten mehr Bescheidenheit verlangen. Die mitunter lebhafteste Publikumsreaktion ruft nicht ein neues Microsoft-Produkt, sondern die Ankündigung einer Facebook-App für Windows hervor.

"Oh mein Gott, na endlich", entfährt es meinem Sitznachbarn, einem Softwareentwickler aus Houston. "Es wird Zeit, dass der Laden endlich in die Gänge kommt."

insgesamt 81 Beiträge
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Seite 1
R4mbo 27.06.2013
1.
Die Kacheloptik ist für mich jetzt das "alte" Windows.
schaufel 27.06.2013
2.
Durchstarten? M$ versucht nach den Baulandungen Windows8, XBox und Surface sowie nach dem Prism-Skandal wieder den Arsch hoch zu kriegen, das war's dann aber auch. Marketingdesaster folgt Marketingdesaster.
XenonLJ 27.06.2013
3.
Endlich ist die neue Version des NSA-Betriebssystem für den gläsernden Kunden aufm Markt, mit neuen Lücken, welche erst nach dem ausspionieren geschlossen werden. Hurra. Ein Hoch auf Microsoft, seine NSA-Schergen und die tatenlose EU.
mike siegel 27.06.2013
4.
Microsoft nervt immer mehr. 15 Jahre habe ich dasselbe Hotmail account, immer zufrieden, aber seit OUTLOOK übernahm, geht da nun meist gar nix mehr! Ein Alptraum. WAKE UP Microsoft! Wer hat die Zeit, 5x die Stunde einzulocken, bis die Seite endlich aufgeht. Und selbst dann lassen sich die Mails nicht immer anklicken / öffnen. Das ist peinlich und ärgerlich.
tpk 27.06.2013
5.
Eigentlich ist Win8 Android und Apple einen Schritt voraus, denn sie haben die zwei Welten Touch & Desktop - Feierabend & Arbeitswelt - zusammengeführt. Angesichts zu erwartender höherer Leitungsdichte bei immer kleineren Geräten könnte MS eine besser Ausgangsposition haben als die Konkurrenz. Nur ist das Verhalten von Kunden nicht eben logisch - siehe die durch nichts Sachliches gerechtfertigte Antipathie gegen Win8. Und MS muss noch beträchtlich aufholen in Sachen Apps. Bin mal gespannt, wie sich das entwickelt.
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